Kiku 17.03.2016

Auf der Suche nach der Wahrhaftigkeit

Bilder vom Dreh zu "Schellen-Ursli" © Bild: Aliocha Merker

Regisseur Xavier Koller im Interview mit dem Kinder-KURIER

„Auch wenn sie in dem engen Tal und auf dem Berg in Graubünden spielt, ist es eine universelle Geschichte, ein Märchen“, meint der Regisseur. „Wer kennt das nicht, als Kind einmal ungerecht behandelt worden zu sein. Um sich dann aufzumachen, zielstrebig, alle Hindernisse zu überwinden, um es denen allen zu zeigen“, begründet er auch den großen Erfolg zum Beispiel in Mexiko, wo er eine Woche davor zur Premiere war. In der Schweiz sowieso. Da startete der Film –natürlich auf Schwyzerdütsch „anders ginge das gar nicht“ – im Herbst und wurde bisher von fast einer halben Million Menschen gesehen. „Da waren manches Mal sogar vier Generationen miteinander im Kino“.

Als Koller gefragt wurde, „ob ich das machen will, gab es schon ein Drehbuch. Das fand ich aber nicht gut, nicht stimmig, sowohl von den Figuren als auch den Dialogen her. außerdem war’s mir zu traurig, zu schwer, auch zu wenig spannend.“

Wölfin und Bösewicht

Schellen-Ursli
Bilder vom Dreh zu "Schellen-Ursli" © Bild: Aliocha Merker
Und so dachte er sich zum einen die mehrfache Begegnung des Uorsin, wie er hier im Rückgriff auf das romanische Original heißt – wenngleich der bekannte Titel beibehalten wurde – mit einer Wölfin aus. Er kann mit ihr sprechen, teilt im tiefen Winter sogar seine Jause mit ihr und sie rettet ihn letztlich aus einer Lawine. „Mit der Wölfin ist er seelenverwandt. Im Grunde genommen ist sie das Innere seines Lebens, seine Neugier, seine Wildheit mit der er immer wieder in Kontakt tritt“, erklärt Koller diese tierische Figur.

Um einen ganzen Film zu tragen, brauchte es aber noch eine Geschichte, weitere Figuren. Und da siedelte Xavier Koller „im Dorf-Biotop einen comichaften Bösewicht an“. Der halsabschneiderische Kaufmann Armon und sein Sohn Roman sind diese Bösewichter. Beim Alm-Abtrieb stürzt der Leiterwagen von Urslis Familie in die Schlucht, die großen Käseräder werden vom Forellen fischenden Armon geborgen und in seinem Laden als eigene verkauft. Total verschuldet, muss Ursli sogar seine junge Ziege Zila an Roman abtreten. Und aus der großen, eigens für ihn gegossenen Glocke für den Chalandamarz-Umzug muss sogar sein eingravierter Name wieder rausgeschmolzen werden – die krallt sich auch der Roman. Ist aber notwendig, damit Uorsin/Ursli – wie im Buch – den abenteuerlichen Weg zum winterfest gemachten Bergbauernhof auf sich nehmen kann/muss.

Wahrheit suchen

Schellen-Ursli
Bilder vom Dreh zu "Schellen-Ursli" © Bild: Aliocha Merker
Die comichaften Bösewichter braucht es für Koller auch, um die Kinder aktiv werden zu lassen, sich auf die Suche nach der Wahrheit zu begeben, herauszufinden, was da wirklich gespielt wird. Und „für mich ist immer auch Ironie wichtig. Grundsätzlich und bei dem Stoff auch als kritische Distanz zu einer möglichen Blut- und Boden-Idylle des Tals und der schönen Landschaft.“

Vor allem mit den drei Kindern hatte das Filmteam Glück. Sie kommen aus der Region Graubünden und wirken sehr echt, sehr überzeugend, sehr authentisch. „Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit, um die Gefühlswelt der Kinder darzustellen, war mir sehr wichtig“, freut sich Regisseur Koller über die gelungene Auswahl.

Für den Dreh fand das Team die ideale Location, die wirkt als wäre sie irgendwie aus Raum und Zeit gefallen. „Wir haben die Dorfszenen auf der Schattenseite, dem Armenviertel, in das im Winter kein Sonnenstrahl hinkommt, eines Original-Dorfes gedreht, in dem nur mehr eine Familie lebt. Wir haben dann noch ein paar Häuser wie den Kaufmannsladen, Ställe oder das Haus der Familie vom Uorsin gebaut. Die Familie hat dann die Schneekanone bedient, weil es doch zu wenig Schnee gab. Und sie haben Kaffee für die Bauleute gekocht.“

( kurier.at , kiku-heinz ) Erstellt am 17.03.2016