Ein starkes Stück Jugendtheater

Eine der Outdoor-Szenen
Foto: Lukas Swatek

Wenn (m)ein Herz lauter schreit als mein Mund brüllt im Palais Kabelwerk im Rahmen von Macht.Schule.Theater

Bibbernd vor Kälte (hoffentlich nur bei der Premiere) startet "Wenn (m)ein Herz lauter schreit als mein Mund brüllt" (im Rahmen des Gewaltpräventionsprojektes Macht.Schule.Theater des Bildungsministeriums) vor dem Veranstaltungszentrum Palais Kabelwerk. Aus einer Nische, zwei Ecken, von den Stiegen oben runter lösen sich aus dem scheinbaren Nichts Gruppen von je fünf Jugendlichen. Bunt gekleidet. Mit Kopftüchern - Mädchen wie Burschen. Jede der Kleingruppen im Chor Sätze wie: "Hier bin ich!" bzw. "ich bin hier!". Die vier Gruppen treten in Dialog. Bis sich der Satz leicht und doch so stark ändert: "Hier bin ich ich!" Fast kommt ein wenig Wehmut auf: Die alten - zeitweise als Theaterorte genutzten Kabelwerkhallen - hätten diese jungen Leute vielleicht sogar besetzt und begonnen, ihr Leben einzurichten.

Quer durch die Weltliteratur

Eine der Outdoor-Szenen Foto: Lukas Swatek Eine der Outdoor-Szenen

Zurück in der heutigen Wirklichkeit beginnen sie vor dem gläsernen Palais rund um eine hölzerne Kabeltrommel sich mit verfremdeten Zitaten quer durch die Weltliteratur zu spielen: Antigone (Sophokles), Shakespeares Romeo und Julia, Penthesilea (Kleist), Schiller mit Anklängen an die Räuber... Gebrochen durch einen kurzen Rap "Wut heilt alle Wunden".
Deutlich wird: Es geht den 20 Darsteller_innen um Zuschreibungen, wie sie sein sollen, wie Frauen, wie Männer zu sein haben - nach Ansicht "der Gesellschaft". Das wird die kommende starke Stunde durchziehen. Ob im Foyer des Palais, im Vorraum der oberen Halle, auf der Terrasse oder im Saal.

"Elterngespräche"

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Die Stilmittel: große bzw. kleinere Chor-Sprechgesänge, die in Dialog treten - auch konterkarierend, Monologe, Raps, Songs, Tänze, Szenen und eine Gender-Show. Tief ans Eingemachte berührend - gerade für erwachsene Zuseher_innen, die selber schon Eltern sind: Die Szenen über die "Elterngespräche" aus der Sicht einmal von Söhnen, einmal von Töchtern. Kinder, die "nur in bester Absicht" Leben führen sollen, wie sie sich Mütter und Väter wünschen, was oft nicht den eigenen Vorstellungen der jugendlichen Kinder entspricht.
Bei den Ortswechseln von einer zur nächsten Station stets Hinweise auf "Unheil, das seinen Lauf nimmt. Die Zeit läuft uns entgegen..."

Hoffnung

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Doch stets vermitteln die jungen Darstellerinnen und Darsteller, die zum Großteil die Texte auch selber geschrieben haben (plus andere Jugendliche, die nicht im Rampenlicht stehen (wollen)): Sie wollen sich gegen diese Zwänge wehren. Lehnen sich auf. Kämpfen darum, eigene Rollen in ihren eigenen Leben zu finden und mit dem Hinterfragen fragwürdiger Vorgaben, eigen- und selbstständig, gleichberechtigt, frei, unabhängig, ob Frau oder Mann, hetero oder homosexuell, behindert oder nicht, hier oder anderswo geboren... ihren Weg zu finden und auch zu gehen.
Ein kräftiger Schuss Hoffnung auch fürs Publikum. Auch das ist DIE heutige Jugend!

Interviews mit Mitwirkenden

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Der 18-jährige Adil Embaby, Handelsschüler aus der Ungargasse, erzählt dem Online-KiKu: "Ich tanze schon seit zehn Jahren und hab das auch nicht aufgegeben seit ich durch meine Krebserkrankung im Rollstuhl fahre. Und so bin ich in den Theaterkurs unseres Schulzentrums gekommen. Ich will zwar Bankkaufmann werden, aber auf jeden Fall weiter in meiner Freizeit was Künstlerisches machen."

Paula Dominici aus der Boerhaavegasse besucht zwar in ihrer Schule nicht die Theatergruppe, wollte diesen Bereich aber einmal kennen lernen und nutzte die Gelegenheit dieses Projekts. ""ich wollt was neues ausprobieren und auch neue Leute kennen lernen."
Sie sowie Mia Rotim und Lilian Grof (mit der Mödlinger Bachgasse sowie der Wiener Feldgasse aus zwei weiteren Gymnasien jenseits der Partnerschulen) und Ebru Kahraman (Ungargasse) schildern auch ein wenig den Entstehungsprozess. "Es war zwar klar, dass es ums Thema Gewalt gehen soll, aber am Anfang gab's kein Stück. Wir haben in den Schreibwerkstätten über die Themen geschrieben, die uns wichtig sind. Teilweise hat Vista Musik aufgelegt und wir haben dazu im Rhythmus geschrieben."

Spielen mit Klischees

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Der Prozess sei zwar mitunter schon sehr anstrengend gewesen, "wir haben die ganzen Ferien durch gearbeitet, aber es hat nicht nur viel spaß gemacht, es hat sich ausgezahlt", meint vor allem Grof, "wenn man heute gespürt hat, dass es auch dem Publikum gefällt."
"Und im Endeffekt haben wir uns nicht nur selber eingebracht - auch wenn die Profis dann aus unseren Texten das Stück gebaut haben - so ist das alles unseres. Und vielen hat das sicher auch geholfen, ihren eigenen Weg zu finden. Mich hat's zum Beispiel auch gestärkt, in der Schule nicht wegen Gruppenzwangs bei allem mitzumachen auch bei Dingen, die ich selber nicht mach, auch wenn's andere uncool finden etwa nicht zu rauchen. Aber ich kann jetzt stolz sagen, dass ich das nicht mag!"

Das Spielen mit Klischees taugte vor allem Nikolai Gemel. Der Filmstudierende zählt zu jenen paar schon jungen Erwachsenen wie auch Roxana Rahnama (mit mehreren starken Monologen), die das Team der Schüler_innen ergänzten. Bei der Gender-Show, die erst mit Klischee-Mädchen und -buben beginnt und sich schließlich ins Gegenteil verkehrt, ist er in seinem Element. Ob die Arbeit an den Texten und dem Stück auch etwas im eigenen Leben verändert habe? "Naja, jetzt denk ich zumindest nach, wenn so gängige Schimpfwörter wie behindert oder schwul fallen. Das ist ja eigentlich ziemlich arg."

Infos

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Regie, Konzept: Corinne Eckenstein
Darsteller_innen: Maria Astl, Natascha Berger, Lina Madita Buxbaum, Hawa Dediewa, Heda Dediewa, Paula Dominici, Cornelius Edlefsen, Adil Embaby, Lara Felsenreich, Sarah Gaderer, Nikolai Gemel, Lea Granofszky, Lilian Grof, Fabian Gruntorad, Amal Hassanein, Erol Jusufi, Ebru Kahraman, Amina Kummer, Matti Melchinger, Patrick Nehls, Ognjen Pavlovic, Julia Plach, Mia Rotim, Roxana Rahnama, Anna Maria Wagner.

Erarbeitet aus Texten von: Maria Astl, Natascha Berger, Lina Madita Buxbaum, Hawa Dediewa, Heda Dediewa, Paula Dominici, Corinne Eckenstein, Cornelius Edlefsen, Adil Embaby, Sarah Gaderer, Lea Granofszky, Lilian Grof, Fabian Gruntorad, Yasmin Hafedh, Erol Jusufi, Amina Kummer, Ebru Kahraman, Patrick Nehls, Ognjen Pavlovic, Sarah Pivoda, Julia Plach, Roxana Rahnama, Mario Schindler, Lukas Swatek, Vista, Anna Maria Wagner

Partnerschulen: HIB Boerhaavegasse & HTBLA, BHAK, BHAS Ungargasse
Textfassung, Dramaturgie, Leitung Schreibwerkstatt: Anna Sonntag
Workshopleiter_innen: Yasmin Hafedh, Vista, Topoke, SaRa
Textfassung, Assistenz: Cornelius Edlefsen
Kostüme: Student_innen der Akademie der bildenden Künste Abt. Moden und Styles
Video, Fotodokumentation: Lukas Swatek

Wann? 4.-6. Mai, 10.-13. Mai, 16./17. Mai, 19.30 Uhr
Wo? Palais Kabelwerk, 1120, Oswaldgasse 35a
Tickets: Jugendliche: 7,50 Euro (bei Klassenbesuchen: 5.-/Person), Erwachsene: 13 Euro
Telefon: (01) 522 07 20-20 (Dschungel Wien)

Buch: Die Texte der Jugendlichen - und einiger Workshop-Leiter_innen sind in einem 128-seitigen Taschenbuch erschienen, das es um 3 Euro bei der Vorstellung bzw. im Dschungel Wien gibt. Der Titel ist derselbe wie jener des Stückes: Wenn (m)ein Herz lauter schreit als mein Mund brüllt.

(kurier) Erstellt am
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