Jugendtheater: Wenn Lehrer Schüler mobben

"Der Schüler Gerber" von Friedrich Torberg in einer Bearbeitung von Felix Mitterer
Foto: Lupi Spuma Szenenfoto aus "Der Schüler Gerber" von Friedrich Torberg in einer Bearbeitung von Felix Mitterer im Grazer Jugendtheater Next Liberty

DER Klassiker „Der Schüler Gerber“ in einer Fassung von Felix Mitterer wurde im Grazer Jugendtheater Next Liberty wieder aufgenommen.

„So arg ist es bei uns nicht, aber dass sich manche Lehrerinnen oder Lehrer einzelne Schüler_innen rauspicken, die sie niedermachen, das gibt’s schon bei uns auch“, meinte ein Jugendlicher nach dem Stück „Der Schüler Gerber“ im Foyer des Jugendtheaters Next Liberty in Graz zum Kinder-KURIER.

Schüler-Suizide

"Der Schüler Gerber" von Friedrich Torberg in einer Bearbeitung von Felix Mitterer Foto: Lupi Spuma Seit kurzem läuft die Bühnenfassung von Felix Mitterer hier wieder – fast 20 Jahre nachdem er sie für dieses Theater geschrieben hatte. Schulpulte, -taschen und Kleidung der Protagonist_innen sind auf alt gemacht – entsprechen der Zeit, als Friedrich Torberg 1929 seinen Roman „Der Schüler Gerber hat absolviert“ geschrieben hat (veröffentlicht 1930). Als Vorbemerkung schrieb der sehr junge Autor damals: „Mit der Niederschrift des Buches wurde (nach einem seit Jahresfrist bestehenden Entwurf) im Winter 1929 begonnen. In einer einzigen Woche dieses Winters, vom 27. Januar bis zum 3. Februar 1929, gelangten durch Zeitungsnotizen zehn Schülerselbstmorde zur Kenntnis des Schreibenden.“ Manche vermuten, Torberg sei bei seinem Drama um Kurt Gerber, der vom selbstherrlichen, autoritären Mathelehrer namens Artur Kupfer mit dem Beinamen „Gott“ fertig gemacht wird, nicht zuletzt davon inspiriert worden, dass er selbst 1927 bei der Matura am Staats-Realgymnasium in Prag durchfiel und erst im zweiten Anlauf ein Jahr danach „reif“ wurde.

Schleimer, Ängstliche, Aufmucker

"Der Schüler Gerber" von Friedrich Torberg in einer Bearbeitung von Felix Mitterer Foto: Lupi Spuma In der Theaterfassung spielen die Darsteller_innen sieben Schüler_innen als unterschiedliche Prototypen in dem auf alt getrimmten Klassenraum – vom Oberstreber Gustav Schönthal (Leon Norbert V. Wieferich) über die hilfsbereite, sozial engagierte Anna Weinberg (Amelie Bauer), den lungenkranken Anton Zasche (genannt „Spuk“; David Valentek) den einzigen aus der Unterschicht bis eben hin zum tragischen Helden Kurt Gerber, genannt Scheri (Michael Großschädl). Ihnen gegenüber stehen stellvertretend zwei verschiedene Typen von Lehrenden: Der Deutsch-Prof Mattusch Helmut Pucher), der viel von Gerbers Texten hält und versucht, auf Augenhöhe mit den Jugendlichen zu kommunizieren sowie DER Gegenspieler Gott Kupfer (Helge Stradner). Letzterer als Art gelackter Dandy im weißen Anzug mit strengen niedergeklatschten Haaren „weiß alles, sieht alles, merkt alles“ und duldet nicht den geringsten Widerspruch „keine Gnadenakte“. Hin und wieder schppprichchcht er als würde ihm nur noch ein schmales Oberlippenbärtchen fehlen.
Kurt Gerber liebt es, zu schreiben, hat eine poetische Ader, steht auf Romantik – auch die wird von der von ihm angehimmelten Schulabbrecherin Lisa Berwald  (Yvonne Klamant) – charmant aber doch mit Füßen getreten – und er wagt es anfangs beim neuen Klassenvorstand Kupfer aufzumucken. Was ihn – und in ähnlichen Situationen wohl die meisten - vielleicht noch mehr fertigmacht als die ungerechte Behandlung durch den „Gott“: Kaum wer steht ihm bei. Anna Weinberg versucht dies in einer extrem offensichtlich ungerechten Szene, aber niemand ist bereit, die Wahrheit zu bezeugen. Letztlich bringt er sich um – bevor die Nachricht kommt, dass er die Reifeprüfung bestanden hat/hätte.

Heutig

"Der Schüler Gerber" von Friedrich Torberg in einer Bearbeitung von Felix Mitterer Foto: Lupi Spuma Und damit landet das Stück – auch wenn Outfits und Agieren (Briefe schreiben usw.) – old school sind, mitten in der Gegenwart: Steht wer einem Mitschüler/einer Mitschülerin bei, der/die von einer Lehrperson ungerecht behandelt, gemobbt wird? Oder siegt die Angst, dann vielleicht selber zur Zielscheibe zu werden? Dies auf der individuellen Ebene, der Entscheidung jeder und jedes Einzelnen. Anna Weinberg nennt den entsprechenden Begriff „Solidarität“ von dem die anderen nichts hören/wissen wollen. Und so „fremd“ ist das heute auch nicht.
Aber auch die Ebene des Schul- und Bildungssystems wird im Stück praktisch zeitlos angesprochen: Lernen für Prüfungen, für Noten, die neuerdings sogar wieder ab der ersten Volksschulklasse zwangsverordnet werden sollen – mit all den gewollten disziplinierenden „Neben“effekten: „Danke, setzen, nicht genügend!“

"Der Schüler Gerber" von Friedrich Torberg in einer Bearbeitung von Felix Mitterer Foto: Lupi Spuma Ein weiteres Thema: Weniger Raum für Kreatives wie Poesie – oftmals als „Kuschelpädagogik“ diffamiert.
Nicht zuletzt geht’s auch – über die Eben der Romanze mit Lisa sowie des Konflikts in Gerbers Elternhaus – um die persönliche emotionale Entwicklung Jugendlicher. Manches davon spielt sich in dieser Inszenierung hinter der Seitenwand des Klassenzimmers ab. Die gleicht einer Tafel, die mit Zeichen beschriftet ist, die an Matheformeln erinnern. Durch entsprechende Änderung des Bühnenlichts wird sie transparent und lässt ins Gerbersche Wohnzimmer oder einen Kinobesuch von Kurt und Lisa blicken.

Compliance-Hinweis: Das Kinder- und Jugendtheaterhaus Next Liberty übernahm die Fahrtkosten von Wien nach Graz und zurück.

Infos

Was? Wer? Wann? Wo?

"Der Schüler Gerber" von Friedrich Torberg in einer Bearbeitung von Felix Mitterer Foto: Lupi Spuma Der Schüler Gerber
nach dem Roman von Friedrich Torberg / Bühnenfassung von Felix Mitterer
Ab 14 J. ca. eineinhalb Stunden

Regie: Michael Schilhan

Kurt „Scheri“ Gerber: Michael Großschädl
Simon Lewy („der erfahrene Rebell“): Christoph Steiner
Anna Weinberg (die „treue Freundin“): Amelie Bauer
Josef Benda (der „starke, ruhige Benda“): Harwin Kravitz
Anton Zasche (genannt „Spuk“, lungenkrank): David Valentek
Gustav Schönthal (die „Kröte“, rücksichtsloser Kriecher): Leon Norbert V. Wieferich
Franz Pollak („fettiger Bass“): Michael Gernot Sumper
Lisa Berwald (Schulabbrecherin): Yvonne Klamant
Prof. „Gott“ Artur Kupfer (Mathematik/Klassenvorstand): Helge Stradner
Prof. „Asso“ Mattusch (Deutsch, kurz vor der Frühpension): Helmut Pucher
Vater Albert Gerber (herzkrank): Martin Niederbrunner
Mutter Gerber: Florentina Klein

Dramaturgie: Dagmar Stehring
Ausstattung: Mignon Ritter,
Musik: Maurizio Nobili,
Lightdesign: Viktor Fellegi,
Regieassistenz: Laura Oretti

Wann & wo?
Bis 27. April 2018
Next Liberty, 8010 Graz, Kaiser-Josef-Platz 10
Telefon: (0316) 8000
www.nextliberty.com

(kiku / kiku-heinz) Erstellt am
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