Wer, wenn nicht Ali, ist integriert?!

Ali Mohammadi, Sprachbegleiter im Kindergarten Forsthausgasse
Foto: Privat Ali bei der Arbeit im Kindergarten

Der jugendliche Flüchtling aus Afghanistan lebt seit mehr als zwei Jahren in einer Familie in Wien-Favoriten, arbeitet halbtags ehrenamtlich in einem Kindergarten, unterstützt zwei jugendliche Flüchtlinge, übersetzt für einen Verein...

Rosa (12) und Isa (15) haben vor knapp mehr als zwei Jahren einen Bruder bekommen. Kürzlich haben die drei Kinder mit den Eltern ihre dritten gemeinsamen Weihnachten gefeiert. Wie (fast) alle Schwestern wollen sie den neuen Bruder nicht mehr hergeben. Eines unterscheidet die drei Geschwister von vielen anderen: Sie streiten praktisch nie. Trotzdem müssen sie – wie die wenigsten Kinder - um ihn zittern. Er natürlich auch. Es ist keine Krankheit die Alis (Über-)Leben bedroht. Es sind die österreichischen Behörden, die das Hierbleiben des Burschen, der heuer 19 wird, bedrohen.

Ali Mohammadi, Sprachbegleiter im Kindergarten Forsthausgasse Foto: Privat Just am Tag als er das Zeugnis für den Pflichtschulabschluss überreicht bekam, stellte ihm die Behörde die Ablehnung seines Asylbescheides zu. Ein Tiefschlag – nicht nur für ihn, sondern die ganze neue, erweiterte Familie. Selbst skeptische Verwandte, die mit Ausländern so gar nix zu tun haben wollte, haben Ali längst ins Herz geschlossen. Das ist bei seinem bescheidenen, höflichen, freundlichen, hilfsbereiten Wesen kaum ein Wunder. Zurückhaltend drückt er sich meist überlegt und gewählt aus – auf Deutsch. Das wollte er von Anfang an aufsaugen.

Deutsch lernen statt Fußball

Ali Mohammadi, Sprachbegleiter im Kindergarten Forsthausgasse Foto: Privat Bei einer der Connect-Spiele- und Freizeitnachmittage des Netzwerks Kinderrechte in der Sporthalle von Traiskirchen wo Rosa und andere Kinder und Jugendliche aus der niederösterreichischen Stadt aber auch aus Wien mit jungen Flüchtlingen Loom-Bänder knüpften, Fuß-, Basketball und anderes spielten, war Ali Rosas Mutter, der Kindergartenpädagogin Alexandra Csar, aufgefallen. Sie als sehr offene, direkte Frau war rasch ins Gespräch mit einigen der Jugendlichen gekommen. Während die meisten auf ihre Frage, was sie am liebsten in ihrer Freizeit machen (würden) Fußball nannten, meinte Ali Mohammadi „Deutsch lernen“. Das dürftige Angebot dafür als Bewohner eines Zelts im Lager befriedigte ihn ganz und gar nicht. Spontan bot die Pädagogin an, mit ihm am Wochenende zu lernen. „Wir hatten nie die Absicht gehabt, jemanden aufzunehmen“, so die Frau zu Jahresbeginn 2018 zum Kinder-KURIER.“ Aber es kam alles anders, die beiden schon genannten Töchter und deren Vater und Alexandras Ehemann Daniel haben Ali rasch liebgewonnen.

Liberal und kein Duckmäuser

Ali Mohammadi, Sprachbegleiter im Kindergarten Forsthausgasse Foto: Privat Der Bursch stammt aus dem kleinen Dorf Jaghori bei Ghazni. Nachdem sein Bruder „verschwunden“, seine Schwester in ein anderes Dorf verheiratet und das Haus seines Vaters von einem Bekannten der Familie verkauft worden war und Ali obendrein liberal und weltoffen ist und „meinen Mund nicht halten kann“ - wenngleich stets höflich –, flüchtete er allein auf sich gestellt. Der nunmehr neuen Familie gelang es, Ali rasch aus dem Lager Traiskirchen in eine kleine Jugend-WG des Arbeitersamariterbundes nach Wien zu kriegen und bald darauf entschieden die Csars, die Familie um Ali zu erweitern. Dafür suchten sich nach einer größeren Wohnung, damit jedes der drei Kinder ein eigenes Zimmer haben könnte.

Zwar „nur“ Pflegekind ist er vollwertiges Familienmitglied, „das heißt natürlich auch, dass ich genauso mithelfe, staubsauge, Küche putze, koche oder einkaufen gehe“, erzählt er. „Vor allem die Rosa verhätschelt er“, wirft seine Pflegemutter ein. „Naja beim Kochen muss ich immer drauf schauen, dass Isa kein Fleisch isst. Bei Badinjan (Lasagne) gibt“s eine mit Flesch und eine mit Gemüse.“ Doch das ist nur ein Bruchteil seiner Integration. Hatte er beim Hauptschulabschlusskurs noch Probleme in Mathe – „ich war in Afghanistan ja nie in der Schule, habe nur zu Hause mit meinem Papa ein bisschen gelernt, deswegen kann ich meine Sprache Dari auch nicht schreiben“, so steht er jetzt in der Abend-HAK Margarethenstraße „besonders auf Rechnungswesen“. Fast ein bisschen ein Streber, scheint’s ;)

Ehrenamtlich im Kindergarten

Ali Mohammadi, Sprachbegleiter im Kindergarten Forsthausgasse Foto: Privat Die Schule macht er nicht zuletzt deswegen abends, weil er tagsüber von Montag bis Freitag jeweils drei bis vier Stunden – ehrenamtlich – in einem Kindergarten arbeitet. Als einer der Sprachbegleiter_innen im Rahmen des Projekts BIG (Bildungskooperation in der Grenzregion) ist er im Kindergarten Forsthausgasse (Wien-Brigittenau) tätig. Bei diesem Projekt in Kindergärten und Grundschulen in Wien, NÖ, OÖ, Burgenland, Tschechien, der Slowakei und Ungarn soll bewusst Mehrsprachigkeit gefördert werden – siehe auch Artikel über das BIG-Projekt. Sprachen, die Mitarbeiter_innen beherrschen sollen sie auch gezielt einsetzen. Und so beobachtet der Kinder-KURIER wie Ali mit Pascal, Evelina, Tamina, Emilia, Viktoria und Celina Memory spielt. Ein Spiel, dessen Karten Ali selbst angefertigt hat. Hier gilt‘s nicht, zwei idente Bilder zu finden, sondern eine Karte mit unterschiedlich vielen kleinen Zeichen – und dazu die passende Zahlen-Karte, also acht Kleeblätter und das Kärtchen auf dem 8 steht. Und so „nebenbei“ fallen die Zahlwörter dann auch in den verschiedensten Sprachen. Emilia rasselt auf einmal die Reihe von eins bis zehn nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Englisch und Bosnisch runter und Pascal ergänzt sie auf Dari – das hat er sich von Ali schon gemerkt. Der hat am Tag des Lokalaugenschein noch neue Bildkarten mitgebracht - mit gezeichneten Kleidungsstücken und ihrer Benennung auf Dari. Wohl am leichtesten zu merken ist das Wort für T-Shirt: „Blus“, der Hut heißt Kula – auch nicht so schwer.

Und noch zwei Kinder

Ali Mohammadi, Sprachbegleiter im Kindergarten Forsthausgasse Foto: Privat Damit gibt sich Ali Mohammadi aber nicht zufrieden, „ich betreue auch noch zwei Kinder, oder eigentlich Jugendliche, sie sind 13 und 15, über den Verein KUI (Kinderflüchtlinge unterstützen und integrieren), die auch bei einer Pflegefamilie leben. Ich spreche mit ihnen viel, gehe auch mit ihnen nach draußen, wir unternehmen einiges und dabei zeige und erkläre ich ihnen, wie Wien und Österreich funktionieren. Und die Familie kann mich immer anrufen, wenn sie was brauchen und ich übersetzen oder helfen soll.“

Also, Abendschule plus 21 Wochenstunden ehrenamtliche Tätigkeit im Kindergarten als Sprachbegleiter plus so im Schnitt drei bis vier Stunden mit den beiden Jugendlichen über KUI. Auch das ist noch nicht alles, Ali steht weiteres über das Projekt „Quadam be quadam“ (Schritt für Schritt) als Dolmetsch für Farsi sprechende Flüchtlinge zur Verfügung.

Ali Mohammadi, Sprachbegleiter im Kindergarten Forsthausgasse Foto: Privat „Am Wochenende haben wir immer in der Familie einen Plan, oft gehen wir zu unserem Gemeinschaftsfeld am Laaerberg. Auf 8000 m² bauen ungefähr 25 Leute gemeinsam alles Mögliche an – Kartoffel, Zwiebel, Knoblauch, Zucchini, Kürbis, Melonen, Sonnenblumen Spinat, Mangold, Kräuter ... wir ernten das natürlich auch gemeinsam.“

Und all das sollen „keine nennenswerten Bindungen in Österreich“ sein, wie es im ersten, ablehnenden Asylbescheid heißt???

Wäre Verlust für Österreich

Ali Mohammadi, Sprachbegleiter im Kindergarten Forsthausgasse Foto: Privat Sein Hierbleiben wäre „nebenbei“ nicht nur für ihn und die neue Familie wichtig, seine vielfältigen ehrenamtlichen Tätigkeiten bringen jetzt schon der österreichischen Gesellschaft mehr als er kostet!

Und übrigens: Rund eine halbe Million Menschen sind in 30 der 34 Provinzen Afghanistans zur binnenflucht gezwungen und selbst in der angeblich so sicheren Hauptstadt Kabul wurden im Vorjahr mehr als 500 Menschen bei zwei Dutzend Anschlägen ermordet, ergeben Zahlen der UN-Organisation für humanitäre Angelegenheiten (OCHA).

Fotos...

... aus der neuen Familie und aus dem Kindergarten

Ali, Vater Daniel, Rosa, Mutter Alexandra und Isa Werken am Gemeinschafstfeld Werken am Gemeinschafstfeld Die drei Kinder Isa, Rosa und Ali Rosa, Ali, Alexandra, Isa, Daniel (von vorne nach hinten) Auszug aus dem Bescheid Ali bei der Arbeit im Kindergarten Ali bei der Arbeit im Kindergarten Ali bei der Arbeit im Kindergarten Ali bei der Arbeit im Kindergarten Ali bei der Arbeit im Kindergarten Ali bei der Arbeit im Kindergarten Ali bei der Arbeit im Kindergarten Ali bei der Arbeit im Kindergarten Ali bei der Arbeit im Kindergarten
(kiku) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?