Kiku
19.02.2018

Aneinander vorbei statt miteinander streiten

Im Wiener Volkstheater ist "Nathan der Weise" - in der Regie von Nikolaus Habjan und mit Puppen von ihm sowie mit englischen und arabischen Übertiteln - nur mehr zwei Mal zu sehen.

Mit einem Koffer in der Hand kommt der Geschäftsmann vor dem Eisernen Vorhang an, schaut sich um. Knistern, das brennendes Holz, verkündet, ist zu hören, der Vorhang fährt auf, eine Brandruine wird sichtbar – und ein verzweifelter Darsteller. Das war einst das Haus von Nathan in Jerusalem. Fast zu schön drapiert ist die Ruine. Sie erinnert irgendwie an eines der Fotos, die rund um die Welt gegangen sind und die Regisseur Nikolaus Habjan in einem Interview als inspirationsquelle nannte: Ein Brautpaar inmitten der Trümmer der zerbombten syrischen Stadt Homs. Angesichts des Elends und Todes doch die Hoffnung, das Leben zu inszenieren - mit Schauspieler_innen, Puppen sowie englischen und arabischen Übertiteln.

Jerusalem

Dreht sich die Bühne tauchen Stufen auf, die Assoziationen sowohl an den Tempelberg als auch an die Via Dolorosa, den Leidensweg von Jesus Christus in der Metropole der drei großen EinGott-Welt-Religionen weckt. Gotthold Ephraim Lessings „Nathan der Weise“ im Wiener Volkstheater verwendet weitestgehend die gereimte Sprache des vor fast 250 Jahren entstandenen Werkes und widmet sich vor allem der Rahmenhandlung für die später oft auch davon losgelöst zitierte Ringparabel. Es ist DAS klassische Stück, dem Aufklärung und Toleranz zugesprochen wird. Der jüdische weise Kaufmann, der ein Christenmädchen adoptiert, der großherzige muslimische Sultan, der vom als Weise geltenden Nathan wissen will, welcher Glaube der wahrhaftige sei und schließlich der christliche Patriarch. Der ist hier die Parade-Puppe des Regisseurs und eben für seine vielfältigen, mittlerweile in etlichen Bühnenstücken als Protagonist_innen agierenden Puppenköpfe.

Fundamentalistische Puppe

Stechenden Blicks, Herzlosig- und Unmenschlichkeit ausstrahlend, die sich aus seiner festen Überzeugung ergibt, DER Vertreter des einzig wahren Glaubens zu sein. Geführt wird diese Puppe gleich von drei Schauspieler_innen. Ihn sieht der Regisseur und Puppen-Meister im sehr empfehlenswerten, informativen Programmheft (mit Texten u.a. von Hannah Arendt, Ilija Trojanow, Pankaj Mishra, Hamed Abdel-Samedals) einen, der „für einen religionsübergreifenden Fundamentalismus“ stehe. „Während andere Figuren in diesem Spiel mit der Entscheidung hadern, sich für oder gegen die Menschlichkeit auf Kosten ihres Glaubenssystems zu entscheiden, steht diese Wahl beim Patriarchen nicht zur Debatte. Er ist die Verkörperung des pragmatischen kühlen Hasses gegen alles, was nicht seinem System entspricht.“
Was insofern passt, als Lessing sein Stück ja zur Zeit der Kreuzzüge ansiedelt, als christliche Heerscharen ihren Glauben mit dem Schwert verbreiten wollten.

Innerer Widerstreit

Die zweite Puppe in diesem Spiel ist Nathans Spiegelbild, vielmehr das seines Inneren, seiner Seele – womit der Schauspieler auch vordergründig und äußerlich mit sich selber ringen kann. Als er seinen Widerstreit mit sich selbst auflöst, begräbt er den Puppenkopf unter einer der Treppen.
Vermisst wird in dieser sauberen, doch fast zu braven klassischen Stadttheater-Inszenierung doch immer wieder das Spiel der Figuren mit-, durchaus auch gegeneinander. Zu oft spielen sie eher nebeneinander. Oder wollen sie vielleicht so nebenher vermitteln, dass Streits über den wahren Glauben oft viel mehr aneinander vorbeireden sind als miteinander zu diskutieren?

Was? Wer? Wann? Wo?

Nathan der Weise
von Gotthold Ephraim Lessing
Regie und Puppendesign Nikolaus Habjan
Volkstheater, Wien
2 ½ Stunden, eine Pause

Nathan, ein reicher Jude in Jerusalem: Günter Franzmeier
Recha, dessen angenommene Tochter: Katharina Klar
Daja, Gesellschafterin der Recha: Claudia Sabitzer
Sultan Saladin: Gábor Biedermann
Sittah, dessen Schwester: Steffi Krautz
Ein junger Tempelherr: Christoph Rothenbuchner
Ein Klosterbruder: Stefan Suske

Nathan-Puppe bewegt von
Stimme und Kopf: Stefan Suske
Hände und Kopf: Gábor Biedermann
Hände: Claudia Sabitzer

Der Patriarch von Jerusalem: Eine Puppe, bewegt von
Kopf: Steffi Krautz
Rechte Hand: Claudia Sabitzer
Linke Hand: Katharina Klar

Puppenbau: Nikolaus Habjan, Brigitte Kopriva, Marianne Meinl
Bühne Jakob Brossmann, Denise Heschl
Dramaturgie Heike Müller-Merten
Kostüme Denise Heschl
Licht Paul Grilj

Regie-Assistenz: Bérénice Hebenstreit
Bühnenbild-Assistenz: Jane Zandonai
Kostüm-Assistenz: Iva Ivanova
Inspizien: Sigmar Kusdas
Soufflage: Lisan Dunst
Bühneneinrichtung: Hamit Erbay
Regie-Hospitanz: Marie Steiner
Kostüm-Hospitanz: Helena Adam, Joanna Zielinska
Dramaturgie-Hospitanz: Maximilian Kathan

Übertitelung: Finale Film & Wortschatz Produktion, Stefania Schenk Vitale, Luna Al-Mousli

Wann & wo?
16. März 2018, 19.30 Uhr
23. März 2018 (zum letzten Mal)
mit englischen und arabischen Übertiteln
Volkstheater Wien
1070, Arthur-Schnitzler-Platz 1
Telefon: (01) 521 11–0
www.volkstheater.at