Leben | Kiku 23.01.2018

Neue, enge Welt in schlumpfeis-blau

Szenenfoto aus "Heimat in Dosen" im Theater Drachengasse © Bild: Barbara Palffy

„Heimat in Dosen“, Siegerprojekt des 10. Nachwuchsbewerbes nun als abendfüllendes Stück im Theater Drachengasse.

Die Bühne bleibt mit einem dunklen Vorhang verhüllt, wenn die Zuschauer_innen in den Theatersaal kommen. Ganz lang. Erst mit dem Dunkelwerden wird die Stoff-Trennwand zwischen Publikum und Bühne beiseite geschoben. Ohne allzu viel zu spoilern – die Fotos zeigen’s und es ist ja das zentrale Inszenierungskonzept von „Heimat in Dosen“ im Theater Drachengasse – ist nun der Blick frei auf eine große, durchsichtige Kunststoffkugel. Im Inneren: Die drei Akteur_innen, die nun die nächste Stunde hier spielen werden.

Fast Slow-Motion

"Heimat in Dosen" im Theater Drachengasse
Szenenfoto aus "Heimat in Dosen" im Theater Drachengasse © Bild: Barbara Palffy

Die Kugel erinnert an einen Zorb – jene Kugel, in der Menschen über Wiesen oder auch am Wasser rollen. Dies funktioniert aber nur durch die Bewegung derer, die in der Kugel sind. Hier auf der Bühne ist nicht nur die Kugel starr. Julia Carina Wachsmann als Magda, Burak Uzuncimen als ihr Ehemann Franz sowie Philipp Stix in der Rolle ihres gemeinsamen Sohnes Bernd bewegen sich recht wenig. Alles sehr verlangsamt. Auch die recht wenigen, sich immer und immer wiederholenden Sätze kommen beinahe im Zeitlupentempo.
Was noch mehr als die Kugel, in deren Innerem die drei agieren, auffällt ist die Farbe. Praktisch alles (der Boden, Kostüme, Haare und die wenigen Requisiten) außer der Kugel – in einem hellen Blau – irgendwann fällt im Stück der Begriff Schlumpf-Eis – nicht der Farbe wegen. Andere Assoziationen drängen sich wegen der Grundgeschichte auf.

Als Vorbemerkung, bevor die drei in ihrer Kugel in volles Licht getaucht werden, ertönt aus dem Off eine Stimme, die von Etwas da weit draußen erzählt, das ein Boot sein könnte, von einer Schwimmweste... Genug, um die entsprechenden Bildern in den Köpfen der Zuschauer_innen entstehen zu lassen. Und damit will die „Bilderbuchfamilie“ aber schon so was von nichts damit zu tun haben. Das war schon der Ausgangspunkt in der Kurzversion von Rieke Süßkow und Emre Akal, die noch „Oh, wie schön ist Panama“ hieß. (Der von Janosch‘s berühmtem Bilderbuch entliehene Titel war leider verwirrend.) Diese Kurzversion war eines von vier Stückkonzepten, das im Frühjahr beim 10. Nachwuchsbewerb des Theaters Drachengasse gezeigt worden war. Dieses bekam den Zuschlag der Jury und damit die Förderung zur Ausarbeitung eines abendfüllenden Stücks, nun als „Heimat in Dosen“.

Schön, ganz schöööön...

"Heimat in Dosen" im Theater Drachengasse
Szenenfoto aus "Heimat in Dosen" im Theater Drachengasse © Bild: Barbara Palffy

Franz und Magda, traditionell rollenverteilt, gehen der medialen Hysterie auf den Leim und haben so viel Angst vor Flüchtlingen, dass sie sich mit ihrem Sohn eine völlig hermetisch abgeschirmte kleine Welt bauen – eben die Kugel. Da kommt niemand rein. Sie aber nicht raus. „Haben wir’s nicht schön?!...“ Schön finden sie auch, dass sie gemeinsam schön finden, Suppe aus der Dose zu schlürfen. Irgendwann mit der Zeit schleichen sich – nicht ausgesprochen, sondern nur in das Wie der wiederholten Sätze leichte Zweifel ein, ob sie alle drei auch alles wirklich gleich schön finden. Da sei etwas im Schlürfen anders gewesen als sonst...

Eng und immer enger

Allein durch das sehr entrückte, künstliche Agieren der Familie in einer Sprache, bei der nie genau klar ist, ob die drei ihren Text live auf der Bühne sprechen oder er vom Band kommt und sie nur die Lippen synchron dazu bewegen, ergibt sich eine sehr skurrile Bühnensituation. Verstärkt wird diese durch sozusagen extrem verstärkte Geräusche, wenn Franz in einer Zeitung blättert und sich dazu den Finger im Mund befeuchtet. Die Zeitung natürlich auch blau in blau – also nichts zu lesen!

Die an sich schon enge Welt wird immer noch enger. Wer Mauern, Zäune, Blasen baut, in der sie/er lebt, sperrt nicht nur andere aus, sondern auch sich selber ein!

Gefangene

"Heimat in Dosen" im Theater Drachengasse
Szenenfoto aus "Heimat in Dosen" im Theater Drachengasse © Bild: Barbara Palffy

Wunderbar auf den Punkt gebracht hat das die bekannte österreichische (Kinder- und Jugendbuch-)Autorin Renate Welsh-Rabady in ihrem Eröffnungsvortrag der deutschsprachigen internationalen psychoanalytischen Tagung im Oktober 2016. Wegen ihrer tiefgründigen, differenzierten, psychologischen Beschreibung ihrer Figuren und Charaktere war sie dazu eingeladen worden. Einen Abschnitt ihrer Rede widmete sie ihrer jahrzehntelangen Tätigkeit in Schreibwerkstätten – nicht zuletzt mit ausgegrenzten Menschen. Das macht sie, um Menschen dazu zu verhelfen, sich selbst ausdrücken zu können. Unter anderem begründete sie das damit, dass sie sich fürchte, vor Menschen, die kein/zu wenig Selbstwertgefühl haben. Einfache Antworten auf hochkomplexe Probleme – darauf würden sie reinfallen, sie hätten dann andere, auf die sie herabschauen können. Und deren Ängste wiederum würden ausgenutzt, um Zaun- und Mauerbau voranzutreiben. „Inzwischen ist der Mauerbau DIE Wachstumsindustrie. Wer darin investiert, muss sich keine Sorgen um seine Profite machen. Ich mache mir aber Sorgen. Es liegt doch wohl auf der Hand, dass man nicht andere aussperren kann, ohne sich selbst einzusperren. Es wäre zu viel verlangt, als Gefangene nicht die Mentalität von Gefangenen zu entwickeln, mit allen Konsequenzen.“

Obwohl vom Farbton her doch anders, drängt sich irgendwie auch die Assoziation zu Türkis auf – von wegen Routen-Schließungen, Festung sichern, neue, kleine Welt...

Was? Wer? Wann? Wo?

"Heimat in Dosen" im Theater Drachengasse
Szenenfoto aus "Heimat in Dosen" im Theater Drachengasse © Bild: Barbara Palffy

Heimat in Dosen
Ein Projekt von Rieke Süßkow und Emre Akal
Jurypreis des Nachwuchswettbewerbs 2017
Eine Koproduktion mit Theater Drachengasse

Text: Emre Akal
Regie: Rieke Süßkow, Emre Akal
Es spielen:Sohn Bernd: Philipp Stix
Ehemann & Vater Franz: Burak Uzuncimen
Ehefrau & Mutter Magda: Julia Carina Wachsmann

Bühnen- und Kostümbild: Lukas Fries
Kostümmalerei: Raffaela Schöbitz
Sounddesign: Paul Wolff
Regieassistenz: Raffaela Schöbitz, Melanie Lyn
Sounddoublage: Melanie Lyn

Wann & wo?
Bis 3. Februar 2018
Theater Drachengasse, Bar&Co, 1010, Drachengasse 2
Telefon: (01) 513 14 44
e-mail: karten@drachengasse.at

www.drachengasse.at

( kurier.at , kiku-heinz ) Erstellt am 23.01.2018