Kiku 22.01.2013

Fernreise mit Blickwechsel

© Bild: Andreas Friessi

Von Wien über Bonn und Taipeh nach Mogadischu - Blickakte - Performance über Kunst, Kultur und vor allem Theater in Somalia

Blickakte
© Bild: Andreas Friessi
Relativ lange ist es „nur“ ziemlich dunkel und ruhig. Leere Bühne. Schön langsam taucht als Projektion auf der Wand im Hintergrund ein sehr kleines Rechteck auf. Bleibt lange klein, wird laaaaaangsam größer. Linien innerhalb des Vierecks. Weitere Rechtecke wie im Plan einer Wohnung – oder eines Hauses. Als das Bild einen Gutteil des Bühnenhintergrunds einnimmt, wird der Blickwinkel verändert – ein 3-D-Gitter-Modell eines Hauses. „Ah, das könnte vom Nationaltheater in Mogadischu sein!“, blitzt’s in so manchem Zuschauer_innen-Kopf auf. Davon ist nämlich die Rede im Programmzettel. Ist es aber nicht, darauf kommen später noch mehrfach Sprache bzw. Bilder. Das projizierte Modell dreht sich nun nach vorne wird immer größer, dringt scheinbar immer mehr in den Zuschauer_innen-Raum ein – es ist eine schematische Darstellung dieses Theaters in der Wiener Drachengasse.

Zufälle

Von hier, dem Ort der Aufführung führt die Reise über Deutschland nach Somalia. Verwoben wird die Erzählung historischer Fakten rund ums Nationaltheater in Mogadischu mit zufälligen Begegnungen, die erst dort hin führten. Ein in Bonn aufgewachsener junger Mann mit somalischen Wurzeln, der Myrrhe aus dem Heimatland seiner Eltern importiert, ein Sinologie studierender Deutscher, der diesen Somali-Deutschen kennen lernt und noch dazu eine Sängerin, Tänzerin und Performerin aus Taiwan.

Berührend

Somalia-Theater
© Bild: Andreas Friessi
Szenisch dargestellte Erzählungen, Gesänge, Tänze, versprühter Myrrhe-Nebel, eingeblendete Bilder – vom Nationaltheater sowie seinem aus China stammenden Baumeister ergänzen szenisches Spiel mit realen Berichten.
Das Theater wurde Anfang der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts als mustergültiger Vorzeigebau von China gespendet und errichtet.
Im Zuge der – kriegerischen – Konflikte der vergangenen Jahrzehnte wurde es zerstört, wieder aufgebaut, von einer Selbstmordattentäterin erneut teilweise demoliert und wird jetzt wieder reaktiviert.
Was anfangs eher den Verstand anspricht, versucht auf eine Reise in Fremdes, Unbekanntes gedanklich einzuladen, wächst sich – vor allem durch Tanz und Gesang (großartig die chinesische Version von Rossini-Arien) von Bee Chang zu einer stark emotionalen Fern-Reise aus.

Kunst statt Waffen

jabril
© Bild: heinz wagner
Jabril Abdulle, Leiter des Center of Research and Dialogue of Somalia, stattete während einer Kürzest-Wien-Visite der Premiere seinen Besuch ab. Er, der „Nicht-Künstler aber mit großer Leidenschaft für die verschiedensten Sparten der Kunst“ sieht „im Theater, in der Musik, dem Tanz, der Malerei Mittel, einen Friedensbildungsprozess einzuleiten bzw. zu verstärken“, wie er dem Kinder-KURIER gegenüber darlegt. „Warum immer nur in Waffen investieren, um mehr Sicherheit zu fördern, warum nicht in Kunst und Kultur, um mehr miteinander, mehr Begegnung auszulösen. Das sind oft bewegende Momente, wenn die Künstlerinnen und Künstler tanzen oder singen, bei denen Tausende im Publikum zu Tränen gerührt sind!“

Infos

Blickakte
Siegerprojekt des Nachwuchs-Theater-Wettbewerbs 2012 – Jurypreis
Das Kuratorium für Theater, Tanz und Performance in der Stadt Wien dotiert das Projekt mit einer zusätzlichen Nachwuchsförderung für eine abendfüllende Ausarbeitung.
Regie: Daniel Schauf
Video: Jonas Alsleben
Dramaturgie: Philipp Scholtysik
Idee: Ahmed Jama Aden, Christoph Grabitz
Mitarbeit: Malte Scholz, Carolin Millner
Performer_innen: Bee Chang, Philipp Scholtysik
Ein Projekt von Daniel Schauf, Philipp Scholtysik und Bee Chang in Koproduktion mit Theater Drachengasseund National Theatre of Somalia

Bis 2. Februar, Di-Sa, 20 Uhr
Theater Drachengasse, Bar&Co
1010, Fleischmarkt 22
Telefon: (01) 513 14 44

www.drachengasse.at
Facebook-Seite des Nationaltheaters von Somalia

Erstellt am 22.01.2013