Flay away mit Meekers - die Luftballone in dieser Szene sind die Babys, die die beiden jungen Paare bekommen haben. Und mit denen sie recht unterschiedlich umgehen

© Antoinette Mooy

Höhenflüge aus den Niederlanden. Welttheater im Waldviertel
09/24/2012

Höhenflüge aus den Niederlanden. Welttheater im Waldviertel

22. internationales Kinder- und Jugendtheaterfestival "szene bunte wähne" in mehr als einem halben Dutzend Städten

von Heinz Wagner

Theater für alle Altersgruppen von Kleinkind bis uralt im wahrsten Sinn des Wortes und das obendrein herzerwärmend zauberte die Gruppe Meekers aus Rotterdam mit „Fly away" in die kalte Meierei in Horn.

Ein alter Tattergreis hantelt sich mit seinem Rollator ohne Rollen, der vierbeinigen metallenen Gehhilfe vor den Vorhang. Hebt die Arme und ruft Showtime. Was? Ist hinter dem Vorhang, der aussieht wie ein langhaariger kuscheliger senkrecht hängender Teppich, zu vernehmen. Nach mehrmaliger Aufforderung wackeln drei weitere Altersheim-Bewohner_innen nach vor. Alte Hits à la 20er-Jahre ertönen, die Pflegeschwester taucht auch auf. Und die Oldies schwingen nicht nur ihre Tanzbeine, sondern die ganzen Körper leichtfüßig durch die Gegend, nachdem sie  zuvor wie in einer Art kleinen Demo ausgerufen hatten „Ich will wieder jung sein!"

 

Erlebte Erinnerungen - erinnertes Leben

Nach der Tanzeinlage werden sie jünger als ihnen lieb ist. Sie krabbeln und brabbeln als Babys über den Boden. Haben Hunger, kacken in die Windeln und „wollen endlich erwachsen sein!"

Dafür müssen sie natürlich die Stadien Kindheit und Jugend durchlaufen (oder sich „nur" sehr plastisch erinnern?!), gehen Beziehungen ein, kriegen Kinder... werden alt und entschweben hinter dem Vorhang nur Kopf und Arme zwischen den vielen Streifen herausstreckend wie Engel nach oben.

Viele Höhenflüge lassen Angelina Deck, Ans Kanen, Yanaika Holle, Fabian Holle en Koen Kreulen (Choreografie: Arthur Rosenfeld ) das Publikum erleben.

Mädchen können alles und noch viel mehr

Diese "Mädchen" können alles. Und noch viel mehr. Sie wollen aber nicht unbedingt alles. So oft und in welcher Gestalt auch immer die eine (Nora Vonder Mühll) die andere ums Ja-Wort beim Hochzeit-Spielen fragt, so oft antwortet die andere (Nele Van den Broeck) mit nej - auch im nettesten Ja-Lächeln.

Voll Witz und Spielfreude jagen die beiden Schauspielerinnen durch Dutzende kleine Szenen. eins gibt das andere. Oder auch nicht, bricht mal abrupt ab, um später wieder aufgenommen zu werden. Ein Tisch wird zum Boot, auf das nahezu alle Requisiten gepackt werden, um dem heran brausenden Tsunami zu entkommen. Dabei retten sie erst einen klassischen holländischen Holzschuh, der meist "Hendrik" ist (er kann auch Telefon uns sonst noch alles mögliche werden). Doch die Rettung nützt nix, alle Beatmungs- und anderen Wiederbelebungsversuche scheitern, mit einer Rose verziert, wird er See-bestattet.

Bühne, Rettungsaktionen, Rollenwechsel

Der Tisch wird übrigens später zur Bühne zweier Popstars mit E-Gitarre und nur-2-Saiten-Bass. Achja, Instrument spielen immer wieder eine große Rolle. Schon zu Beginn kommt Nele mit der Ukulele herein, fragt einige der Zuschauer_innen nach ihren Vornamen, um "nur" mit diesen kleine Lieder zu erschaffen. Die tauchen später irgendwann in der folgenden Stunde wieder auf. Nora spielt dafür später Trompete und ein Mini-Akkordeon.

Genial ist auch jene Szene, in der der Tisch noch auf der Seite liegt, die Tischfläche schräg steil nach oben. Beide "sitzen" seitlich gedreht - die eine recht stabil, die andere lässt sich immer zu Boden rutschen.

Einander alles nachmachen oder schier immer das Gegenteil der anderen - alles kommt im Spiel vor. Mal wird das eine Mädchen zur heiligen Maria, mal die eine, mal die andere zum Mann - dafür reicht ein Stück Klebeband als Schnurrbart. Ach ja Klebeband, In einer Szene verklebt sich Nele damit den Mund, legt sich ein Seil vor den Bau und will sich retten lassen. kaum hat "Held" Nora dies erledigt, denkt sich erstere schon wieder ein neues Missgeschick aus um nach Hilfe rufen zu können.

Fremd und vertraut

Am Anfang, so die international bunt gemischten Theaterleute (Belgien, Schweiz und noch dazu Liechtensteiner im Hintergrund) stand einerseits das Bilderbuch "Was machen die Mädchen" von Nikolaus Heidelbach und andererseits die beiden Schauspielerinnen, die gemeinsam was machen wollten sowie Choreograph Ives Thuwis, der mit beiden arbeiten wollte. Dazu gesellte sich Stefan Colombo vom Theater Sgaramusch im Schweizer Schaffhausen (wo er schon viel zusammen mit Nora Vonder Mühll gemacht hat). Das Theater am Kirchplatz im Liechtensteiner Schaan gesellte sich als Ko-Produzent (Licht und Probenklassen) dazu.

Und dann wurde viel, viel improvisiert, gespielt. Choreograph und Regisseur mussten vor allem fürs Auswählen und die Entscheidungen, was wegzulassen sei, sorgen. Und bald wurde der Gedanken, eine gemeinsame gesprochene Sprache zu finden, fallen gelassen. Dass die eine Schwyzerdütsch und die andere Flämisch spricht, macht nicht wenig des Reizes der Begegnung der beiden verspielten Kraftbündel, die enorm viel Lebensfreude ausstrahlen, aus.

Du könntest ihnen noch einige Stunden bei ihren fantasievollen, teils verrückten Szenen zuschauen...

Regie: Ives ThuwisDramaturgie: Stefan ColomboSpiel: Nora Vonder Mühll, Nele Van den BroeckMusik: David PaganAusstattung: Albrecht BüchelLIcht: Gabriele MancoKonzeptmitarbeit: Gregory Caers, Wim de Winne

Nachäffen – nachbären

Bevor das Stück beginnt hängt eine x-förmige Rauchwolke über der Bühne. Licht aus zwei Taschenlampen geistert durch den Raum. Bühnenlicht wirft ein helles großes X auf den Boden. Affe und Bär tauchen auf mit ihren Anfangsbuchstaben auf der Brust. Sie stehen in Lichtkegeln an zwei enden der Bühne. „Ich bin hier." „Und ich bin hier." Nein du bist nicht hier, du bist dort....!" Können zwei Recht haben? Wer bin ich und wer bist du? Und wer sind vor allem wir?

Beide wollen sie zum X, denn dort soll ein Schatz sein. Aber auf dem Weg dorthin liegen noch viele Buchstaben.

Job Raaijmakers und René Geerlings spielen eine vergnügte, witzige, manchmal auch nachdenklich machende knappe Stunde durch das Alphabet. Manch ein Buchstabe taucht unerwartet auf, mancher birgt Überraschungen und Rätsel, nicht nur das Q für mehrere Quizrunden. Das taucht beispielsweise das „d" auf einer Tür auf. Kommt da jetzt von der niederländischen Gruppe von Aap en Beer (Affe und Bär) Englisch ins Spiel (door)? Nein, der vierte Buchstabe in unserem Alphabet steht hier einfach für „durch". Und auf der anderen Seite der Tür wartet schlicht das „e".

Beim X finden Affe und Bär zwar keinen Schatz, kommen aber drauf, dass die Suche - und die Freundschaft - ihr größter Schatz sind!

Fulminante Musik-Tanz-Akrobatik-Performance

Mitreißend. Am liebsten würdest du von deinem Sitz aufstehen und mittanzen, wild, manchmal aber auch sanft mitswingen, wenn De Dansers aus Ütrecht (Niderlande) ihr Café Ed Sanders performen. Wilde, ein wenig rockige Jungs ergreifen ihre Instrumente von Gitarren bis zum Schlagzeug. Immer wieder tun`s auch ihre Hände und Becher, die sie als Percussions-Instrumente nutzen und auf die Tische und Bühnenpodeste trommeln was das Zeug hält.

Dann tanzen Frauen durch den Vorhang. Erscheinungen. Bewegte Bühnenpräsenzen. Rasant, fulminant, manchmal auch sanft und zärtlich. Die musizierenden Jungs verlassen immer wieder auch ihre Instrumente und tanzen mit.

Es tanzen und musizieren: Guy Corneille, Daan Crone, Steffi Jörris, Brian Tjon Tjauw Liem, Maarte Pasman, Josephine van Rheenen, Mateu Canellas Sureda und Hans Vermunt

Eckig und doch so rund

Aus dem selben Ensemble mit teils anderer Zusammensetzung liefern De Dansers im Festsaal des Kunsthauses, der zur Festivalzeit auch Galerie für beeindruckende Schwarz-Weißbilder der niederländischen Fotokünstlerin Carla Koglmann über Menschen im Waldviertel ist, eine ebenfalls hinreißende, jedoch ganz andersartige Tanzshow. „Tetris" nimmt Anliehe bei den würfelförmigen Gebilden, die sich ineinander fügen sollen. Hinzu gesellt sich eine weitere eckige Inspirationsquelle – Rubik`s Würfel. Ryan Djojokarso, Jasper Dzuki Jelen, Steffi Jörris und Maarte Pasman von Erik Kaiel choreografiert bewegen sich oft auf dem Boden liegend ziemlich eckig und doch recht rund – mal in Zweierpacks, mal alle vier, hin und wieder auch einzeln – doch stets danach trachtend sich an- beinahe ineinander fügend.

Zwischendurch holen sie auch einzelne, später viele aus dem Publikum, um die Zuschauer_innen zu animieren, sich in ihre Bewegungsabläufe einzugliedern...

Ins Vertrauen tanzen

Um einen quadratischen Tanzboden sitzt das Publikum, im Idealfall Kinder ab 4. Rund 20 Minuten erzählen Asja Lorenčić und Orlando Mardenborough in 1-2Tjes (De Stilte aus dem niederländischen Breda) Geschichten – von ersten skeptischen Blicken aufeinander über zaghafte Berührungen nur mit Fingerspitzen bis zu heftigen Hebe- und ineinander verschlungenen Figuren – teils konkurrierend, teils streitend, teils liebevoll. Immer aber einander vertrauend, beispielsweise wenn sie einander bewusst praktisch auf die Füße steigen.

Tanz als (Körper-)Sprache, die ganz ohne technische Kommunikationsmittel, unmittelbar und direkt funktioniert.

Nach der kurzen Performance werden die Kinder ersucht/gebeten, ihre Gedanken dazu zu äußern, um danach selbst – mal als ganze Gruppe, mal jeweils zu zweit spielerische Vertrauensübungen auszuprobieren.

29 Stücke

29 verschiedene Stücke bringt das 22. internationale Kinder- und Jugendtheaterfestival szene bunte wähne ins Waldviertel. Etliche der Stücke, vor allem für Jüngere, drehen sich um Tiere.

Nero Corleone ist ein neugieriger italienischer Kater, dem sein Bauernhof schnell zu klein wird. Superhero bringt eine internationale Zusammenarbeit von Österreich über Russland, China bis Südkorea und Japan nach Horn. Und so macht er ein Ferienhaus eines deutschen Ehepaares unsicher, in das er sich heimlich hineingeschlichen hat. Das Paar staunt nicht schlecht, als es Nero entdeckt. Doch sein neues Luxusleben will er nicht nur für sich allein (Regie Onny Huisink Musik Guus Ponsioen; Spiel Jouke Lamers; von Elke Heidenreich/ Co-Produktion mit Theater Leeuwenhart aus Amsterdam).

Held_innen

Die internationalste (auch wenn sich das Wort vielleicht grammatikalisch nciht wirklich steigern lässt) Produktion heißt The Superhero. Theater(gruppen) aus Österreich, Kroatien, Russland, Japan, Südkorea, China und Taiwan waren an der Erarbeitung des Stücks beteiligt, das schon in einigen dieser Länder aufgeführt wurde. Nun ist`s auch hier zu sehen/erleben.Ausgangspunkt des Stücks waren Improvisationnen der Künstlerinnen und Künstler, die jeweils von eigenen Geschichten ausgegangen sind. Casting-Shows gibt's wahrscheinlich überall auf der Welt, kürzlich wurden in Faghanistan so sogar Fußballer aus„gewählt". Und so setzte ein internationales theatrales Großprojekt von Kroatien über Österreich bis Russland, Hongkong, Korea und Japan auch darauf. Passen dazu der Titel der Performance „Super Heroe". In der knapp einstündigen Aufführung tauchen erst der Reihe nach die „Kandidat_innen" auf. Da ist unter anderem Juseong ganz in weiß, selbst der Koffer. Alles muss für sie sauber und steril sein, daher ständig eine OP-Maske über Mund und Nase. Oder Han, der schon in einer Art Karikatur auf Superman antanzt und nur so voller Kraft strotzt. Oder Michael aus Österreich mit Akkordeon und Geige. Aus dem Off die Stimme des überheblichen Möchte-gern-Diktators, des Moderators, Jurors der Show. Er stellt die Aufgaben, gibt die „Noten" raus oder weiter.

Bringt gleich in der ersten Runde Tomoko zur Verzweiflung. Nachvollziehbare Kriterien gibt's ohnehin keine, Leistung? Hat wer gedacht, darauf käm's bei Casting-Shows an?!Und Solidarität der Teilnehmer_innen ist schon gar nicht gefragt, als einige Tomoko trösten wollen, kommt gleich die böse Stimme aus dem Off.Fertig machen. Das ist gefragt, wird suggeriert und produziert, dass das Publikum das wollen soll.

Und dann beenden die Konkurrent_innen doch die Show ziemlich abrupt.

Regie Ivica Šimić (Kroation); Autor: Mikhail Bartenev (Russland); Dramaturgie: Xiaoxin Wang (China); Produktion: Hisashi Shimojama (Japan), Vitomira Lonar (Kroatien), Musik: Alen KraljićSpiel: Hsuan-Ju Hsieh (Taiwan), Michael A. Pöllmann (Österreich), Cristina Cazzola (Italien), Dražen Čucek (Kroatien), Tomoko Inoue (Japan), Sanghoon Han, Juseong Kim (Korea), Leung Tin Chak (Hong Kong), Natalia Kuznetsova (Russland)

Gedankliche Höhenflüge

Wieder einmal werden Geschäftsauslagen Horns zum Spielort. Diesmal nicht nur Auslagen, sondern ganze leerstehende Lokale rund um die und in der Piaristen-Passage. Thema: Metropole und Provinz. Real als städtische gebaute Gebilde und noch viel mehr, was diese für die Köpfe, die Gedanken bedeuten (können). Auf- und Ausbruch aus der Klein(kariert)heit, Höhenflüge und regelmäßige Rückkehr – und wenn`s „nur" zur Familienweihnachtsfeier ist. Wo aber ist Heimat. Ist sie hier, ist sie da, ist sie auf dem Weg vom einen zum anderen? Oder ist sie überhaupt ausschließlich in der Sprache/den Sprachen?

Ein bisschen zu lang geraten, ist diese (gedankliche) Wanderung vor allem etwas für Liebhaber_innen von viel Text und philosophischen Betrachtungen.

Zahlenspiele

Zahlen, Geburts- und andere Daten, spontan wie sie ihm kommen, gibt sie Peter Trabner, Performance-Künstler aus Berlin, wider. 3 Minuten lang. Oder kurz. Für 5 Zuschauer_innen. In einem von einem Maßband umgrenzten Raum von rund 8 m². In Horn war das so. In Langenlois sind`s 5 Quadratmeter. „Schuld" sind die Postleitzahlen – 3580 für Horn, 3550 für Langenlois. Jede der Performances ist – angeblich (gesehen hab ich ja nur eine) anders. Abhängig vom Moment, vom Licht, das in den Raum fällt, von den Stimmungen und Schwingungen des Publikums, die der Künstler glaubt aufzunehmen, sofort zu verarbeiten ...

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