Leben | Kiku
27.01.2018

Erzähltheater: Über Geister der Vergangenheit

Stefan Pawlata mit dem Solo-Erzähltheater "1994 – De Geista da Vagonganheit" in der Brunnenpassage (Wien-Ottakring) © Bild: © bert schifferdecker

Solo-Erzähltheater eines Steirers über die Aufarbeitung und Versöhnung nach dem Völkermord in Ruanda (1994).

Ein Mann, ein weißer Klappsessel und eine Gitarre. Das ist es. Eineinhalb Stunden zieht der Erzähler sein Publikum in Bann, schlüpft hin und wieder in andere Rollen, seiner Freunde, seiner Oma, eines Lehrers und von Menschen, denen er auf seiner Reise begegnete. Um erinnern und vergessen geht es. „1994 – De Geista da Vagonganheit“ heißt das Stück Erzähltheater – zumeist in breitem steirischen Dialekt - mit dem Stefan Pawlata jüngst in der Brunnenpassage, einem Kulturzentrum in Wien-Ottakring auftrat.

Völkermord

Stefan Pawlata mit dem Solo-Erzähltheater "1994 – De Geista da Vagonganheit" in der Brunnenpassage (Wien-Ottakring) © Bild: © bert schifferdecker

Just rund um das Gedenken an die Befreiung des Nazi-Konzentrationslagers Auschwitz und in Tagen, in denen die Verherrlichung des faschistischen Gewaltregimes in Liederbüchern („Liederbetätigung“) in Österreich aufpoppte, war das Stück zu erleben. In diesem geht’s nicht um die österreichische, nicht die europäische Geschichte, sondern eine in Afrika. Eine von der der Sozialarbeiter, Theaterpädagoge und Schauspieler so fasziniert war, dass er 2013 für mehrere Monate das kleine Land Ruanda so besuchte, dass er die Gedenkwoche vom 7. April weg miterleben konnte.

In der Nacht vom 6. auf den 7. April 1994 begann ein gewaltiger Völkermord, in dem sich vor allem die beiden großen Volksgruppen Hutu und Tutsi, die in den Jahrzehnten zuvor von den Kolonialmächten und den Missionaren jeweils gegenseitig bevorzugt und benachteiligt worden waren, gegenseitig richtiggehend abschlachteten. Die Schätzungen der Todesopfer reichen von mindestens einer halben bis zu einer ganzen Million Menschen, die in 100 Tagen ermordet wurden - unter mehr oder minder Wegschauen der im Land stationierten UNO-Truppen.

Versöhnung

Die umfassende Aufarbeitung plus Versöhnung – heute verstehen sich im Land, das so klein wie die Steiermark und Kärnten gemeinsam ist, aber rund elf Millionen Einwohner_innen hat – alle nur als Banyarwanda, die Bezeichnungen Hutu, Tutsi und Twa sind verpönt – fasziniert(e nicht nur) Pawlata. Diese Versöhnung geht einher mit der Auf- und Bearbeitung der blutigen Vergangenheit, sie wird nicht unter den Teppich gekehrt.

Fiktive Geschichte mit realen Geschichterln

Stefan Pawlata mit dem Solo-Erzähltheater "1994 – De Geista da Vagonganheit" in der Brunnenpassage (Wien-Ottakring) © Bild: © bert schifferdecker

Darum herum baute Pawlata – Regie: Christian Suchy - seine fiktive Erzählung als Paul Stejskal, in die er viele echte erlebte Geschichten einbaute. Solche aus seiner Kindheit und Jugend in der Steiermark und aus der Reise nach Afrika Und er lässt wichtige Begleiter_innen auftauchen, in deren Rollen er – samt Sprachfärbung – schlüpft: Die Oma, einen Geografielehrer, genannt Schön, der die Sehnsucht nach fremden Ländern entfachte, einen WG-Mitbewohner, der Anfang der 90er Jahre aus dem Krieg im vormaligen Jugoslawien geflüchtet war („Darko“) – und mit ihm Weisheiten aus Krieg und Fluchterfahrung sowie den bewegenden Auftritt des Duos Alma & Dejan für Bosnien und Herzegovina beim Eurovision Songcontest 1994 in Dublin mit dem Song „Ostani kraj mene“ (Bleib dicht bei mir). Dejan war aus dem belagerten Sarajevo durch den Tunnel entkommen. Der Künstler spickt sein fiktives Geburtsjahr 1974 sowie vor allem das Jahr 1994 mit damals aktuellen Persönlichkeiten und Geschichten, sodass auch Zuhörer_innen eine Idee vom zeitlichen Horizont bekommen – vom „Rumble in the Jungle“, dem Jahrhundert-Boxkampf zwischen Muhammad Ali und George Foreman in Kinshasa (damals Zaire, heute demokratische Republik Kongo) den er im Bauch seiner Mutter miterlebt über Namedroping vom Amtsantritt Bürgermeister Michael Häupls in Wien, den US-Präsidenten Bill Clinton usw.

Weltbild

Stefan Pawlata mit dem Solo-Erzähltheater "1994 – De Geista da Vagonganheit" in der Brunnenpassage (Wien-Ottakring) © Bild: © bert schifferdecker

Darko, gespielt mit Jugo-Akzent, stellt mit einer einfachen Frage das trotz Globetrotter-Haltung noch immer eurozentristische Weltbild „Pauls“ auf den Kopf: Wieso sagst du, dass du den Nil „obe fahrst“. Der fließt doch ins Mittelmeer, „also radelst du auffe“, wenn du tiefer nach Afrika fährst...

Vielleicht insgesamt ein bisschen zu lange sind die eineinhalb Stunden, da die Vorgeschichte bis es überhaupt zur Abreise in Richtung Afrika kommt, einen zu langen Zeitraum in Anspruch nimmt. Aber beeindrucken die Schilderungen der verschiedenen Begegnungen und das Auftauchen von Geistern der Vergangenheit, deren Grab er mehrmals als Gegenwart und die wiederum dann immer als Wiege der Zukunft bezeichnet. Wer allerdings des Steirischen nicht ganz mächtig ist, hat mitunter Verständnisschwierigkeiten.

Was? Wer? Wann & wo?

1994 – De Geista da Vagonganheit

von Stefan Pawlata und Christian Suchy.

Spiel: Stefan Pawlata Regie: Christian Suchy

Infos über nächste Auftritte

http://stefanpawlata.com/