"Running Wild": Nicht mehr Kind, noch nicht jugendlich...

© Rainer Berson

Kiku
09/06/2016

Stürmische Zeiten brauchen mutiges Theater

DschungelWien, neue Saison, neue Direktorin: Frauenpower, Suche nach dem eigenen Ich, Kultur als (Über-)Lebensmittel, (Denk-)Räume eröffnen.

Stücke zur Identitätsfindung, zu starken Mädchen und nicht zuletzt zur kulturellen Vielfalt stehen auf dem Spielplan der neuen Saison des Dschungel Wien. Dies kündigte die neue Direktorin des Theaterhauses für ein junges Publikum im Wiener MuseumsQuartier, Corinne Eckenstein, am Dienstag bei ihrer ersten Pressekonferenz an.

Als weitere Schwerpunkten nannte sie eine noch stärkere Zusammenarbeit von Theater-/ Tanz-/ Performance-Profis mit Kindern und Jugendlichen auf Augenhöhe sowie die (Er-)Öffnung neuer Räume durch Koproduktionen mit anderen Einrichtungen der Jugendarbeit in den Außenbezirken Wiens.

Überlebensmittel

Ferner wirbt der Dschungel Wien um Kulturpatenschaften privater Geldgeber_innen. Mit diesen Beträgen sollen einzelnen Kindern und Jugendlichen bzw. Klassen oder Kindergartengruppen Theaterbesuche bzw. die Teilnahme an Workshops und Werkstätten ermöglicht werden. „Denn Kultur ist kein Luxus, den wir uns leisten oder nach Belieben auch streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere innere Überlebensfähigkeit sichert“, zitierte Eckenstein den früheren deutschen Bundespräsidenten (1984 – 1994) Richard von Weizsäcker. Sie begreife Theater zwar nicht als „moralische Anstalt“, aber schon als ein Mittel zur Empathie-Bildung. Empathie sei notwendig – für das Überleben der Menschheit. Intoleranz und Plastik im Meer, das dann über die Nahrungskette in Tiere und später in Menschen gehe, seien jene zwei Themen, die ihr 11-Jährige in Gesprächen, in denen sie sie bat, frei von der Leber weg zu reden, als wichtigste Themen genannt hätten.

Weniger ist mehr

Rund 200 Vorstellungen weniger im Jahr, dafür längere Spielzeiten der einzelnen Produktionen kündigte das Theaterhaus für junges Publikum an. 50 Produktionen, davon allein 30 Premieren ergeben 470 Vorstellungen in der kommenden Saison. Das Haus im MuseumsQuartier werde mehr zur Spielstätte für freie Gruppen, um diese Szene zu stärken. Dazu gesellen sich 4 Koproduktionen mit dem TheaterFoxfire, das von Eckenstein vor mehr als 30 Jahren gemeinsam mit Lilly Axster gegründet wurde, Das Spiegelkabinett, diverCITYLAB und die Musik- und Kunst-Privatuni der Stadt Wien MUK.

Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny freute sich mit Eckenstein die vierte Direktorin eines Wiener Theaters begrüßen zu können, „fast schon eine Selbstverständlichkeit, die vor einigen Jahren noch nicht selbstverständlich war, genauso selbstverständlich, wie dass so ein mittlerweile etabliertes Haus mitten im Zentrum des Kulturareals MQ angesiedelt ist – ein Haus, das nicht Theater für ein Publikum von morgen, sondern hochwertige Kunst für die heutigen Kinder und Jugendlichen betreibt.“

Räume eröffnen und Wegsuche

Eröffnet wird die neue Saison am 23. und 24. September mit einem Performance-Parcours namens „Quartier 2030 – Die Stadt sind wir“, bei der 18 Künstler_innen von 16 bis 32 Jahren sich sozusagen den Raum erobern: „Durch Interagieren Denkräume schaffen, Möglichkeitsräume eröffnen und Handlungsspielräume ermöglichen“, wie es Regisseurin Claudia Seigmann bei der Pressekonferenz auf den Punkt brachte. Schon die jetzigen proben, bei der das Gelände erkundet und erforscht wird und es zu Interaktion mit Besucher_innen kommt, hätten eine positive Dynamik in Gang gesetzt – vom Problemdenken zu Lösungsansätzen, wie wir alle gemeinsam im Jahre 2030 leben, mit Müll ebenso wie mit Ressourcen umgehen wollen.

Für die erste Produktion im Theaterhaus selbst zeichnet die neue Direktorin verantwortlich. „Running Wild“ ist ein Tanzstück über die Phase der Verabschiedung von der Kindheit auf dem Weg zum Teenager.
Am ersten Abend geben nach den beiden Stücken „The Boys“ aus der Buben/Männer-Trilogie Eckensteins ein Konzert, Abends darauf spielt die Grrrlband Schapka. Danach an beiden Abenden DJ-Line mit Djane Brunhilde von der Brunnenpassage.

"Meine Nöstlinger"

Am 16. Oktober gibt es anlässlich des 80. Geburtstages der bekannten österreichischen Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger eine ganztägige Benefiz-Veranstaltung „Meine Nöstlinger“, bei der Mitwirkende aus Mirjam Ungers Verfilmung „Maikäfer, flieg!“ sowie andere bekannte Künstler_innen aus Nöstlinger-Geschichten lesen werden. Die Einnahmen daraus kommen den schon erwähnten Kulturpatenschaften zugute.

Apropos Klassiker_innen: Ab Ende Oktober ist Mira Lobes „Das kleine ich bin ich“ in einer Kooperation mit Wien Modern zu sehen und nicht zuletzt zu hören – auch in einer Farsi (Persisch) bzw. einer Arabisch-Version. Im Frühjahr ist das Buch dreisprachig – in den beiden genannten sowie auf Deutsch – erschienen (im übrigen vor ein paar Jahren sogar 4-sprachig mit Deutsch/Kroatisch/Serbisch/Türkisch).

www.dschungelwien.at

Zu einem ausführlichen Interview mit der neuen Direktorin - aus dem Frühjahr - geht's

hier