Kiku
09.01.2018

Zwischen Steinzeit und virtuellen Welten

„Mehltau - die digitale Vermessung des Menschen“ im Theaterbrett spielt zwischen Spielern und Followern. Bericht von einer der letzten Proben vor der Uraufführung.

Einerseits erinnern die mit Schnüren zusammengebundenen Holzstangen – im Kupferrohrlook – an Zelte. Andererseits drängt sich – vor allem angesichts der Kleinstversionen dieser Tetraeder (geometrischer Figuren aus vier Dreiecken) sofort der Untertitel des Stücks „ Mehltau“ auf: „Die digitale Vermessung des Menschen“ Doch es sind nicht Cyborgs, die die Bühne bespielen, sondern Menschen – sogar in eher urgeschichtlich anmutenden Kleidungen. Der Kinder-KURIER besuchte eine der letzten Proben vor der Uraufführung.

Ausgestiegen oder ausgestoßen

Anna (Henrietta Isabella Sophie Rauth), Elias (Kilian Klapper) und Annas Sohn Jan ( Fela Nossek) leben hier in einer Art Aussteigerwelt in Do It Yourself-Hütten, die während des Stücks hin und wieder erweitert werden. Obendrein bauen sie Getreide an. Weil sie wollen? Oder müssen, weil die Welt schon weitgehend zerstört ist?
Mit der Pistole, die Elias im Anschlag hält, macht er Jagd auf einen Maulwurf, der seiner Meinung nach den Weizen bedroht. Schon das ein Bruch – keine Fallen, keine natürlichen Feinde, wozu durchaus auch Hunde und Katzen zählen, sondern ein Schießeisen!
Der größere Bruch – die Brücke zur aktuellen Neuzeit – ergibt sich aus den Gesprächen darüber, gleichsam ständig online sein zu müssen, beobachtet zu werden - Follower zu haben oder möglichst viele zu wollen. Die Währung sind Herzen, sozusagen Super-Likes.

Darin ist Irina (Julia Prock-Schauer) top, die wie aus einer anderen Welt auftaucht –zwar ähnlich gekleidet, aber im Gegensatz zu dem eher wortkargen Trio hat sie ihren ersten Auftritt schon in einer Art Sprechdurchfall, mit dem sie vor allem Anna überrollt. Sie ist eine Spielerin, die anderen stehen zunächst sozusagen auf der anderen Seite, auf der der „Verfolger“ wie hier die Follower bezeichnet werden.

Bestätigungs-Sucht

Anna ist mit ihrem Dasein sichtlich unzufrieden, aber doch auch nicht glücklich als sie merkt, mit gewalttätigem Verhalten viele Herzen zu erobern. Sie stellt Fragen, stellt in Frage: „Die ganze Zeit brauchen wir Bestätigung. Damit wir das Gefühl haben richtig zu sein. Am richtigen Platz zu sein. Die Leute haben Angst. Sie scheißen sich an. Haben Angst davor was Falsches zu sagen. Was Falsches zu denken. Was Falsches zu tun. Falsch zu leben. Falsch zu sein.“
Womit die anderen nicht gerade sehr viel anfangen können – eine Klammer zur Realität, oder?!

Premiere für 11-Jährigen

Im Quartett der Darsteller_innen ist Fela Nossek der Jüngste. Der 11-Jährige spielt Jan. „Das ist das erste Mal, dass ich auf einer echten Theaterbühne spiele“, sagt der dem Kinder-KURIER. „Bisher hab ich nur immer in der Schule gespielt. Da machen wir jedes Jahr ein Stück, das wir aber selber erarbeiten.“ Als Jan hat er nur ganz wenige Auftritt, die aber müssen dann exakt kommen – und sie tun es. Bewundernswert ist seine Geduld des langen Wartens dazwischen bis er wieder einmal drankommt.

Übrigens: Mehltau ist eine durch Pilze verursachte Pflanzenkrankheit, der „echte Mehltau“ befällt u. a. Getreidearten.

Was? Wer? Wann? Wo?

Mehltau
Die digitale Vermessung des Menschen
Eine Playground Produktion

Text: Florian Drexler, Patrick Trotter,
Regie: Florian Drexler

Schauspiel:
Anna: Henrietta Isabella Sophie Rauth
Irina: Julia Prock-Schauer
Elias: Kilian Klapper
Jan: Fela Nossek

Dramaturgie: Patrick Trotter
Bühne und Kostüm: Sarah Sternat
Live-Musik: Valentin Eybl, Erich Konlechner
Lichtdesign: Sabine Wiesenbauer
Organisation: Helene Sust
Dramaturgische Beratung: Helene Sust, Michael Walk
Design: Nicole Zimmermann

Wann & wo?
11., 13., 14., 18. bis 21. Jänner 2018
Theater Brett, 1060, Münzwardeingasse 2

Karten: (01) 943 1279
contact@playground-vienna.com
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