Kiku
21.12.2017

Getanzte Gedankenspiele

„Brain Game“ – ein Tanztheaterstück für Jugendliche im Dschungel Wien.

Die Bühne ist bestückt mit wenigen Requisiten. Sie wirkt fast ein wenig kahl, aber sehr geordnet: In der Mitte steht ein langer Tisch und rechts und links von ihm, in gleichem Abstand zwei Lampen, deren Schirme jeweils auf einen Sessel gerichtet sind. Nur die beiden Tänzer Moritz Lembert und Kirin España stellen jene geheimnisvolle Ordnung in Frage.

Auf ihren Sesseln sitzend vollführen sie exakt abgezirkelte unterschiedliche Bewegungen bis hin zu fast akrobatischem Kippen samt der Sitzgelegenheit. Hin und wieder schaltet der eine dann der andere die Lampe ein und rückt sich damit stärker in den Fokus. Was sich hier – und in der Folge über weite Strecken –abspielt, sind zwei scheinbar unabhängige Solo-Tanzstücke. Jeder ist in seiner eigenen Welt, bewegt sich, den eigenen Körper völlig unter Kontrolle, in einem eigenen Kosmos. Nicht ganz – der Rhythmus ist ein gleicher – entsprechend der musikalischen Hintergrundstimmung.

Doch schließlich beginnen die Darsteller die Gegenstände im Raum zu erkunden, als würden sie diese zum ersten Mal sehen. Während der eine Protagonist sich so weit es geht von seinem Sessel lehnt, setzt der andere sich an den Tisch und beginnt unruhig ihn abzutasten. Wenn die beiden miteinander agieren, geht es oft recht akrobatisch, mitunter bewusst situationskomisch zu.

Anweisungen

Da ertönt plötzlich eine Stimme aus dem Off. In einem kühlen Tonfall erteilt sie die erste Aufforderung: „OBSERVE“, hallt es durch den Raum. Jene Stimme sollte von nun an die Führung im Stück übernehmen. Die beiden Darsteller folgen sogleich ihren Kommandos. Anfangs scheinen sie dabei selbst noch voller Neugierde zu sein und Spaß daran zu haben „INTERACT“, heißt es als nächstes und Kirin España beginnt mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht und in charmantem Tonfall Komplimente ins Publikum zu werfen. Es folgen die Worte PLAY, CHANGE und schließlich REPEAT und die Darsteller verfallen in eine Art Spiel, in dem sie immer wieder versuchen einander zu erreichen und abzuklatschen, ehe sie wieder voneinander weichen und schließlich gegeneinander kämpfen.

Anfangs scheint hinter all ihren Handlungen eine unausgesprochene Spannung zu liegen, eine Erwartung auf ein Ziel, auf das alles hinauslaufen würde. Doch bald bemerkt man, dass dieses Ziel nicht wirklich existiert. Denn die Aufforderungen beginnen sich zu wiederholen und das in immer kürzeren Abständen, sodass aus jener Spannung eine sehr gehetzte Stimmung wird, in der den Schauspielern kaum Platz zum Atmen bleibt.

Sie folgen weiterhin den Kommandos, doch bald spürt man in ihren Blicken nicht mehr ihre persönliche Motivation. Immer mehr tritt die kühle Stimme in den Mittelpunkt und scheint schließlich ganz die Macht über sie zu übernehmen.

„BACK TO NORMAL“, lautet immer wieder ihre Aufforderung und die Protagonisten laufen zurück zu ihren Sesseln. Abgehetzt und atemlos sitzen sie beim letzten Mal nach diesen Worten da. Zu schwach um jenen Zustand, der anfangs so geheimnisvoll wirkte, zu hinterfragen.

Verwirrungen

Als am Schluss noch einmal die Stimme aus dem Hintergrund ertönt und genau wie zu Beginn dazu auffordert die Handys auszuschalten, macht sie einem endgültig bewusst nicht echt, sondern Teil eines Systems zu sein. Teil eines BRAIN GAMES, das an dieser Stelle endet und einen ein wenig verwirrt zurücklässt. Verwirrt und doch mit einer leisen Ahnung dieses Spiel vielleicht von irgendwoher zu kennen.

Wie auch immer, trotz vielfacher Wiederholungen von Bewegungsabläufen, bleibt es spannend, den beiden Tänzern zuzusehen und ihre Körperbeherrschung zu bewundern – am besten aber, wenn du dich auf diese Beobachtung einlässt und nicht unbedingt krampfhaft versuchst, eine Geschichte, einen Sinn in den Abläufen oder gar der ganzen Stunde zu suchen.

Rosanna Wegenstein, 18 und Heinz Wagner

Was? Wer? Wann? Wo?

BrainGame
Körperverstand
Tanztheater
Ab 14 J., 65 Minuten

Regie, Choreografie: Moritz Lembert, Steffi Jöris
Text: Moritz Lembert, Anna-Luise Braune
Choreografische Mitarbeit, Tanz: Moritz Lembert, Kirin España
Dramaturgie: Cornelia Voglmayr
Komposition, Musik: Markus Jakisić
Stimme: Rosa Braber
Produktion: Steffi Jöris

Wann & wo?
Bis 21. Dezember 2017
13. Bis 16. Februar 2018
Dschungel Wien, 1070, MuseumsQuartier
Telefon: (01) 522 07 20-20
www.dschungelwien.at

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