Leben | Kiku

Welcome, Bienvenue, willkommen, Dobro Došli, Hoşgeldiniz ... und das in noch mindestens einem Dutzend weiterer Sprachen und obendrein verschiedenen Schriften. Bunte handschriftliche herzliche Begrüßungen finden sich auf der Glasfront des Kinderfreunde-Kindergartens in der Forsthausgasse (Wien-Brigittenau). Die Internationalität ist aber nicht nur Fassaden(schrift), sie wird hier im Alltag gelebt – und nun auch in einem EU-Projekt (Wien, Nieder-, Oberösterreich, Burgenland sowie Tschechien, Slowakei und Ungarn) besonders gefördert: Bildungskooperation in der Grenzregion (BIG).

Und so quasseln Noah, Tamina und Belinay in der Küche mit Mona während sie den Pizzateig belegen munter drauf los, sagen einander, was Mais in ihrer jeweiligen Sprache heißt – etwa Dora (Arabisch), mısır (Türkisch), Corn (Englisch). Käse kommt auch drauf und damit gäbna, peynir und cheese. Dann sind Medina, Ronja und Laeticia, später Esma, Elias, Nissa mit Hürdes bzw. Katarzyna dran und damit weitere Sprachen.

Sprachbegleiter_innen

Medina, Ronja und Laeticia belegen in der Küche eine Pizza... © Bild: Heinz Wagner

Das Einbinden der Küche mit den Sprachen der dort tätigen Mitarbeiterinnen ist Teil des Konzepts des EU-Projekts. Nicht nur die Sprachbegleiter_innen sollen die Vielsprachigkeit fördern. Wenn eine Mitarbeiterin wie Hürdes in der Küche Türkisch oder Mona Arabisch kann, so ist genau das gewünscht. Das hat den bewussten Nebeneffekt, dass diese Person dann nicht nur Küchenhilfe ist, sondern zusätzlich ein Mensch, der eine Sprache beherrscht, die sogar für nicht wenige Kinder Familiensprache ist. Obendrein fühlen sich Eltern beim Bringen oder Abholen ihrer Kinder spürbar wohler, wenn sie den einen oder anderen Satz wechseln können in einer Sprache in der sie zu Hause sind.

Vor-, keine Nachteile

Andere Sprachen sind kein Manko, kein Defizit, kein Fehler, nichts was verheimlicht werden muss oder soll, sondern ganz im Gegenteil eben willkommen. Mehrsprachigkeit wird gefördert – nicht in kleinen Englisch-, Chinesisch oder was auch immer Lektionen wie da und dort andernorts. Hier werden die Sprachen, die Kinder UND Pädagog_innen, aber auch jede andere Mitarbeiterin/jeder andere Mitarbeiter mitbringen, eingebaut - in Spiele, Essenszubereitung in Kleingruppen in der Küche oder wo auch immer. So „nebenbei“, aber doch immer wieder ganz bewusst.

Sprachassistenz, Wissenschaft, Fortbildung

Jonathan, Gamze, Emmanuella und Medina tanzen mit Barnabas und Irèn Ringereihe und ... © Bild: Heinz Wagner

Im Rahmen des Projekts in mehreren Bildungseinrichtungen wird das durch den Einsatz von insgesamt elf Sprachbegleiter_innen unterstützt und gefördert. Außerdem wird es wissenschaftlich begleitet, ebenso gibt es Fortbildungsveranstaltungen, Fachberatung und eigens entwickelter pädagogischer Begleitmaterialien.

Längst – aus der Praxis – bekannte, aber auch schon seit etlichen Jahren wissenschaftlich untermauerte Erkenntnisse, dass Kinder leicht und liebend gern Sprachen lernen, am besten dann, wenn sie sich wenigstens in einer sicher und wohl fühlen ist das Fundament für dieses Projekt, das über die Förderung der Mehrsprachigkeit das Deutsch-Lernen auch bei Kindern, deren Familiensprache eine andere ist, erleichtert und forciert.

Bei einem anderen Spiel wo’s ums Zählen geht, wird nicht nur die Zahlenreihe 1 bis 10 erlernt. Doroteja, Nethanael, Aleksandar, Louis, Yusuf, Filip, Eylül, Jamie, Nikola, Clarissa und Ilija mit Anna machen das auch noch in BKS (Bosnisch/Kroatisch/Serbisch/), Polnisch, Slowakisch, Litauisch und Türkisch. Ähnliches gilt für Farben in einer anderen Ecke des Kindergartens: Unter einem großen Papierherzen auf dem Bilder der Erdteile kleben wie auf einer Weltkarte benennen u.a. Lorenzo, Amelie und Arianna Farben mit Hilda auf Spanisch und Englisch. In einer anderen Gruppe geht’s gerade um die Teile des Gesichts. Da fällt zwischendurch neben Mund auch „usta“ (BKS) oder száj (Ungarisch).

Zusätzlich ehrenamtlicher Sprachbegleiter

In der Gruppe mit dem Sprachbegleiter Ali u.a. Viktoria, Khaleb, Jeremy, Mustafa und Samiya © Bild: Heinz Wagner

Mustafa ist auf einmal gar nicht wieder zu erkennen. Zuvor war er als Prinzessin verkleidet durch den Kindergarten beinahe stolziert, nun spielt er ent-Kleid-et in seiner Jean, die er zuvor drunter anhatte, in der Gruppe mit Ali. Der Bursch, der vor rund zweieinhalb Jahren in Österreich Zuflucht gefunden hat, arbeitet seit Monaten als freiwilliger Helfer hier – und bringt neben viele Herzenswärme und Geduld u.a. seine Erstsprache Dari (die afghanische Version von Farsi/Persisch) mit ein. Viktoria, Jeremy, Yagiz, Nadina, Adrianna, Khaleb und Samiya switchen zwischen Deutsch, Englisch, Dari und noch einigen Sprachen, die sie mitbringen.

Gleich beim Eingang ist ein kleiner Indoor-Bewegungsbereich mit Fallmatten, Sprossenwand und großen Schaumgummi-Elementen wo Jonathan, Gamze, Emmanuella und Medina mit Barnabas und Irèn Ringelreihe spielen –und vor allem die Kinder sich liebend gern so schnell drehen, dass der Kreis zerreißt und sie sich auf die Matten fallen lassen können. Lukas, Zehra, Belinay und Noah wollen’s ruhiger, sie sitzen oder stehen an einem Tisch in ihrem Gruppenraum und nähen vorgezeichnete Linien auf Blättern mit Löchern mit bunten Fäden nach.

Die Leiterin dieses Kindergartens, Irèn (Komenda), ist Fachberaterin und Mehrsprachigkeitsexpertin im gesamten BIG-Projekt und bringt ihrerseits mit Ungarisch und Russisch selber noch zwei andere Sprachen mit. Maßgeblich an der Entwicklung des Konzepts dieses Projekts zur Förderung von Mehrsprachigkeit in Kindergärten und Grundschulen ist Karin (Steiner) von den Kinderfreunden.

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