Kiku
29.03.2017

Samir/a will aus dem Käfig ausbrechen

„Die Geschichte eines Jungen aus Afghanistan“ erzählt über unterdrückte Mädchen und Frauen im Land und von einer Flucht nach Europa.

Fußball spielen, auf Bäume klettern, laut lachen, Leuten in die Augen schauen, lesen und schreiben (lernen), Drachen steigen lassen und noch viel mehr was für uns alltäglich ist, ist vielen Kindern auf der Welt nicht möglich. Oft auch „nur“, weil sie Mädchen sind. Das gilt unter anderem für weite Teile in Afghanistan. So manche Eltern, insbesondere dann, wenn sie keinen Sohn haben, ermöglichen einer ihrer Töchter ein freieres Leben – als Bub verkleidet, genannt Bacha posh. Das Mädchen hat was davon, kann in die Schule gehen, lernen und – draußen – spielen. Und die Eltern sind angesehener, weil sie für die anderen doch einen Sohn haben.

Die eben beschriebene gar nicht so bekannte Tatsache, gepaart mit der doch immer wieder auch beschriebenen der schwierigen, (lebens-)gefährlichen, teuren Wege der Flucht aus solchen und ähnlichen Verhältnissen ist nun in einem knapp mehr als einstündigen spannenden, dichten, immer wieder auch den Atem stockenden lassenden Theaterstück im Dschungel Wien zu sehen: „Die Geschichte eines Jungen aus Afghanistan“.

Vielschichtiges Schauspiel

Alev Irmak spielt in und rund um ein Gitter-Geviert – einmal Fußballkäfig, einmal Marktplatz auf dem eine Bombe explodiert, dann wieder (Kinder-)Gefängnis auf dem Fluchtweg, Baustelle, LKW-Unterboden... – diese Samira, die als Samir aufwächst und irgendwann die unerträglichen Verhältnisse nicht mehr länger erdulden kann und daher abhaut. Vielschichtig von der Freude am Spiel über die Angst in vielen Situationen vor allem auf der Flucht bis hin zum (Selbst-)Zweifel bin ich jetzt ein Mädchen oder doch vielleicht sogar eher ein Bub bringt sie hautnah rüber. So nebenbei schlüpft sie auch in die Rolle diverser Nebenfiguren.

Der „ Käfig“ (Bühnenbild Paola Uxa) wird übrigens immer wieder, teils auf der Hand liegend, teils aber mehr als überraschend, für furchteinflößende und andere beeindruckende Klangeffekte (Sound: Julia Meinx) genutzt und bespielt – letzteres gegen Ende im wahrsten Sinn des Wortes.

Höchste Reisewarnung und (drohende) Abschiebungen

Autor und Regisseur Flo Staffelmayr ließ sich einerseits von Jenny Nordbergs Buch „Afghanistans verborgene Töchter“ inspirieren und andererseits von Gesprächen mit jungen Schutzsuchenden aus diesem Land. In das übrigens derzeit die österreichischen Behörden Jugendliche abschieben (wollen). Auch wenn das österreichische Außenministerium auf seiner Homepage die höchste Reisewarnstufe – für das ganze Land – ausgibt: „Reisewarnung (Sicherheitsstufe 6) für das ganze Land! Vor allen Reisen wird gewarnt! Im ganzen Land besteht das Risiko von gewalttätigen Auseinandersetzungen, Raketeneinschlägen, Minen, Terroranschlägen und kriminellen Übergriffen einschließlich Entführungen, Vergewaltigungen und bewaffneter Raubüberfälle. Den in Afghanistan lebenden Auslandsösterreichern sowie Österreichern, die sich aus anderen Gründen in Afghanistan aufhalten, wird dringend angeraten das Land zu verlassen.“

Übrigens der erste Satz der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ (von der UNO-Generalversammlung am 10. Dezember 1948 beschlossen) lautet: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“

Ist ein österreichisches Leben mehr wert als ein afghanisches?

Was? Wer? Wann? Wo?

Die Geschichte eines Jungen aus AfghanistanANSICHTSchauspiel, eine Stunde, ab 9 J.

Autor, Regie: Flo Staffelmayr Darstellerin: Alev Irmak

Sound: Julia Meinx

Bühne: Paola Uxa

Regieassistenz: Nina Alarcon

Bühnenbildassistenz: Alisa Mozigemba

Theaterpädagogik: Christina Rauchbauer

Produktionsleitung: Agnes Zenker

Videocopyright: Pablo Leiva

Wann & wo? Bis 1. April 2017 und 24. bis 29. April 2017 Dschungel Wien; 1070, MuseumsQuartier Telefon: (01) 522 07 20-20www.dschungelwien.at

Eine abenteuerliche Reise geleitet vom Traum von einem besseren Leben

Heute will der Junge unbedingt ein Tor schießen! Sie kicken auf dem Marktplatz, er hat den Ball, zieht durch, der Ball fliegt und fliegt und – trifft genau den Kopf einer verschleierten Frau! Sie fällt und bewegt sich nicht. Der Junge überlegt nicht lang. Er hat in der Schule einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht und beginnt gleich mit der Mund-zu-Mund-Beatmung. Doch das darf man nicht! Schon ist er umringt von Männern mit dichten Bärten, die ihn anschreien. Männer, die in diesem Land bestimmen, was man darf und was nicht. Männer, die Gewalt säen und seine Familie bedrohen. Hier soll der Junge nicht mehr bleiben. Er soll es besser haben, sagt seine Mutter und schickt ihn allein auf den langen und gefährlichen Weg nach Europa. Der Junge erzählt uns von den Schleppern, der Not und der Angst. Aber auch vom Ankommen und davon, wie man hier herausfindet, wer man nun sein soll.

Es gibt viele Gründe aus Afghanistan zu fliehen, einem Land, in dem Frauen keine Rechte haben, in dem Gewalt an Frauen an der Tagesordnung ist. Manches Mädchen wächst dort als Junge auf, denn Mädchen haben keinen Wert – oft scheint es da leichter, die Wahrheit ein wenig zu verbiegen. Bis die Realität hereinbricht und die Sehnsucht nach einem besseren Leben ins Unermessliche wächst.

Die Vorstellungen vom 26. bis zum 29. April finden im Rahmen der 7. Wiener Integrationswoche statt.