Kiku
11.05.2017

Wild, laut, nachdenklich und spannende Zeitreisen

„Lauter Haufen“ und „Time Travel“ – zwei weitere Produktionen von Theater-Werkstätten im Dschungel Wien.

Mit „Lauter Haufen“ und „Time Travel“ werden diese Woche – nach Wildlinge in der Vorwoche - die Aufführungen der Theaterwerkstätten des Dschungel Wien fortgesetzt. Kinder bzw. Jugendliche erarbeiteten die Stücke – mit Theater-/Tanz-Profis – und spielen jeweils fünf Vorstellungen.

Rhythmus-Wechsel

„Lauter Haufen“ beginnt ganz leise – sieben Karton-Häuser stehen auf der Bühne. Nach und nach zeigen sich Finger, Hände, Füße oder einfach ein Haarzopf – aus den aufklappbaren Fenstern oder den runden Gucklöchern. Bei manchen tauchen auch drei, vier Beine auf... Die 12 Darsteller_innen sind anfangs in diesen Häusern versteckt, bis einer sein Versteck gänzlich verlässt, laut zu rufen, zu tanzen, zu laufen beginnt.

Natürlich tauchen nach und nach alle auf – laut und wild geht’s zu – und rhythmisch. Sowohl Lautstärke als auch Bewegung vollführen ein auf und ab. Neben zuvor aufgenommenen Sagern, die eingespielt werden, nutzen die Kids der Theaterwild:Werkstatt „Wildfang“ auch ein Mikro, um dem Publikum ihre Gedanken beispielsweise zu Freiheit sagen oder ihre philosophischen Fragen zu stellen: Wie oft schlägt das Herz in einem ganzen Leben? Was ist ein gebrochenes Herz?...

Die Gedanken sind frei...

Es wird Nacht und dunkel, nur aus den Häuschen, in die sich die Kids wieder zurückziehen, scheint Licht. Gegenseitig – und natürlich auch dem Publikum klagen sie, was bei ihnen zu Hause verboten ist, um – wieder bei „Tag“ – über Gedanken und Freiheit zu sprechen: „Meine Beine kann ich nicht stoppen, wenn sie einmal beginnen zu laufen ganz wie bei den Gedanken...“ – was nahtlos übergeht in das bekannte, mehr als 200 Jahre alte deutsche Volkslied „Die Gedanken sind frei,/wer kann sie erraten,/sie fliehen vorbei/wie nächtliche Schatten./Kein Mensch kann sie wissen,/kein Jäger erschießen,/es bleibet dabei:/die Gedanken sind frei...“

Ob leise oder laut, sowohl verbal als auch tänzerisch und spielerisch, zeigen diese zwölf jungen Darsteller_innen – stellvertretend wohl für alle: Kinder haben was zu sagen. Hört/schaut ihnen zu!

Vorwärts in die Vergangenheit, zurück in die Zukunft

„Könnten wir jetzt endlich anfangen, das Publikum wartet schon..., was machen wir jetzt 70 Minuten lang...? Die Anfangs-Dialoge von „Time Travel“ kommen aus dem Off – in eine mit Ausnahme von vier Sesseln – eher leere Bühne. Bevor es zu Zeitreisen aufgeht, philosophieren die Jugendlichen – Teilnehmer_innen der Theaterwild:Werkstatt „Wildfang“ – über Zeit als vierter Dimension neben Länge, Breite und Höhe, Albert Einstein und die Relativitätstheorie...

Königin, Malerin, Musiker

Theatralisch tauchen die Jugendlichen in andere Epochen ein, deren Protagonist_innen sie selbst ausgesucht hatten: Von Englands Königin Elisabeth, Österreichs Kaiserin Sisi, die weltberühmte mexikanische Malerin Frida Kahlo, John Lennon & Yoko Ono samt Starfotografin Annie Leibovitz bis zu literarisch oder filmisch erfundenen Figuren wie Pippi Langstrumpf oder Prinzessin Leia aus „Star Wars“ spannt sich der Bogen der fantasievoll gespielten Zeitreisen. Die „unbegrenzten“ Reisen erfolgen mit verschiedensten Stilmitteln und ansatzweise auch in verschiedenen Sprachen - von Englisch mit bewusst schrägen Übersetzungen über wenige Sätze auf Dari (Afghanistan), Ungarisch, Igbo (Nigeria) bis zu Arabisch.

Als Art Running Gag zieht sich aber Kurt Cobain durch fast das gesamt Stück. Der Musiker der Band Nirvana wurde am 5. April 1994 tot aufgefunden – mit einer Überdosis Heroin und einem Kopfschuss. Ob Mord oder Selbstmord - der Tod des Musikers soll durch die Zeitreise verhindert werden. Wird er auch, nur stirbt Cobain dann am Tag darauf auf andere Art... Auf ein Neues... – immer wieder schlurft „Cobain“ mit dem übersetzten letzten Satz seines Abschiedsbriefes über die Bühne: „Es ist besser auszubrennen, als zu verblassen“ (ein Zitat des Neil-Young-Songs My My, Hey Hey /Out Of The Blue).

Vor und zurück?!

Also doch nix mit dem Ändern des Laufs der Vergangenheit?! Und wie steht’s um die Zukunft? Die überzeugenden darstellerischen Leistungen und nicht zuletzt die Leidenschaft fürs Theater lassen einige den Wunschberuf Schauspieler_in äußern. Selbstironisch zitieren sie gegen Ende – aus der Zukunft sozusagen – eine Kritik nach Ablauf der Spielserie, die das Stück über den grünen Klee übertrieben lobt. Oder wird die Darstellerin doch Wissenschafterin? Der Kreis schließt sich mit Erörterungen der Grundlagen für mögliche Zeitreisen durch Einsteins Relativitätsprinzip...

Was? Wer? Wann? Wo?

Lauter Haufen

Theaterwild:Werkstatt „Wildfang“ im Dschungel Wien Tanztheater, 45 Minuten

Künstlerische Leitung: Sanja Tropp-Frühwald, Till Frühwald

Darsteller_innen: Chandra Birkhan-Dhellemmes, Matilda Bosnjak, Jaša Frühwald, Luci Kucer, Matilda Plank, Flora Raunig, Christopher Rohr, Manuel Schmiedhofer, Theodor Vlazny, Linda Vlazny, Carolin Wotschke (Teilnehmer_innen der Theaterwild:Werkstatt „Wildfang“)

Assistenz: Janina Haring Musik: Imre Lichtenberger Bozoki

Time Travel

Theaterwild:Werkstatt „Wildwechsel“ im Dschungel WienSchauspiel, 70 Minuten

Künstlerische Leitung: Christian Himmelbauer DarstellerInnen: Babette Adamovits, Sera Ahamefule, Laurin Franek, Sophia Greilhuber, Yuria Knoll, Fanny Neumayer, Amina Reifenauer, Mahmood Tavakoli (Teilnehmer_innen der Theaterwild:Werkstatt „Wildwechsel“)

Assistenz: Julia Decker Dramaturgie, Textfassung, Kostüme: Iris Harter Licht: Mirza Kebo Video: Rainer Berson Maske Video: Alexandra Simek Radiostimme: Martin Beck

Wann & wo?

Bis 13. Mai 2017 Dschungel Wien, 1070, MuseumsQuartier Telefon: (01) 522 07 20-20www.dschungelwien.at