© Heinz Wagner

Berufsschule
04/25/2015

Der alte Mann und die jungen Geschichten

Wiener Bub schrieb Krimis. Er und seine Familie kamen in KZ um. Seine Geschichten überlebten. Jugendliche einer Wiener Berufsschule nahmen sie zum Anlass für eigene Texte.

von Heinz Wagner

Jugendliche üben vor dem Mikro ihre Moderationen und Texte, die sie später vortragen werden. Zwei Kolleginnen überprüfen Mikros und Lautstärke. Sie nehmen alles für eine Radiosendung auf. Ein älterer Herr betritt den Veranstaltungssaal des neuen Gebäudes der Berufsschule (für Verwaltungsberufe) Embelgasse in Wien-Margareten. Er, Tony Spielmann aus der Schweiz, wird sich die besten der Geschichten anhören, die Berufsschüler_innen im Rahmen eines von ihm initiierten Schreibbewerbes verfasst haben.

Die Vorgeschichte

Tom Lasker – so heißt ein meisterhafter Detektiv. Erfunden von einem jugendlichen Autor vor rund siebeneinhalb Jahrzehnten. Hans Georg Friedmann, so dieser Bursch ließ seinen Helden knifflige Fälle lösen und Abenteuer erleben. Und das in verschiedensten Ecken der Welt. 13 solcher Kurzgeschichten schrieb der Junge bzw. so viele sind erhalten geblieben. Friedmann, 1928 in Wien geboren, musste im Alter von zehn Jahren mit seiner Familie in eine kleine Wohnung übersiedeln. Die Nazis raubten der Familien all ihren Besitz. Und schließlich auch ihrer Leben. Dort schrieb er. Vier Jahre später wurden der 14-Jährige, seine Schwester und seine Eltern in Konzentrationslager zwangsverschickt (deportiert). Die beiden weiblichen Familienmitglieder kamen in Auschwitz, Hans Georg sowie sein Vater in Dachau ums Leben.

Geschichten überlebten

Die Geschichten überlebten den Krieg, wurden gefunden. Seinem in der Schweiz lebenden Cousin Tony Spielmann, der sich auch für die Verbreitung der Schriften des „Vaters der Kinderrechte“, Janusz Korczak, engagiert, gelang es, einen Verleger zu finden. Der veröffentlichte die 13 Krimis aus Kinderhand als Faksimiledruck der von Hans Georg Friedmann im Alter von 10 bis 14 Jahren mit Schreibmaschine auf dünnes Papier geschriebenen Originalversion samt dessen eigenhändiger Korrekturen gesammelt in einer Holzkassette.

Fortsetzung und andere Storys

Die Jugendlichen der 2e der Berufsschule Embelgasse hatten im Rahmen von Kommunikation Diversität mit ihrer Lehrerin Klaudia Lassacher unter anderem das ehemalige Konzentrationslager Mauthausen (OÖ) besucht, Auszüge aus dem „Tagebuch der Anne Frank“ gehört und eine der Geschichten Friedmanns gelesen: „Die Schmuggler von Baroda“ (Band 3 der Tom-Lasker-Kinderkrimis).

Spielmanns ursprüngliche Idee, die Story, die der jugendliche Autor in Indien spielen ließ, fortzusetzen, wurde in der Embelgasse erweitert. Den Berufsschüler_innen wurde gerade angesichts des Schicksals des jungen Autors freigestellt, die Hauptfiguren ihrer Texte „die Situation eines entrechteten Menschen“ durchleben zu lassen. Das taten auch die meisten.

Banditen-Bande

Kevin Siegl schrieb eine Fortsetzung (aus der Mario Stefanović wegen ihrer Länge nur Auszüge vorlas), in der eine Bande Kinder entführt, Tom Lasker bei dem Versuch, ihr auf die Schliche zu kommen, selbst vorübergehend gefesselt wird... In die er aber auch mögliche Gedanken rund um den jungen Autor, dessen Leben so brutal beendet wurde, einfließen ließ. „Die Kinder im Zug lachten und spielten miteinander was Tom an seine Zeit als Kind zurückdenken ließ. Ihm war klar, wie schnell die Zeit als Kind vergeht und wie schnell man heutzutage erwachsen werden muss. Deshalb sollte man jede Sekunde solange man noch ein Kind ist, genießen, Spaß haben und viel Blödsinn machen um danach daraus zu lernen. Während er an seine Zeit als Kind zurückdachte, kam schon wieder eine neue Bedrohung auf ihn zu...“

Jüdin heute und damals

Jessica Kamaryt ließ jeweils eine 13-jährige Marie mit zwei jüngeren Brüdern, Vater und Mutter, die jeweils ein (zunächst) gutes Leben in einer 3-Zimmer-Wohnung führen, einmal jetzt und einmal im Jahr 1939 ihre Situation beschreiben. Sie ist Jüdin und sagt heute: „Ich werde in der Schule nicht ausgeschlossen wie die Kinder damals in meinem Alter...“

Ihre namensgleiche Hauptfigur siebeneinhalb Jahrzehnte zuvor erlitt rasch Ausgrenzung: „Seit Wochen muss ich ganz hinten sitzen, werde nichts mehr gefragt. Meine Freundin spricht nicht mehr mit mir. Laut ihrer Aussage spricht man mit Juden nichts. Ich weiß nicht wieso, aber keiner mag mich mehr. Ich fühle mich wie ein Stück Dreck. Heute habe ich in der Schule erfahren, dass ich nicht mehr kommen darf, keine Juden dürfen die Schule betreten...“, las ihre Kollegin Lisa-Marie Lorber den zu Herzen gehenden Text vor.

Kinderarbeit

Und diese Autorin las einen Text ihrer Kollegin Pamina Schreivogl. In diesem versetzt sie sich in ein Kind namens Luca, 11 Jahre, gezwungen zu Kinderarbeit irgendwo auf der Welt. „Meine Mutter ist krank, sie kann nicht mehr arbeiten. Ich finde es schlimm, dass ich arbeiten muss, schließlich bin ich elf Jahre alt. Eigentlich sollte ich in der Schule sitzen und lernen... aber die Menschen, die Geld und Rechte haben, sind viel zu geizig, um auch nur einen Cent herzugeben...“ und erhebt – nicht zuletzt im Sinne Korczaks – gegen Ende ihres Textes die Forderung von „fairen Rechten“ auch für Kinder.

Ärgstes Heim

Katharina Barmüller (ihr Text wurde von Anja Bedrava vorgetragen) lässt ihre Theresa nach dem tödlichen Autounfall ihrer Mutter in einem grauenhaften Heim vegetieren, aus dem sie irgendwann entkommen kann.

Zu Entscheidungen stehen

Patrick Erol – auch sein Text wurde von Anja Bedrava gelesen – lässt seine 14-jährige namenlose Hauptperson das Martyrium mit einer alkoholkranken Mutter erleben, um die er sich kümmern muss, von ihr aber nur „wie ein Stück Dreck behandelt“ wird. Bis er in eine Wohngemeinschaft des Jugendamtes zieht. „Es ging mir relativ gut außer dass ich mich mit keinem treffen durfte, da sonst meine Mutter rausfinden könnte, wo ich mich aufhalte... Es war, als hätte man mir die Freiheit geraubt...“ Der Berufsschüler lässt jedoch letztlich seine Geschichte happy enden. Und fügt dann ganz am Ende noch die Forderung – nicht zuletzt im Sinne von Janusz Korczak - hinzu: „Wichtig ist, dass man hinter seiner eigenen Entscheidung steht, denn auch wenn wir jung sind, haben wir das Recht mitzureden!“

Zwangsverschickt

Rebecca Ismailoski verfasste zwei prägnante, berührende Texte, die Stephanie Schöberl vortrug. In einem lässt sie eine Melina an ihre Freundin Benaja schreiben. In diesem Brief schildert Melina nach ihrer Befreiung, wie sie eines Tages nach der Schule gemeinsam mit ihrem Vater abgeholt, in einen fensterlosen Zug gepfercht und in ein KZ verfrachtet wurde, in dem alle Insassen jahrelang eingesperrt total dürr und viele zum „Duschen“ abkommandiert wurden, von wo niemand mehr zurückkam, darunter ihr Vater.

Hier und anderswo

In ihrem zweiten Text denkt die jugendliche Autorin darüber nach, „was wäre, wenn ich heute ein jugendliches Mädchen in meinem Vaterland Mazedonien wäre?“ und kommt zum Schluss „ich hätte bestimmt nicht so viele Freiheiten wie hier in Österreich“ – vor allem deswegen, weil sie ein Mädchen ist.

Lesung, Interviews und Gruppenfotos

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