Hinterlass mir was!

Szene aus "Hinterlass mir was"
Foto: Schauspielhaus

Auftakt zur Serie von Stücken Jugendlicher zum Thema Gewalt/Macht Schule Theater

Zwei lange Tische, dahinter jeweils vier Sessel. Ganz im Hintergrund liegt eine Gitarre und sonst noch ein paar Requisiten. Eine spärliche Bühne. Das lässt schon erahnen: Viel Raum für eigene Bilder in den Köpfen der Zuseher_innen. Eine szenische Lesung wird angekündigt. "Hinterlass mir was! Im Rahmen der Reihe "Szene machen!" im Wiener Schauspielhaus. Diese Szenen wurden - mit professioneller Unterstützung (Andreas Jungwirth, Katharina Schwarz) - von Jugendlichen erarbeitet. Acht der neun Autor_innen tragen sie dann auch selbst auf der Bühne vor. Es ist dies eines der 17 Projekte im Rahmen von Macht.Schule.Theater. Alle beschäftigen sich unter dem Dach "Weiße Feder" des Bildungsministeriums mit Gewalt.

Gewalt-ig ist...

Szene aus "Hinterlass mir was" Foto: Schauspielhaus Szene aus "Hinterlass mir was"

... gleich mal der Einstieg. Aus verschiedensten Zeitungen lesen Bianca Gössner, Amanda Hohenberg, Dora Kramser, Bruno Kratochvil, Katharina Novak, Eva Riedel, Elisabeth Salzer und Manuel Spreitzner aus dem Akademischen Gymnasium bzw. der HLW Straßergasse Variationen einer bekannten Meldung. (Die neunte Co-Autorin Xenia Zhuber-Okrog ist zu den weiteren Aufführungen gegen Ende Mai nicht in Wien und war deswegen auch bei der Premiere nicht auf der Bühne.) Jener über den damals 14-jährigen Florian P., der nächtens in einem Supermarkt erschossen wurde. Bei einem Einbruch. Von hinten in den Rücken.
Schnitt, Zeitungen weg, die acht Jugendlichen setzen sich hinter die Tische auf die Sessel und beginnen Szenen zu lesen, wie Florian, den sie Niki nennen, sein älterer Bruder, die Mutter und die Freundin gelebt haben (könnten). Von Alltagsstreitereien: "Wo ist mein Lieblings-T-Shirt schon wieder?", "Du hast mein Kapperl!", "Wo kommst du so spät her?" über Chats, das erste Date mit Sabrina, die sich perfekt entwickelnde und dann rasant zerstörende Beziehung... Anrufe die auf der Mobilbox landen, die Niki besprochen hat mit dem Satz: "Hinterlass mir was!"

Lesung, Rollenwechsel

Szene aus "Hinterlass mir was" Foto: Schauspielhaus Szene aus "Hinterlass mir was"

Irgendwann seien in der Diskussion, worum sich das Stück genau drehen solle, die Zeitungsmeldungen über Florian P. Aufgetaucht. Darüber sei lange diskutiert worden, ob da dann sofort eine Schuldzuweisung passiere, ob es nicht zu heftig wäre... erzählen die Jugendlichen dem Online-Kinder-KURIER. Spätestens ab dem Zeitpunkt, wo die Entscheidung dafür gefallen war, war auch klar, es würde eine szenische Lesung. Das könnten wir nicht spielen, meinte die Runde. Der gemeinsame Schreibprozess fand über weite Strecken zweigeteilt statt. Es war unheimlich schwierig, gemeinsame Termine unserer beiden Schulen zu finden. So schrieben die fünf Straßergassen-Jugendlichen meist zu einem anderen Termin als die vier Kolleg_innen aus dem AKG. Doch der Austausch erfolgte reibungslos, weiterarbeiten an den Texten der Szenen... Bei gemeinsamen Treffen konnte es schon vorkommen, dass über einen einzelnen Satz bis zu einer halben Stunde diskutiert wurde, hatte zuvor schon einleitend auf der Bühne Schreibwerkstätten-Leiter Jungwirth berichtet. Und es hat sich ausgezahlt. Jeder Dialog, jeder Satz sitzt. Trifft.

In die gelesenen, nur hin und wieder dezent angespielten Szenen (etwa bei sanften Gitarren-Sequenzen), bauen die acht so etwas wie Regieanweisungen ein, die ein wenig Einblick in den Entstehungsprozess des Stücks geben. Genial der "Trick", die Rollen zu wechseln. Das verstärkt den Ansatz, hier wird nicht eine einmalige Geschichte nur leicht verfremdet, sondern die Struktur einer Gewalttat versucht herauszuarbeiten.
Berührend. Und ärgerlich machend auf ein System, in dem ein junges Leben derart wenig zählen kann.

Infos

Weitere Aufführungen:
24.-26. Mai, 20 Uhr
Schauspielhaus, 1090, Porzellangasse 19
01 3170101

(kurier) Erstellt am
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