Alle anwesendenSiegerinnen und Sieger, Jury-Mitglieder, Sponsor_innen, das Schauspiel-Duo, das die Texte professionell vorgetragen hat, die beiden Gebärden-Dolemtscherinnen, das Moderations-duo und der Initiator...

© Heinz Wagner

Literaturpreise
12/02/2015

Ich hole mir meine Seele zurück

Berührende aber auch humorvolle Texte wurden beim neunten Literaturpreis "Ohrenschmaus" im Wiener MQ ausgezeichnet.

von Heinz Wagner

Eine fremde Schreibtischfrau entschied vor 50 Jahren, dass ich nicht einmal die Sonderschule besuchen durfte... Dabei lerne ich so gerne und kann viel...“, beschreibt einer der drei Hauptpreisträger_innen eine frühe sehr arge Lebensentscheidung, die jemand anderer über ihn fällte. Er, das ist Hans-Martin Hiltner, der seine Lebensgeschichte mit Hilfe seiner Schwester aufschrieb/-schreiben ließ. Allen diesen Benachteiligungen – und anderen Schicksalsschlägen zum Trotz strahlen er und sein Text so viel Lebensfreude aus, dass die Jury, der rund 150 – anonymisierte – Texte von Menschen mit Lernbehinderungen vorlagen – diesen mit einem der Hauptpreise bedachte.

Der Jury gehört unter anderem von Anfang an der bekannte Buch-/Theater- und DrechbuchautorFelix Mittereran, der von Beginn an festlegte, hier gehe es nicht um Mitleid, sondern um Bewertung von Literatur. Zum neunten Mal wurden vor dem Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung die LiteraturpreiseOhrenschmaus“ vergeben, den der Nationalratsabgeordnete Franz-Joseph Huainiggins Leben gerufen hatte. Wie in den vergangenen Jahren schon fand die Zeremonie in der Ovalhalle des Wiener MuseumsQuartier statt. Zum neunten Mal wurden vor dem Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung die LiteraturpreiseOhrenschmaus“ vergeben – wie in den vergangenen Jahren schon in der Ovalhalle des Wiener MuseumsQuartier. Umrahmt von Musik – in diesem Jahr von derAll Stars Inclusive Band, der Musik Uni Wien – werden die Texte jeweils von professionellen Schauspieler_innen vorgetragen, in diesem Jahr vonJulia JelinekundDavid Oberkogler. Launig moderiert vonDani LinzerundRonny Pfennigbauer, bekannt als MC Ron – und natürlich simultan übersetzt in Gebärdensprache.

Miniaturen

Literarische Miniaturen über Geheimnisse, Glaube, Freude, Unglücklichsein und „Die Seele“ hatteSilvia Hochmüllerverfasst. So wie sie mit Bällen jonglieren kann, so spielt sie hier mit Worten und ganz spannenden Wortbildern, die richtiggehend Wege zum Sinnieren, Grübeln, Nachdenken eröffnen und „nebenbei“ auch zum einen oder anderen Schmunzeln Anlass geben, etwa „heute ist ein dummer Tag, seit gestern schon“ oder „ein Geheimnis kann ich niemandem schenken... die Geheimnisse, die ich nicht mehr brauche, gebe ich hinaus...“

Hier ihr Text „Die Seele“
Meine Seele läuft mit immer davon.
Das merke ich, das krieg ich mit.
Die Seele hat keine Füße, die Seele hat Flügel.
Die Seele muss mit mir reden.
Ich war nicht einverstanden als meine Seele gegangen ist. Ich hole sie mir zurück. Nächste Woche.
Das geht mir auf die Seele, das geht mir auf die Nerven.
Mein Herz ist durcheinander.
Ich soll mich nicht fallen lassen, sonst wird es nichts.
Sonst bricht die ganze Seele zusammen. Wie ein Erdbeben, ein Vulkan.

dössöbi

Der dritte Hauptpreis (jeweils 1000 Euro) ging an einen „alten“ Bekannten. Aber nur wegen seines Textes, denn wie schon erwähnt, bekommen die Juror_innen den Text nur mit einer Nummer versehen, ohne den Namen des Menschen, der ihn verfasst hat.Peter Gstöttmaierbekam den preis für das Gedicht „dössöbi“.
Mama/sogt ollwei/dössöbi
jedn tog/ruaf ih on
mama/sogt ollwei/dössöbi
und/ollwei ruaf/ih sie wieda on

Schmelzen wie Schokolade

Neben den drei Hauptpreisen wählt die Jury jedes jahr auch einen speziellen Text aus, der wird in die Schleife einer eigens vom kreativen Schokoladenhersteller Josef Zotter für Ohrenschmaus fabrizierten Schokomischung gedruckt. Dieses Jahr ziert die Brasilien- bzw. Apfel-Sanddorn-Schoko der Text „See“ von Johanna Maria Ott:
Der See ist klar, man kann den Mond sehen, Frauen, Mädchen schwimmen im sommerlichen Wasser.
Die Männer und Jungen sehen ihre verschwommenen Bewegungen.

Da kam ein wunderschönes Mädchen aus dem Wasser. Johanna war ihr Name, und sie legte sich neben einen Jungen und er streichelte sie am Rücken und am Kopf und sie schmolz.

... das kannst du dem Heiligen Geist erzählen

Neben den „Hauptpreisen“ reiht die Jury jeweils rund ein halbes Dutzend Texte auf die Ehrenliste. Wie schon im Vorjahr sorgte Julia Jirakmit einem Text für mehrmals herzhaftes Lachen beim gesamten Publikum. Diesmal mit „Krippenspiel in neuer Version“.

Nachdem Maria ihrem enthaltsamen Ehemann Joseph eröffnete, dass sie schwanger sei, meinte der: „Moment mal Maria, du bist schwanger. Mit wem hast du mich betrogen?“.
Maria: „Mit Gott!“.
Joseph: „Das kannst du dem Heiligen Geist erzählen“.

Und unmittelbar nach der Geburt lässt sie Joseph auf die Frage Marias, was das Kind denn geworden sei sagen: „Ein Junge, huch jetzt ist er mir fast runtergefallen, Jessas…“
Maria: „Jessas - ein guter Name!“

Der Mensch

Humorvoll auch Passagen aus Christian Kargls „Der Mensch“:
„der mensch besteht aus einem kopf, haut, knochen, muskeln und gelenken. einem herz und einem gehirn, die regeln den ganzen kreislauf des menschen. mit dem gehirn lernt man auch die sachen, die man so braucht. so entstehen auch manchmal neue ideen.
der mensch besteht aus lebenstrauer. haß, wut und liebe. sex. sieben. und hilfsbereitschaft. traurige augen. sehnsucht.“

www.ohrenschmaus.net

... von der Preisverleihung

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