Kiku
21.09.2018

Bär oder Affe: Hinschauen oder wegsehen

„Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute“: Wiederaufnahme des Gastspiels im Wiener WuK.

75 Minuten gebannte Konzentration zweier Klasse 15- und 16-jähriger Jugendlicher. Was der spannendste Unterricht, selbst viele YouTube-Videos hintereinander oder ein cooler Film kaum schaffen würden, das schafften eine Schauspielerin und ihre drei Kollegen mit einem gar nicht so leichten Stück. „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute“ ist ein erst junges Stück (2013 geschrieben, 2015 uraufgeführt), das ein Stück realer, fast unglaublicher Geschichte aufgreift und daraus eine berührende Parabel macht. Und das Quartett der Gruppe „Follow the Rabbit“ überzeugt mit seinem Erzähltheater mit ganz wenig Requisiten und Bühnenbild durch die darstellerische Leistung, den Humor sowie beeindruckende Mimik, selbst beim Wechsel von einer in eine andere Rolle innerhalb von Sekundenbruchteilen.

Zoo neben KZ

Das Stück spielt in einem Tiergarten, einem den es – was wohl die meisten Menschen heute nicht (mehr) wissen – auch wirklich gegeben hat. Sachen gab’s, die hätte sicher nicht einmal die kritischeste Satire erfinden können. Erste Gefangene des schon 1937 errichteten Konzentrationslagers im deutschen Buchenwald mussten am Rande des Lagers einen Zoo errichten (1938) – als Freizeitvergnügen für KZ-Wärter und ihre Familien. Sonntags war der Zoo - mit Tieren vor allem aus dem Leipziger Zoo - auch für die Bevölkerung der nahe gelegenen Stadt Weimar geöffnet. Das hatte Jens Raschke veranlasst das genannte Stück zu schreiben. Nach genauen Recherchen in der Gedenkstätte des ehemaligen KZ, bei denen er u.a. auf das Bilderbuch „Eine Bärenjagd im KZ Buchenwald. Tragikomisches Idyll“ des politischen Gefangenen Kurt Dittmar stieß, gong er vom historischen Tierbestand aus und ordnete einigen von ihnen archetypisches Verhalten zu. Der Oberpavian spielt sich als Chef der Tiere auf, will darüber hinaus vor allem aber nix sehen, nix hören und nix sagen gegen die „Gestiefelten“, weil die sind die Bosse. Das vermittelt er - nicht selten auch einschlägig schreiend - den Mit-Tieren. Das kleine, niedliche, fast naive Murmeltier ist schon echt traurig als eines Tages das Nashorn stirbt. Woran ist es gestorben. Erfroren. Damit will es sich nicht wirklich zufrieden geben, weil es in seinen Augen einen so traurigen Blick gesehen hat. Immer werde es an das Nashorn denken, verspricht es knapp vor dem Winterschlaf. Doch dann????

Bär will's wissen

Dann kommt ein neuer, junger Bär. Der alte, so der Ober-Affe, wäre in Rente gegangen und lebe glücklich auf einer fernen Insel. Bis der neue Zoobewohner vom Murmeltier erfährt: Gar nicht wahr, der Bär wollte flüchten, grub einen Tunnel, wurde von den Gestiefelten wieder eingefangen, umgebracht, gebraten und gegessen. (Auch das eine wahre Geschichte.)

Für den Sonntagsbesuch sollten die Tiere den Gästen, vor allem den Kindern aus der Stadt, Kunststückeln zeigen, sie unterhalten. Der Bär hingegen schaut nur traurig über die Besucher_innen hinweg zu den „Gestreiften“, dünnen Zebrawesen auf zwei Beinen. Irritiert ist er von dem süßlichen Geruch aus dem Schornstein. Und davon, dass es unter all den Tieren keine Vögel gibt. (Auch das eine historische Tatsache: Mit dem Verbrennen der Leichen ab 1940 verschwanden auch die Vögel.) Der Schornstein wäre eine Art Heiligtum der Gestiefelten belehrt der Pavian den Bären und scheißt ihn zusammen, dass er seine Nase in Dinge reinstecke, die ihn nichts angehen. Das wäre auch dem Nashorn nicht gut bekommen. Und sie alle würden darunter leiden, wenn er sich nicht anpasse und den Gestiefelten unterordne... An einem Sonntag – Besuch aus der Stadt – ist der Bär zunächst verschwunden. Um auf der anderen Seite des „summenden, brummenden Zauns mit Stacheldraht oben drauf und Wachtürmen alle paar Meter mit Wachmännern drin, die so gucken, als hätten sie gerade in einen sauren Apfel gebissen“ den Schornstein hinauf zu klettern... Das Ende sei hier nicht verraten.

Offen

Obwohl die Geschichte im historischen Zoo von Buchenwald – der Teppich dem und rund um den gespielt wird, hat die Grundrisse des KZ – geht es vom Stück – und vor allem auch von der Spielweise des „Follow-the-Rabbit“Teams um die viel allgemeinere Frage hin- oder wegsehen, sich einem Gewaltregime unterordnen (übrigens stand über dem KZ-Eingang „Jedem das Seine“) oder Fragen stellen, Widerstand leisten ... Rudolf Widerhofer, Stefan Maaß, Nadja Brachvogel, Daniel Doujenis schaff(t)en es nicht nur, die Jugendlichen konzentriert die ganze Zeit dabei sein zu lassen. Das Stück mit seinen auch immer wieder witzigen, situationskomischen Szenen und die sehr aufs Wesentliche konzentrierte Spielweise – ohne Tierkostüme, Stiefeln oder KZ-Häftlings-Gewand – lässt, obwohl die Handlung sehr klar ist, viele Assoziationen durchaus auch zu heute alltäglichen Situationen offen, in denen jede und jeder immer wieder vor der Entscheidung steht: Hinsehen oder wegschauen?!

Was? Wer? Wann? Wo?

Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute
Koproduktion: Follow The Rabbit & Vorarlberger Landestheater und der Stadt Dornbirn
Erzähltheater
Ab 10 Jahren, ca. 75 Minuten

Autor: Jens Raschke
Regie: Martin Brachvogel
Darsteller_innen: Nadja Brachvogel, Rudi Widerhofer, Daniel Doujenis, Stefan Maaß
Ausstattung: Bernhard Bauer
Musik: Robert Lepenik
Dramaturgie/Vermittlung: Verena Kiegerl

Wann & wo?
9. und 10. November 2018


Werkstätten- und Kulturhaus (WuK), Museum: Stiege 1, 1. Stock
1090, Währinger Straße 59
Telefon: (01) 401 21-0
WuK-Homepage

http://followtherabbit.info/