© Helmut Wimmer

Kiku
10/03/2012

Das letzte Mal war ich glücklich vor der Reise, als ich meine Ziege gestreichelt und gefüttert habe

Theaterstück über einen Neunjährigen, der aus Afghanistan flüchten musste.

von Heinz Wagner

Im Wiener Theseustempel läuft das berührend-beklemmende Theaterstück Fly Ganymed. Der bekannte Autor Paulus Hochgatterer hat – ausgehend von einer wahren Geschichte – die Flucht eines neunjährigen Buben aus Afghanistan beschrieben. Die Hauptfigur wird vom genialen jungen Puppenspieler Nikolaus Habjan gespielt und gesprochen. Das Gesicht – aus Frottee, der Kopf gefüllt mit Puppenwatte, „sollte abgegriffen wirken", dazu Knopfaugen.

Das knapp mehr als einstündige Stück schildert im wesentlichen den Abschied vom Heimatdorf und vor allem die lange Reise in einem LKW, manchmal in der Fahrerkabine des Schleppers, oft in einem der Gasrohre, die hier transportiert werden. Und die Unterhaltung mit einem Mädchen, das auch flüchten musste.

Angst vorm "nirgends"

Über seine Hand fliegt Habjans Gesichtsausdruck in den Kopf der Puppe. Egal wie, doch stets traurig. Oft auch ängstlich. Bewusst. Und verständlich. Der Kinder-KURIER führte mit dem 9-Jährigen, der im Stück nie mit Namen angesprochen wird, ein Interview vor einer der Vorstellungen.

„Wie heißt du?"
In meinem Pass, den der Schlepper hat, steht Mimit Assadijan.

Und heißt du wirklich so?
Das kann ich nicht sagen?

Warum?
Das wäre zu gefährlich, sonst geht`s mir wie meinem Vater?

Was ist mit deinem Vater?
Mein Vater ist nirgends!! Gar nirgends!!!

Das letzte Mal glücklich...

Und deine Mutter?
Die ist zu Hause, bei meinem Onkel, der ist ein Dieb. Und sie hat unterschrieben, dass ich weg kann, weil ich weg musste, weil ich sonst wie mein Vater ins Nirgends gekommen wäre. Und weil das Schulhaus allein vorne 52 Löcher hat. Und dort wo die Polizeistation war nicht einmal mehr ein Loch ist.

Du schaust immer so traurig, wann warst du das letzte Mal glücklich?
Vor dieser Reise, als ich meine Ziege gestreichelt und gefüttert habe. Aber die durfte ja nicht mit in diesen silbernen LKW.

Wie lang hat deine Flucht gedauert?
Nur drei Monate, andere waren viel länger unterwegs bis zu einem Jahr und mehr. Ich konnte mit dem einen LKW durchfahren bis Europa.

Wovor hattest/hast du am meisten Angst?
Vor Stempeln und Grenzen. Und vor Sozialarbeiterinnen, die ausschauen wie ein Adler.

Sprüche können helfen

Hast du jetzt Kontakt zu deiner Familie?
Nein, überhaupt nicht, nur zu meinem Opa, der taucht oft in meinen Träumen auf.

Warum gerade er, du wirkst doch öfter genervt, wenn du dich erinnerst, dass er dir dauernd gesagt hast, dass du dir alles einprägen sollst, wir das Dorf ausschaut und die Häuser und...?
Er nervt(e) nicht wirklich. Er kann auch mit Ziegen sprechen. Und er weiß so viele Sprüche wie „Der Adler ist da, bevor du ihn siehst. Verlass dich auf die Haare in deinem Nacken." Oder „Der Mond fällt nicht vom Himmel und d Die Sterne laufen nicht davon." Oder „Der Tee wird süß vom Honig, aber es ist dumm, eine Biene zu melken."

Wo helfen dir diese Sprüche?
Überall.

Vulkane

Welche Sprachen kannst du?
Aufgewachsen bin ich mit Dari, das ist so ähnlich wie Farsi/Persisch. Aber das sprech ich nicht mehr, seit ich von Zu Hause weg bin. Und Englisch. Englisch kann ich sehr gut, twenty nine kilos. Ja und jetzt deine Sprache, die hab ich schnell gelernt.

Wie geht`s dir hier in der Schule?
Gut, viele mögen mich, weil ich gut Fußball spielen kann. Ich bin Libero. Und weil ich mich mit „Zelda – Twilight Princess„ auskenn, das ist ein Computerspiel, das hab ich immer bei Rheza auf seiner alten Konsole gespielt. Drum mag ich auch so Vulkane, weil die Goronenhöhle wo der Link hin muss nachdem er durch den Deku-Baum und den Felsenturm durch muss, ist eigentlich ein Vulkan.

Dieses Computerspiel, in das „Mimit" in seinen Erzählungen immer wieder reinkippt, ist einer der Ort wo er hier genau so „zu Hause" ist wie in Afghanistan. Und in seinen Träumen, in denen ihm der Opa erscheint.

Stück-Infos

Fly Ganymed
Text: Paulus Hochgatterer
Regie: Jacqueline Kornmüller

Bub, 9 Jahre: Puppe / Nikolaus Habjan
Schlepper: Peter Wolf
Großvater („nur" via Leinwand-Einblendung): Joachim Bissmeier
Mädchen: Franziska Singer
Grenzpolizist 1 (Jüngerer): Jawid Najafi
Grenzpolizist 2 (Älterer): Pjeter Logoreci
Sozialarbeiterin: Martina Stilp
Grenzpolizist 3: Peter Wolf

Zu sehen im Theseustempel im Wiener Volksgarten
Termine und Infos siehe Link unten

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