Hinter den Kulissen der Oper

Sarah Tuleweit spielt und singt Anne Frank
Foto: heinz wagner

Rundum-Informationen zur Kammeroper "Das Tagebuch der anne Frank"

Die zweiteilige Mono-Oper schildert in knappen Bildern (wie "Geburtstag", "Schule", "Gespräch mit dem Vater", "Vorladung zur Gestapo", "Das Versteck" oder "Razzia") das Schicksal des 13jährigen Mädchens Anne Frank, das sich vom 6. Juli 1942 bis zur Verhaftung durch die Gestapo am 4. August 1944 im faschistisch besetzten Holland mit seiner Familie in einem Amsterdamer Hinterhaus versteckt hielt. Der seelische Druck, der auf dem Kind lastete und dennoch seine moralische Kraft nicht zu brechen vermochte, durchzieht die gesamten dokumentarischen Tagebuchaufzeichnungen der Anne Frank. In diesen Aufzeichnungen vermittelt sich der unbeugsame Lebenswille des Mädchens. Das Libretto, fast wortgetreu aus dem Original übernommen, wird in eine musikalisch-lyrische Erzählung integriert, deren Emotionsgehalt gleichermaßen der Tragik des Geschehens wie der dichterischen Ausdruckskraft des Mädchens Rechnung trägt.

Annes tiefgründige Gedanken, ihre naive Freude über ein Geschenk oder einen Flecken blauen Himmels, aber auch ihre nackte Angst und der Wille, tapfer zu bleiben, die aufkeimende Liebe zu Peter, ihr Sinn für Situationskomik, die Hoffnung auf Freiheit und mehr Menschlichkeit, all das findet auch beklemmenden Ausdruck in der Musik. Die Freiheit und Würde des Menschen, der Vorrang des Geistes vor dem Körper und des Bewusstseins vor der Materie sind die zentralen Themen in diesem Werk. Besondere Beachtung wird den Charakteren geschenkt, die nur in Annes Monologen, nicht aber in persona erscheinen: ihr Vater, ihre Mutter, die Schwester Margot und Freunde. Hierdurch wird eine besondere Vielschichtigkeit erreicht, die den Handlungsspielraum des Monodramas erweitert.

Szenische Umsetzung - Aktueller Bezug

Sarah Tuleweit spielt und singt Anne Frank Foto: heinz wagner Sarah Tuleweit spielt und singt Anne Frank

Die szenische Umsetzung soll durch kleine, aber bewusst eingesetzte Mittel geschehen. Der Fokus ist zweigeteilt. Zum Einen liegt er auf Anne als junge, lebensfrohe, aber auch oft einsame und sich unverstanden fühlende Jugendliche mit all ihren Facetten und Innenwelten. Zum Anderen werden die historischen Ereignisse, das Leben im Nationalsozialismus, die Verfolgung von Minderheiten wie Juden oder Sinti und Roma und die damit verbundenen Schrecken im Vordergrund der Inszenierung stehen.
Das Orchester ist Teil des Bühnengeschehens und es gibt keine abgegrenzte Bühne im eigentlichen Sinne: die Grenzen zwischen Zuschauern, Orchester und Darstellerin sind räumlich fließend und dadurch ist das Orchester in einem ganz besonderen Maße in das szenische Geschehen eingebunden. Die Inszenierung soll als Warnung vor einer möglichen Wiederholung der Ereignisse zur Zeit des Nationalsozialismus dienen.
Das Orchester befindet sich auf einem Eisenbahnwagen im Halbkreis auf der gegenüberliegenden Seite vor dem Eisenbahnwagon, den Anne später als Versteck benutzen wird. Das Orchester bleibt die ganze Zeit an Ort und Stelle, Anne wechselt nach dem ersten Drittel der Oper in den Wagon hinein. Die Zuschauer erleben Anne in "Freiheit" und sehen sie später in ihrem "Versteck", wo sie die bedrückende Enge des Ortes miterleben können, der die Familie Frank und die anderen Untergetauchten ausgesetzt waren.
Die Ausstattung der Oper ist minimalistisch: Ein Mädchen (Anne) liegt zu Beginn der Oper vor dem Wagon auf der Erde. Neben ihr eine Schul- und eine Einkaufstasche auf dem Boden. Aus diesen beiden Taschen heraus entwickelt sich die gesamte weitere Ausstattung.
Der Wiener Opernverein "OPERN SPACE" hat es sich zum Ziel gesetzt, Oper an außergewöhnlichen Orten zu zeigen. "Das Tagebuch der Anne Frank" wird aufgrund der Symbolhaftigkeit des Ortes in dem Heizhaus Eisenbahnmuseum in Strasshof an der Nordbahn in den Original-Deportationswagen aus der Kriegszeit gespielt werden.

Besetzung

Komponist (auch der reduzierten Fassung): Grigori Frid
Text: Anne Frank
Opus 60/(1969/1999)
Dauer ca. 70 min. (60 min. Lieder)

Anne Frank (Sopran): Sarah Tuleweit
Orchesterbesetzung: Ensemble "die reihe": Sopran-Flöte (Piccolo), Klarinette, Fagott, Trompete, Schlagwerk, Klavier, Cello, Violine, Violoncello, Kontrabass
Konzept und Regie: Nina Dudek
Musikalische Leitung: Richard Ilya Tauber
Ausstattung: Sandrina Schwarz

OPERN SPACE - Neue Räume für klassische Musik

Sarah Tuleweit spielt und singt Anne Frank Foto: heinz wagner Sarah Tuleweit spielt und singt Anne Frank

Das Projekt OPERN SPACE wurde im Oktober 2009 von Regisseurin Pamela Schermann ins Leben gerufen und verfolgt das Ziel, professionelle Opernproduktionen an ungewöhnlichen Spielorten aufzuführen. OPERN SPACE möchte Opern und andere klassische Werke präsentieren, die mit 1 - 4 SängerInnen und einer kleinen Orchesterbesetzung qualitativ hochwertig umsetzbar sind. Unsere Vorstellungen finden abseits der großen Opernbühnen Wiens an unterschiedlichen Spielorten statt, die eigens für die jeweilige Produktion ausgewählt werden. Neben unserem Bestreben, für jede Oper den passenden Raum zu finden, ist es uns besonders wichtig, die Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum aufzuheben und das Publikum hautnah an dem Geschehen teilhaben zu lassen.
© OPERN SPACE, Nina Dudek/Pamela Schermann

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(kurier / © OPERN SPACE, MMag. Nina Dudek/Mag. Pamela Schermann) Erstellt am
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