© Heinz Wagner

Kindergarten
11/19/2014

Čelo, haj und eyes - Stirn, Haare, Augen

Besseres Deutsch durch Förderung der Erstsprachen - von ganz jung an, also auch im Kindergarten.

von Heinz Wagner

David stellt sich in die Mitte des Sesselkreises seiner vier- und fünfjährigen Kolleginnen und Kollegen. Ein bisschen schüchtern und nachdenklich sucht er sich einen Körperteil aus. Auf diesen deutet er. Dreht sich im Kreis und zeigt den anderen Kindern auf den Teil des Gesichtes zwischen Augen und Haaren. „Stirn“ sagt er. „Wer kann das in noch einer anderen, der eigenen Sprache?“ fragt Zwetelina, mehrmals schon Gast in dieser Gruppe, der Kindertagesstätte „Sonnenstrahl“ in der Wiener Johnstraße.

Stirn und Hals

„Čelo“ schallt es fast in einem Chor mehrerer Kinder, deren Erstsprache Serbisch, Kroatisch oder Bosnisch ist. „Vrat“ kommt’s ebenso postwendend nachdem David seinen „Hals“ benannt hat.

Bein oder Fuß?

Nun nimmt Dunja die Rolle der Lehrerin ein. Auf ihren „Fuß“ zeigt sie und sagt dazu: „Nein, ich meine nicht das ganze Bein!“, als ihr einige ihrer „Schüler_innen“ das nennen. „Stopala“ ist das BKS-Wort dafür. Die zuvor noch sehr zurückhaltende Jasmin sagt nun leise „Noga“ in die Runde, das ungarische Wort für Bein. Lustig klingt ihr „haj“ für Haare, ausgesprochen fast wie „Heu“. Noch eine Spur leiser wird später Bojan „usta“ für Lippe auf Bulgarisch einbringen.

Augen --> Eis?!

Zu einer lauten fast „stillen Post“ kommt es, als Tijana „Augen“ auf Englisch sagt und nach „eyes“ einige „Eis“ zu vernehmen meinen und es mit „ice-cream“ übersetzen.

Fördern

Mit der mehrmaligen Runde mit „Zweti“ will die Kindergruppe die Mehrsprachigkeit aufwerten und fördern. Jedem Kind – und seinen Eltern – soll bewusst werden, über welche Schätze sie verfügen. Statt immer „nur Deutsch“ und das mitunter gebrochen und damit oftmals auch wenig zu sprechen, will Zwetelina Ortega mit ihrem Verein Linguamulti mit vielfältigen Angeboten in Workshops und Beratungen Eltern ermutigen, mit Kindern in ihrer eigenen Sprache zu reden. Lieber eine gefestigte als gar keine Sprache g‘scheit. So „nebenbei“ ist das auch eine mögliche Stärkung von Selbstbewusstsein. Wird deine Sprache, dort wo du dich wohl und zu Hause fühlst, abgewertet, dann gilt das ja meist auch für die ganze Person.

... aus dem "Sonnenstrahl"

Mehrsprachigkeit

Linguamulti
Österreichweit spricht jedes vierte Kindergarten- und Volksschulkind mindestens eine weitere Erstsprache neben Deutsch. In Wien wächst sogar jedes zweite Kind mit mehr als einer Erstsprache auf. An den Volksschulen sind es 45 %, in den Kindergärten 62 %. Nur langsam kommt das österreichische Bildungssystem mit seinen pädagogischen Angeboten dieser Entwicklung nach. „Genau hier setze ich mit meiner mehrsprachigen Erziehungsberatung an“, begründet die ehemalige Geschäftsführerin des Vereins „Wirtschaft für Integration“ ihren Schritt in die Selbstständigkeit mit Linguamulti, dem Beratungszentrum für mehrsprachige Erziehung.

„Durch meine langjährige berufliche Erfahrung im interkulturellen Bereich, die universitäre Ausbildung, aber vor allem weil ich selbst mehrsprachig aufgewachsen und jetzt selbst Mutter bin, weiß ich, worauf es ankommt, ein Kind erfolgreich in mehreren Sprachen großzuziehen“, erklärt Ortega. Sie ist auch poetische Autorin und hat 2012 einen dreisprachigen Gedichtband (Deutsch, Spanisch, Bulgarisch) veröffentlicht: Aз und tú (Edition Yara).

Besseres Deutsch durch Förderung der Muttersprache

Viele Eltern glauben es kommt nur darauf an, gut Deutsch zu können. Dieser Trugschluss rächt sich spätestens im frühen Schulalter, wenn sich erste Sprachschwierigkeiten zeigen. „Die Förderung der Muttersprache wirkt sich auf die gesamte Sprachentwicklung des Kindes aus, denn beide Sprachsysteme – also die Landes- und auch die Muttersprache - beeinflussen einander gegenseitig in ihrem Wachstum. Das ist wissenschaftlich erwiesen“, so die Sprachexpertin. Der Erhalt der Muttersprache gefährdet in keiner Weise den guten Erwerb des Deutschen, im Gegenteil, die Förderung und der Erhalt der Muttersprache erleichtern den Erwerb der Landessprache.

Beratungs-Angebot für Eltern, Schulen, Kinder

Das Beratungszentrum will Eltern mit professionellen Tipps unterstützen, die ihre Kinder mehrsprachig erziehen. Eltern erfahren auf welche Strukturen es im Alltag ankommt und mit welchen praktischen Übungen sie Lesen und Schreiben fördern können. Linguamulti stattet Spracherzieher_innen mit handfestem Know-How aus und bietet für Kinder und Jugendliche Workshops für kreatives Schreiben und Rhetorik an, um mehr Sprachpotential zu entwickeln. Pädagog_innen in Schule und Kindergarten erfahren in Workshops, wie sie den sprachlichen und kulturellen Schatz in ihrer Gruppe sichtbar und spürbar machen können und wie sie die Kinder in ihrer mehrsprachlichen Entwicklung mit praktischen Übungen dauerhaft fördern können. Dafür kommt die Sprachexpertin Ortega auch gerne in die Schulen und Kindergärten und hält die Workshops vor Ort ab.

www.linguamulti.at

Nächste Workshops

Die nächsten Workshop

(für die es noch den einen oder anderen Platz gibt)

Jugend-Workshop Rhetorik an der HAS Friesgasse
15. und 19. Dezember

Lehrer_innen-Workshop in der Volksschule, Selzergasse 19
11. November, 12 - 14.30 Uhr

Eltern-Workshop im Therapiezentrum
Klostergasse 31-33
28. November, 16 bis 20 Uhr

Kindergärtner_innen-Workshop
De la Salle Kindergarten
29. November, 9 bis 15 Uhr –

Eltern-Workshop
Mein Kind mischt die Sprachen - Sprechen, Schreiben und Lesen in mehreren Sprachen
12. Dezember, 16 bis 20 Uhr
Klostergasse 31-33

Eltern-Workshop
Ich erziehe mein Kind mehrsprachig von Geburt an
16. Dezember, 10 bis 14 Uhr