Leben | Kiku
10.02.2018

Kinder- und Jugend-Theaterfestival: Unbekannte "Länder" erforschen

spleen*graz, 7. internationales Theaterfestival für junges Publikum sprengt so manche Grenzen.

Update: 12. Februar 2018, 16.51 Uhr: Einen Abschnitt über theatrale Rahmen-Aktionen wie WG und Installationen hinzugefügt. Update: 11. Februar 2018, 0.01 Uhr: Drei neue Stückbesprechungen hinzugefügt Update: 10. Februar 2018, 12.55 Uhr: Eine neue Stückbesprechung hinzugefügt Update: 10. Februar 2018, 10.17 Uhr: Eine neue Stückbesprechung hinzugefügtUpdate: 10. Februar 2018, 0.27 Uhr: Zwei neue Stückbesprechungen hinzugefügt Update: 10. Februar 2018, 0.50 Uhr: Links zu früheren Besprechungen von stücken hinzugefügt, die auch bei spleen* graz zu sehen sind.

Noch bis 12. Februar steht Graz an vielen Ecken und Enden im Zeichen von Kinder- und Jugendtheater aus – diesmal – zehn Ländern Europas. 13 Theatergruppen aus Großbritannien, Norwegen, Tschechien, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, der Schweiz, Slowenien, Deutschland und Österreich bespielen sechs Spielorte in der steirischen Landeshauptstadt sowie die Festivalzentrale, den spleen*hotspot im Theater im Bahnhof. Zum siebenten Mal steigt das – alle zwei Jahre stattfindende – Festival „spleen*graz“ (getragen vom Mezzanin Theater und dem TaO! - Theater am Ortweinplatz Graz) mit Stücken sowohl für schon sehr junge Kinder, als auch für Jugendliche. Gespielt wird nicht nur in Theaterräumen, sondern teilweise als erforschende, entdeckende Performances im Freien. Nicht immer treten die Künstler_innen fürs Publikum auf, in manchen Produktionen wird das Publikum unerlässlicher Teil der Performance – und zwar nicht nur als aktive Zuhörende, sondern als integrierte Mitwirkende.

Eltern auf die Schaufel genommen

Szenenfoto aus "Knapp e Familie" von Theater Sgaramusch (Schweiz) © Bild: Niklaus Spoerri

Ein junges Paar zieht erstmals zusammen. Aus wenigen Stangen, einigen, teils skurrilen Gegenständen in einem Einkaufstrolley „zaubern“ Nora Vonder Mühll und Stefan Colombo der Schweizer Theatergruppe Sgaramusch in „Knapp e Familie“ ihre Wohnung. Ein Trichter sowie eine Blumenvase werden zu den Gläsern mit denen sie auf ihr neues, ihr erstes gemeinsames Zuhause anstoßen. So jung verliebt und doch scheinen sie einander wenig zu sagen zu haben. Irgendwie doch nicht ganz glücklich. Sie schauen hin, sie schauen her, sie schauen sich um. „Da fehlt doch noch etwas!“ Aber was? Bild? Nein, ist da. Lampe? Nein auch die ist da. „Ein Kind!“ „Ein Kind wäre schon was Schönes, dann wären wir nicht mehr alleine!“Die beiden schaffen sich also ein Baby an – den Deckel einer Kühlbox. Das Schreien dazu aus dem Mund des Schauspielers wirkt gekonnt echt – bis die Nachbarin kommt und sich drüber aufregt. „Aber wir haben doch gar kein Kind, wir stellen uns nur vor, eines zu haben!“

Szenenfoto aus "Knapp e Familie" von Theater Sgaramusch (Schweiz) © Bild: Niklaus Spoerri

Später stellen sie sich einen Fünfjährigen vor – gespielt von einem jungen Zuschauer, den verlieren sie bei einem Urlaub in den finnischen Wäldern, dann kommt eine 14-jährige Tochter – die wenig mit ihnen kommuniziert, von der sie praktisch nichts wissen, weshalb sie sich in deren Abwesenheit in ihr Zimmer schleichen und in ihrem Tagebuch schmökern. „Meine Eltern sind so peinlich, die würden sogar in meinem Tagebuch lesen...“Bei jener Vorstellung, die der KiKu-Reporter im Grazer Kindermuseum „Frida & freD“ miterlebte, begannen die Kinder schon zu protestieren, als die Eltern das Jugendzimmer betreten wollten, erst recht als sie das Tagebuch – übrigens einen klappbaren Eierschneider – öffnen wollten. „Nein, das ist Privatsphäre!“ In einer anderen Vorstellung, so war zu erfahren, hatten die meisten Kinder den Eltern das Betreten erlaubt, beim Tagebuch spalteten sich die Geister: Buben riefen „ja“, Mädchen „nein, das dürft‘s ihr nicht!“In dieser amüsanten Theaterstunde nimmt das Schauspiel-Duo so manche Haltung Erwachsener, hier vor allem Eltern, immer wieder bissig aufs Korn und ermuntert teils durch eine Art paradoxe Intervention besonders die jungen Zuschauer_innen zum widersprüchlichen Mitdenken und teils auch -handeln.

Wahr oder falsch?

Natürlich ist Theater an sich ja schon ein fiktionales Spiel, in diesem Stück wird aber nochmals gespielt, dass die Episoden mit dem Kind/den verschiedenen Kindern nur Vorstellungen der Bühnen-Eltern sind. Das passt gut zu dem Motto, das in diesem Jahr über dem Festival schwebt „wahr oder falsch?“

Erinnerungen ans Leben

Szenenfoto aus "Museums of Memories" von NIE (Norwegen, UK, Tschechien) © Bild: Altman

Auf ganz andere Art thematisiert dies das Stück „Museum of Memories“ der seit fast zwei Jahrzehnten agierenden internationalen Theatergruppe NIE mit Mitwirkenden aus Norwegen, Tschechien und Großbritannien. Die maximal fünf Dutzend Zuschauer_innen sitzen auf Camping-Klappstühlen inmitten eines sehr alt anmutenden Archivs – Wände mit Schubladen aus rostigem Metall mit einigen Aufschriften in uralter Handschrift. Im Mittelgang zwsichen den Publikumsreihen und rund um sie herum spielen Kieran Edwards, Guri Glans, Iva Moberg und Dagfinn Tutturen die Erinnerungen an den Jugendlichen Marcus. Der hat sich das Leben genommen. Trotz der tragischen Ausgangssituation sind die folgenden rund eineinhalb Stunden vor allem lebensfrohen Schilderungen vor allem seines Bruders, einer Nachbarin und Lehrerin und seiner ersten Freundin gewidmet – Erinnerungen an sein, an das Leben mit ihm – witzige und peinliche Situationen ebenso wie emotional sehr berührende Momente – immer wieder begleitet, untermalt, aber auch hervorgehoben durch den Live-Musiker Helder Deploige. Er lebt weiter – in den Erinnerungen der anderen. Während die Erinnerungen an die anderen in ihm mit seinem Lebensende ausgelöscht sind.

Szenenfoto aus "Museums of Memories" von NIE (Norwegen, UK, Tschechien) © Bild: Altman

Mit einigen wenigen aber markanten Ereignissen vor allem aus dem Jahr 1986 als die Hauptfigur Markus seinen ersten Fußball bekam – Fußball-WM in Mexiko mit Diego Maradona und seinem „Hand-Gottes“-Tor, aber auch manchen Hits – werden auch Erinnerungen entsprechend alter Zuschauer_innen – für das jugendliche Publikum schon damit fast Historisches – angeregt.Zum wunderbaren, fesselnden Spiel gehört nicht minder die geniale Raumkonstruktion von Katja Ebbel Frederiksen, in der nach dem Stück auch in einigen der Laden gestöbert werden kann.

Vor allem Gefühle vermittelt

Szenenfoto aus "Onbekend Land" von Het Houten Huis / Oorkaan / Nordland Visual Theatre (Niederlande)NIE (Norwegen, UK, Tschechie… © Bild: Ilja Lammers

Ist es der Aufbruch in ein Fantasieland, die nicht immer leichte Entdeckung einer neuen Welt? Oder doch „einfach“ die Geschichte einer mühsamen Flucht mit der Ankunft in einem Land mit völlig unbekannten Bräuchen, Sitten, Gewohnheiten, einer komplett anderen Sprach(melodie)? Letzteres haben die meisten Zuschauer_innen in „Onbekend Land“ der Koproduktion mehrerer niederländischer Gruppen (Het Houten Huis, Oorkaan, Nordland Visual Theatre) im am Rande von Graz gelegenen Haus freier Gruppen, dem Kristallwerk gesehen.

Szenenfoto aus "Onbekend Land" von Het Houten Huis / Oorkaan / Nordland Visual Theatre (Niederlande)NIE (Norwegen, UK, Tschechie… © Bild: Ilja Lammers

Was an diesem rund einstündigen Stück beeindruckt ist, dass nichts plakativ, vordergründig erzählt wird. Das feinfühlige Spiel von Inez de Bruijn wird genial ergänzt und erweitert durch die drei Musiker Radek Fedyk, Martin Franke und Raimund Groß, die immer wieder auch, vor allem, als Fantasiefiguren an der Grenze zum und im neuen Land auftauchen. Dabei nutzen sie außer klassischen Instrumenten wie Gitarre, Trompete, Trommeln, einem Metallophon vor allem unterschiedlich dicke und lange Metallfedern, Tröten usw. Die durch wenige Handgriffe veränderbare Bühnenlandschaft aus Elementen, die aus weißen Dreiecken zusammengesetzt sind, strahlt viel Kälte aus.

Musik und Schauspiel vermitteln vor allem Eindrücke von Gefühlen und Stimmungen des Ausgesetzt-Seins, der Suche nach Auskennen- und Akzeptiert-werden-Wollens in der neuen Umgebung. Öffnet die Ankommende ihren Koffer, so findet sie Erinnerungsstücke – Phasen des Heimwehs, aber auch des Gefühls von Geborgenheit beginnen – und sind mit Schließen des Koffers abrupt zu Ende. Laaangsam und mit Hindernissen ergeben sich Brücken zwischen ihr und den Fremden – oder diesen und ihr als Fremder?!

Peeerfektes Timing

© Bild: Kamerich_Budilowitz

Im Theater kommt es viel und oft – wie durchaus auch im wirklichen Leben – auf exaktes Timing an. Derselbe Ablauf aber mit Zeitverzögerungen, zu frühen oder zu späten Anschlüssen und schon ist so ziemlich alles versemmelt. Beim Schauspiel allein kann vielleicht die eine oder der andere improvisierend einen Hänger überspielen. In „Aaipet“ haben es die beiden Darsteller Michiel Blankwaardt, Dionisio Matias von der Gruppe BonteHond (Niederlande) aber mit bis zu vier Tablets zu tun – da muss der Übergang ganz genau passen. Auf einen roten Punkt auf dem Monitor des Tablets gedrückt und schon hat der Magier einen roten Ball in der Band, mit weißen Tischtennisbällen spielen die beiden Zauberer ein Match – von einem Tablet zum anderen – erst nur mit virtuellen Bällen auf den flachen, handlichen Computern und später mit daraus hervorgezauberten echten. Immer wieder werden die digitalen Spielflächen zu Verlängerungen eigener Körperteile – vom Mund bis zu Händen. Neben vielen Tricks und eigenen körperlichen Slapstick-Einlagen hat sich ds Regie-Duo René Geerlings (für die tänzerischen Schauspieler) und Bram de Goeij (für die iPads) aber noch was einfallen lassen. Die Tablets scheinen ein Eigenleben zu beginnen, es wirkt, als hätten sie und nicht mehr die Schauspieler die Kontrolle über das Bühnengeschehen ;)

Ab-, Ein- Auftauchen – eine schräge theatralischen Wanderung

Szenenfoto aus "Abtauchen" © Bild: C. Nestroy

Mit lieblich anmutenden Gesängen in einer Kunstsprache, die ein wenig an Weihnachts- aber auch an schräge Volkslieder erinnern, geleiten fünf Frauen in kuscheligen grauen Yeti-Westen mit Seesternen auf den Köpfen das Publikum aus dem Festival-Treff im Theater im Bahnhof hinaus ins Freie. Dort wird’s noch schräger. Typ_innen in Gummistiefeln und ebensolchen, aber knallgelben Latzhosen erzählen, mitunter auch gereimt, jedenfalls poetische Gedanken über die Unterwelt – unter der Wasseroberfläche. Über fantasievolle Fabelwesen, vor allem aber über Liebe – beispielsweise mit Kaulquappen im Bauch. Zu den Poet_innen aus der Grazer Poetry-Slam-Szene gesellen sich tanzende Mädchen eines Kinderchores. Der Weg geht weite Strecken entlang des Mühlgangs, eines schmalen Kanals. Mal singen und rezitieren die Dichter_innen und Fabelwesen aus Fenstern am Bach, dann wieder vor einem Würstelstand, der im Namen den Zusatz „das Original“ trägt, später bei einer Tankstelle, wo eines der Wesen einen Schirm in die Höhe hält und es per Spritzdüse regnen lässt und zwei andere Bonny & Clyde spielen. Neben lyrischen Gedichten werden auch so manche Wortspiele mit Anklängen aus der Unterwasserwelt zum Besten gegeben: Mit Kofferfischen packen, Miesmuscheln zum Lachen bringen ... Schließlich geht’s in den Oeverseepark mit Teich und Hügel zum Finale mit der mehrmals wiederholten Rezitation von Sprüchen rund um abtauchen, eintauchen und wieder auftauchen, was sogar tief vergrabene Gefühle an die Oberfläche schwemmen könnte. „Abtauchen“ ist ein echtes poetisch-fabelhaftes Erlebnis!Hier ein paar zitierte Zeilen: Licht – mehrfach gebrochen: In blaugrünen Tönen, Wo wir zweigesichtige Wesen wähnen, Wo vermeintliche Ströme im Untergrund schnellen, Da schwingen Gefühle auf verlangsamten Wellen.

Wenn wir durch trüb-dunkle Gewässer waten, Vernehmen wir dumpfe Töne – Kantaten. Lieder der Wahrheit und solche der Lügen: Lasst euch nicht täuschen oder betrügen.

„Nichts“ als Schauspiel

Szenenfoto aus "Die Paten" von Turbo Pascal (Deutschland) © Bild: Milan Benak

Mit Ausnahme kurzer Video-Einblendungen zum Start und gegen Ende bestreiten lediglich zwei Schauspieler, fast die ganze Zeit in ihren Drehstühlen über den Tanzboden rollend diese fesselnden 50 Minuten: Alper Yıldız und Frank Oberhäußer spielen Figuren und Szenen aus den berühmten Mafia-Filmen „Der Pate“.Kennen gelernt hatten sich der Theatermacher Frank und der Schüler Alper – mit ihren beiden Vornamen treten sie auch im Stück auf – bei einem Theaterprojekt in der Hector-Peterson-Schule in Berlin-Kreuzberg. Die Schule mit einem Kunst- und Kreativ-Schwerpunkt hatte ein Projekt zum Thema theatrale Darstellung von Macht. Bald kam die Rede auf den genannten Mafia-Film. Aus dem Projekt entwickelten die beiden – altersmäßig Ungleichen im Rahmen des Performance-Kollektivs „ Turbo Pascal“ das Stück, das sie seither immer wieder spielen.Den Anfang macht eine Videoeinspielung eines Berliner Buben mit „Migrationshintergrund“, der ein Loblied auf seine (neue) Heimat spricht – ähnlich wie Vito Corleone auf die USA. Danach steigen die beiden Schauspieler immer wieder wechselnd in die Rollen der wichtigsten Figuren der „Familie“ – mixen ihr Spiel mit Diskussionen und Statements zu Macht und deren Strukturen, ziehen Vergleiche und legen Parallelen zu anderen Organisationen aus dem gesellschaftlich anerkannteren Sektor ;) Hin und wieder nicht ausgesprochen, sondern lediglich durch auf dem Monitor eingeblendete Fragen – ans Publikum: „Wer ist der Terrorist? Wer der Rechtsanwalt? Wer der Verräter? Wer der Geschäftsmann?...“In ihrem Rollenspielen, bei denen sie sich nur selten aus den Drehstühlen erheben – etwa im Fall der Clan-Mutter oder eines Schnulzensängers, den die Mafia-Familie groß gemacht hat – aber genauso das eine oder andere Mal in ihren Stühlen sorgen sie mit komödiantischen Darstellungen neben vielfachem Schmunzeln auch für lautstarkes Gelächter.Spannend der Schluss, in dem sie Gedankenspiele anstellen, wie ein Mafia-Clan heute aussehen würde – Patchwork-Familie, viel globaler, weltumspannender – sozusagen wie ein multinationaler Konzern ;) Hier kommen – via Video – mehrere Kinder und Jugendliche – aus Alpers Schule zu Wort mit Bitten an eine „Mafia“ für eigene Probleme – vom Tierschutz bis zum Sturz von Diktatoren im Herkunftsland.

Zebras auf dem Asphalt?

Gemeinsam mit den Künstler_innen fantasievolle Anklänge an Zebrastreifen besteigen © Bild: Heinz Wagner

Woher kommen Zebrastreifen? Wieso heißen sie so? Übrigens hießen sie in Deutschland vor einem halben Jahrhundert offiziell Dickstrichkette. Sind das ausgebrochen Zebras, die sich auf den Asphalt legen? Und bieten Schutzwege Freiheit – fürs Überqueren von Straßen - oder sind sie so etwas stark begrenzende Schluchten für Fußgänger_innen? Eine Stunde lang wandert das Publikum in „Das Zebra streifen“ mit den fünf Tänzer_innen Desi Bonato, Sonja Felber, Johanna Rath, Julia Rohn, Xianghui Zeng und Caterina Zurzolo sowie den beiden Projektleiterinnen Hannah und Julia Rohn vom Festivalzentrum aus durch einen Teil der Umgebung – über echte Zebrastreifen und bunte, fantasievolle Gebilde, die an solche erinnern. Wer will, kann sich einlassen und diese ebenso begehen oder „streifen“ – am besten in unterschiedlichsten Fortbewegungsarten – was Anklänge an Monty Pythons „Silly Walks“ erweckt. Fantasievolle Bewegungen und poetische Texte begleiten diese Wanderung – die wegen nasskalten Wetters teilweise in Räumen, unter anderem einer auf dem Weg liegenden Schule – Halt macht. „Wie aus dem Nichts taucht der kleine Prinz auf – Fantasie lauert zwischen Kieselsteinen...“ Teilnehmende werden vielleicht künftig seltener gedankenlos einen Zebrastreifen queren.

Kürzest-Urlaub

Schnappschuss aus der Kürzest-Urlaubs-Üerformance "Zwischen 5 und 40 Grad" © Bild: Clemens Nestroy

„Zwischen 5 und 40 Grad“ heißt eine weitere Mitmach-Performance. Die Mitglieder der Theater-WG – sie wohnen im Festival-Hotspot im Theater im Bahnhof (ob nur für diese Zeit oder wie deren fünf Mitglieder immer wieder behaupten/versichern auch das ganze Jahr über fällt unter das Motto „wahr oder falsch“) – spielen dabei ein Start-Up für „Kürzesturlaube“. Statistiken hätten ergeben, dass der Trend zu kürzeren Urlauben ginge. Sie würden sozusagen den ultimativen Kürzesturlaub vorwegnehmen – 20 Minuten. Viel mehr die Simulation eines solchen. Die Teilnehmenden entscheiden, ob Strand-, Winter- oder Städtetrip. Nach der Entscheidung geht’s ab – in den Testraum mit gespielter Urlaubs-Atmo und dazu erzählten, vorgespielten Geschichtchen.

Zwang zur Beziehung

Simulation einerseits und ein weiterer Trend, der zu Speed-Datings aller Art, standen offenbar Pate für „Speedy Amore“ in einem Extra-Stüberl eines Gasthauses in der Nähe des Grazer Kunsthauses. Von Damen in roten Kleidern empfangen werden die maximal 20 Gäste zu beiden Seiten einer langen Tafel platziert, müssen/dürfen mit ihrem Gegenüber über Beziehung und was darin wichtig für sie ist reden. Achja, die Spielvorgabe: Jede und jeder muss hier eine neue Beziehung knüpfen, ansonsten werde er/sie in ein Tier verwandelt. Das auszusuchen bleibt allerdings der eigenen, freien Wahl überlassen ;) Alle paar Minuten rückt die „Tafelrunde“ einen Sitz weiter, so dass sich jeweils neue „Pärchen“ ergeben. „Wenn du keine Zucchini magst, ist das keine Basis für eine Beziehung“, meinte etwa in einer Runde Amelie zu ihrem weiblichen Gegenüber. Offenbar um ein wenig Dynamik ins Rollenspiel zu bringen sitzen allerdings auch verdeckte Spieler_innen mit am Tisch – was hier verraten werden kann ohne viel zu spoilern, weil die recht offensiv und offensichtlich in Erscheinung treten. Dennoch kann ganz die ¾-Stunde ganz witzig sein – vorausgesetzt du lässt dich auf die Spielchen der ca. zehn Runden ein.

Demokratische Zufalls-Familie

Lick auf "Die Konferenz der wesentlichen Dinge" © Bild: Clemens Nestroy

Ein wirklich spannendes interaktives Spiel, das schnell von Anfang an eine zwar angeleitete aber dann doch interessante, nachdenkliche und doch immer wieder auch lustige Dynamik entfaltet ist „Die Konferenz der wesentlichen Dinge“ von und mit pulk fiktion aus Deutschland. 19 Kinder und Erwachsene sitzen um einen großen, hölzernen, viereckigen Tisch. Jede und jeder hat vor sich eine Blechkiste mit Lämpchen, einem roten und einem grünen Knopf und einen kleinen runden Lautsprecher. Der lässt sich herausziehen und über ihn werden einzelnen Gästen Botschaften ins Ohr geflüstert.Von Anfang an werden immer wieder viele Fragen gestellt, die Teilnehmenden, die in dem Fall weitgehend in diesen eineinhalb Stunden das Geschehen (mit-)bestimmen, entscheiden auch anfangs über zehn vorgelesene Regeln für das Zusammenleben dieser Zufalls„Familie“ auf Zeit. Lehnen sie welche ab, müssen sie an deren Stelle eigene vorschlagen – über die natürlich ebenso wieder abgestimmt wird.Hin und wieder greifen die Spielleiter_innen, die eher Coaches sind, ein, versuchen neue Inputs zu geben, anfangs agiert unsichtbar auch die Technik vom Hintergrund aus, um ein bisschen Dynamik ins Spielgeschehen zu bringen.Eine der ersten Entscheidungen für die 19 Mitwirkenden ist, zu drücken, ob sie Kind oder erwachsen sind. Manche Erwachsene optieren für Kind, „weil sie ja immer noch das Kind ihrer Eltern sind“, andere weil sie das innere Kind in sich bewahrt haben oder es wenigsten gerne hätten. Einer der Inputs des profi-Teams ist es, gegen Ende die Diskussion über Kind- bzw. Erwachsen-Sein, in die Tischrunde zu bringen. Bei der Runde, der der KiKu beiwohnen durfte, nannten die (altersmäßigen) Kinder, es würde sie nerven, dass immer so vieles von Eltern und anderen Erwachsenen bestimmt würde – vom zu Bett gehen müssen bis zur Ernährung. Und eine fast Elfjährige würde selber schon gerne wählen dürfen, „warum erst mit 16?“Diese „Konferenz“ ist eine wahrhaft spannende Demokratie-Übung in einem ohnehin geschützten Rahmen, könnte aber die eine oder andere positive Nachwirkung aufs Alltags-Zusammenleben haben. Hoffentlich!

Links zu früheren Besprechungen...

... von Stücken, die auch bei spleen*graz zu sehen sind:

C... wie Chamäleon

Ein Stück teilen

Dumpu Dinki - beim Festival luaga & losna in Vorarlberg

Pink for Girls and blue for Boys beim szene-bunte-waehne-Tanzfestival

Compliance-Hinweis: Die Berichterstattung für den (Kinder-)KURIER kann erfolgen, weil das Festival den Reporter für drei Tage eingeladen hat.

Echte Zebrastreifen lustig queren © Bild: Heinz Wagner
Szenenfoto aus "Abtauchen" © Bild: C. Nestroy
Blick auf "Die Konferenz der wesentlichen Dinge" © Bild: Clemens Nestroy
"Aaipet"-Szene - dazu erklingen Gitarrentöne ;) © Bild: Kamerich_Budilowitz
Szenenfoto aus "Onbekend Land" von Het Houten Huis / Oorkaan / Nordland Visual Theatre (Niederlande)NIE (Norwegen, UK, Tschechie… © Bild: Ilja Lammers
Schnappschuss aus der Kürzest-Urlaubs-Üerformance "Zwischen 5 und 40 Grad" © Bild: Clemens Nestroy

WG, Streichelzoo, Tanz-Videos und gebastelte Zimmer

Theater-WG

Eine WG'lerin erfindet den "Streichelzoo" © Bild: Heinz Wagner

Im Spleen*Festivalzentrum im Theater im Bahnhof wohnt auch eine Theater-WG. Carmen, Leo, Lena, Pia und Alex behaupteten und beharrten darauf und wirkten stets überzeugend, dass sie eigentlich schon seit einem Jahr hier wohnen würden und sich umgekehrt das Festival nun bei ihnen eingemietet hätten. Ob das auch wirklich so ist? Das fällt wohl unter das Festivalmotto „wahr oder falsch“. Jedenfalls spielen die fünf ihre Rollen überzeugend – und lassen sich immer wieder auch Neues einfallen. So malte sich Lena ein Schild „Streichelzoo“, und knotzte sich in ihrem tierischen Jump-Suit mitten in den Begegnungsraum des Festivals ;)

Tanz-Videos und Wohnzimmer-Geschichten

In diesem Raum läuft auf einer Wand auch das Video von tanzenden Jugendlichen aus der 2. Klasse der Modellschule Graz – mit einem Kreativzweig. Die hatten zum Eröffnungsstück „Bounce“ der Compagnie Arcosm aus Frankreich einen bewegten Workshop.

Einige der von Kindern gestalteten Zimmer © Bild: Heinz Wagner

Gleich ums Eck steht an einer anderen Wand ein geheimnisvolles Regal – manche Teile hinter aufklappbaren Holztüren, andere mit Filzstreifen-Schnürlvorhängen usw. Hinter den Vorhängen und Türchen, manche mit Wänden, die nur Sehschlitze haben, verbergen sich fantasievolle Wohnzimmer – aus allen möglichen Materialien, von Styroporkugeln bis zu bunten, gedrehten und anders verarbeiteten Kunststoff-Trinkhalmen. Gebaut von jeweils zwei Kindern der Volksschule Neuhardt. In den Boxen darüber warten Kopfhörer, aus denen Geschichten von anderen Kindern dieser Klasse zu hören sind. Die gebastelten Wohnzimme sowie die Geschichten entstanden rund um das Stück „Knapp e Familie“ von Theater Sgaramusch aus der Schweiz - unter dem Motto Zukunftsvorstellungen.

Nina Ortner und Natascha Grasser sind die beiden Künstlerinnen, die mit den genannten Klassen arbeiteten und die Installationen gestalteten.

Mehr Fotos von der WG und den Zimmer-Modellen

Theater-WG und "Kinder"-Zukunfts-Zimmer

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Plakate an der Tür des Wohn- und Schlafzimmers der Theater-WG

Blicke in die Theater-WG

Blicke in die Theater-WG

"Streichelzoo" einer WG-Bewohnerin

"Streichelzoo" einer WG-Bewohnerin

"Streichelzoo" einer WG-Bewohnerin

Einige der von Kindern gestalteten Zimmer

Einige der von Kindern gestalteten Zimmer

Einige der von Kindern gestalteten Zimmer

Einige der von Kindern gestalteten Zimmer

Einige der von Kindern gestalteten Zimmer

Einige der von Kindern gestalteten Zimmer

Einige der von Kindern gestalteten Zimmer

... zu den einzelnen Produktionen

Knapp e Familie Theater Sgaramusch (Schweiz) Schauspiel in deutscher Sprache Eine Stunde; ab 7 J.

Regie: Carol Blanc Spiel: Nora Vonder Mühll, Stefan Colombo Dramaturgie: Urs Bräm Ausstattung: Renate Wünsch Musik: Markus Keller Produktionsleitung: Cornelia Wolf

Museum of Memories NIE (New International Encounter) Norwegen, Tschechien, Großbritannien Tanztheater und Livemusik ohne Sprache 1,5 Stunden; ab 14 J.

Regie und Konzept: Kjell Moberg Darsteller_innen: Helder Deploige, Kieran Edwards, Guri Glans, Iva Moberg, Dagfinn Tutturen Musik: Helder Deploig Bühne: Katja Ebbel Frederiksen Produktion: Iva Moberg, Uta Gildhuis Künstlerische Beratung: Alex Byrne

Onbekend Land Het Houten Huis / Oorkaan / Nordland Visual Theatre (Niederlande) 50 Minuten; ab 8 J.

Konzept: Elien van den Hoek, Inez de Bruijn Regie: Elien van den Hoek, Gienke Deuten Musik und Spiel: Radek Fedyk, Martin Franke, Raimund Groß Spiel: Inez de Bruijn

Dramaturgie: Preben Faye-Schjøll Musik-Dramaturgie: Caecilia Thunnissen

Technik: Gerrit Schilp, Roy Vermeer / Tjarko van Heese / René Groeneveld Bühnenbau: Douwe Ket Lichtdesign: Desiree van Gelderen Kostüme und Pop-ups: Freja Roelofs, André Kok Bühnenbild und Ausstattung: Marlies Schot Regieassistent: Frederieke Vermeulen Produktionsleitung: Ruben Bosch

AaiPet BonteHond (Niederlande) Slapstick Show ohne Sprache 40 Minuten; ab 3 J.

Regie: René Geerlings iPad-Regie: Bram de Goeij Darsteller: Michiel Blankwaardt, Dionisio Matias

Bühne, Kostüm: Marlies Schot Musik: Wim Conradi

Abtauchen Eine poetisch-chorische Parabel über das Blubbern im Bauch Eine Stunde

Projektleitung: Anna-Katerina Frizberg, Andreas Wagner Poet_innen: Mona Camilla, Lukas Hofbauer, Anna-Lena Obermoser, Theresa Rauch, Tommy Trixa Chor: Katharina Hasewend, Cathi Liendl, Mina Nori, Anna Reijnders, Charis Wardell Unterwasserwesen: Lisa Bartens, Ina Cruz, Laura Khalil, Mia Milatović, Anna Peckl, Sara Rainer, Isabella Walder

Mit Dank an: BG/BRG Kirchengasse; GiP - Kindergarten Elisabethinergasse; Hannes das Original; Tankstelle F. Leitner Elisabethinergasse

Die Paten Turbo Pascal, Deutschland Schauspiel; in deutscher Sprache Ca. eine Stunde; ab 15 J.

Konzept: Turbo Pascal Von Eva Plischke, Margret Schütz, Frank Oberhäußer Mit: Alper Yıldız, Frank Oberhäußer Im Video: Schüler_innen der Hector-Peterson-Oberschule Musik: Friedrich Greiling Video: Paula Reissig

Das Zebra streifen Eine partizipative Intervention spleen*trieb, Österreich Ca. 50 Minuten

Projektleitung: Hanna Rohn, Julia Rohn Mit: Desi Bonato, Sonja Felber, Johanna Rath, Julia Rohn, Xianghui Zeng, Caterina Zurzolo

Zwischen 5 und 40 Grad Eine Urlaubssimulation spleen*trieb, Österreich Eine halbe Stunde

Reiseleiter_innen: Lena Hanetseder, Leo Plankensteiner, Pia Pollak, Carmen Schabler, Alexander Wychodil

Speedy Amore Eine interaktive Zusammenkunft zum Liebhaben spleen*trieb, Österreich ¾ Stunde

Projektleitung: Nora Köhler, Vera Kopfauf Mit: Gyana-Luz Abraham, Friederike Filler, Tim Habe, Colin Hadler, Bianca Istvanovit, Julia Sichelradner, Stefanie Schwarz

Konferenz der wesentlichen Dinge pulk fiktion, Deutschland Sprachtheater, Multimediaperformance, Rollenspiel in deutscher Sprache ca. 1,5 Stunden; ab 8 J.

Konzept: pulk fiktion Regie: Hannah Biedermann, Eva von Schweinitz Spiel: Manuela Neudegger, Norman Grotegut Livetechnik: Matthias Meyer, Sebastian Schlemminger

Bühnenbau: One Take Toni Assistenz und Stimme: Milena Wichert Produktionsleitung: Zwei Eulen – Kulturkonzepte

www.spleengraz.at/