© Elmar Gubisch

Standpunkt
12/03/2012

Deutsch lernen beim Gehen im Freien

Rund 100 SchülerInnen diskutierten mit Fachleuten über tägliche Turnstunde und mehr (nicht nur) körperliche Bewegung

von Elisabeth Holzer

Werner Schwarz streckt die Arme vor und die Daumen raus. "Und zu die Faust, auf die Faust!". Einmal mit Daumen draußen, einmal drinnen.  Dann streckt er die Arme hoch über den Kopf, dann auf Schulterhöhe, vor die Brust und wieder hoch.
Die Schülerinnen und Schüler machen mit. Wer aus dem Takt gerät, fängt laut zu lachen an und probiert es erneut. „Man sieht“, sagt Schwarz, „es macht ihnen unglaublich viel Spaß. Es ist allein schon wichtig, dass Sie lachen.“
Schwarz ist Direktor des BG Zehnergasse in Wiener Neustadt, ein Drittel seiner SchülerInnen besucht den Sportzweig des Gymnasiums. Koordinationsübungen stehen dort ebenso auf dem Stundenplan wie viel sportliche Aktivität. „Wir haben die tägliche Turnstunde realisiert“, betont der Pädagoge. Auch für die, die keinen Sport-Schwerpunkt haben. „Das geht sich im Regelschulwesen aus.“

Mehr als "nur" Bewegung

Die jüngste „Standpunkt“-Diskussion in Graz dreht sich um ein aktuell heftig debattiertes Thema:  „Macht sitzen dumm?“ Brauchen Kinder und Jugendliche auch in der Schule mehr Bewegung? Und muss dafür eigens die tägliche Turnstunde eingeführt werden?
Sylvia Titze, Leiterin des Instituts für Sportwissenschaften an der Karl-Franzens-Universität Graz, stößt sich am Begriff der täglichen Turnstunde. „Am Anfang habe ich gedacht, das ist eine ausgezeichnete Idee. Denke ich teilweise noch immer. Aber da wird etwas transportiert, womit ich nicht glücklich bin, nämlich dass es nur darum geht, dass sich die Schüler bewegen. Das ist mir zu wenig.“
Titze vergleicht mit dem englischen Begriff der physical education. „Damit wird viel mehr transportiert.“ Auch Direktor Schwarz fordert einen neuen Namen und ein neues inhaltliches Konzept. „Dann ja, auf jeden Fall.“ David Schuller, Profi-Eishockeyspieler beim KAC Kärnten und Lyrikpreisträger, pocht darauf, dass auch im privaten Umfeld angesetzt werden müsse, nicht bloß in der Schule. „Das Elternhaus ist wichtig, im eigenen Haus, im Garten, in der Wohnung muss es Bewegungsstimulation geben.“

Im Gehen lernen

Rund 100 Jugendliche aus mehreren Schulen sind zur Diskussion gekommen, ebenso viele Meinungen sind zu hören. Mario etwa fordert, dass Schüler selbst entscheiden können, was beim Turnunterricht geschieht. „Es macht ja keinen Sinn, jemanden zu etwas zu zwingen, das ihm nicht gefällt. Dann gibt’s ja eine noch größere Abneigung gegen Sport.“ Mina wünscht sich mehr Bewegung im regulären Unterricht. „Man könnte ja zum Beispiel eine Deutschstunde nach draußen verlegen und beim Gehen reden, statt drinnen die Diskussion zu führen.“ Annika schwärmt von  „Ergometerklassen“. „Die sitzen auf dem Fahrrad und lernen. Da braucht es nicht extra eine Turnstunde.“

Bei der  Debatte rund  um die tägliche Sporteinheit sind die Jugendlichen uneins. Johannes rechnet vor, dass er schon jetzt eine 35-Stunden-Woche habe. „Wie soll das gehen, dass wir dann auf 40 Stunden erhöhen? Da würd’ kein Arbeitnehmer mitgehen.“ Manuel sieht das ähnlich. „Man müsste den Stundenplan entmüllen und schauen, braucht wirklich jeder Schüler bis in die achte Klasse Physik und Biologie?“

SchülerInnen fragen

Engagement von ihren Lehrern fordern die Schüler jedoch auch ein. „Sport muss Spaß machen“, betont Marlies. „Das hängt von den Lehrern ab. Den Kindern nur einen Ball in die Hand zu drücken und zu sagen, macht’s was, macht keinen Spaß.“
Da schmunzeln die erwachsenen Diskutanten am „Standpunkt“-Podium kurz, nicken aber. „Man soll dazu übergehen, die Schüler zu fragen, welchen Sport wollt ihr?“, überlegt Direktor Schwarz.
Sportwissenschafterin Titze regt an, das Schüler-Lehrer-Verhältnis in dem Punkt doch einmal umzudrehen. „Verblüffen Sie Ihre Lehrer und sagen Sie, was Sie die nächsten Wochen machen wollen. Und dann beteiligen Sie sich daran.“

Infos

Standpunkt ist eine gemeinsame Diskussionveranstaltung von Bildungsministerium, ORF-Radio und KURIER. Zum Nachhören gibt es die jüngste Diskussion hier:
Ö1: online
oe1campus: in drei Teilen wird praktisch die gesamte Debatte ausgestrahlt: 10., 11. und 12. Dezember, 19.30-20.00Uhr oder im Online-Stream
Die Sendung gibt es zum Nachhören auch unter Schüelerradio

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