Leben | Kiku 05.12.2011

Ach so süß. Und so gewalt-ig!

"Home sweet home" im Gmünd. Starke, trashige Performance als NÖ-Beitrag zu Macht Schule Theater

Gmünd. Kurz vor der Grenze. Dort wo - für Jugendliche vor ewigen Zeiten - der "eiserne" Vorhang nur einen sehr satten Steinwurf entfernt war, die Grenze in den Köpfen so manche wahrscheinlich noch immer nicht überwunden ist. Eine ganz andere Grenze überwinden eineinhalb Dutzend Jugendliche. Und wie! Sie setzten sich mit Gewalt auseinander, entwickelten das Stück "Home sweet home" und führen dieses seit kurzem - und noch bis 14. Mai - auf. Ein Erlebnis. Präzise und auf den Punkt gebracht. Bewunderswert von den großteils sehr jungen Jugendlichen gespielt. Und immer wieder packend - auch wegen der spannenden Geschichte, aber noch mehr wegen des berührenden Spiels.

Gruselig

Szenenfoto aus "Home sweet home"
© Bild: Georg Fessl

Schon das Gebäude der ehemaligen Teppichfabrik schaut eher abgehaust aus. Rein. Schmale, kahle Gänge. Es wird dunkel und dünkler. Gruselig. Irgendwo in einer Ecke kauern drei junge Leute. Verängstigt. In einer Nische der Oberkörper einer stylishen Puppe. Wie vom Rest des Körpers exakt abgeschnitten. Gegenüber in der Ecke am Boden ein Hackstock, drum herum Knochen. Gruseliger.
Weiter: Eine kleine Kammer. Ein Kasten. Drin in einer Ecke ein Mädchen. Voll konzentriert spielt sie auf teilnahmslos. Drüber der rot (mit Blut?) geschriebene Slogan: "Deine Sprache verrät dich!" eines der Elemente, das später im Stück noch eine zentrale Rolle spielen wird.

Gruseliger

Szenenfoto aus "Home sweet home"
© Bild: Georg Fessl

Zurück in den engen Gang. Hinter einer Glasscheibe drei Schauspielerinnen. Das Gesicht voll blau geschminkt. Starre Blicke. Tote Lebende? Lebendige Tote? Monster? Ums Eck nochmals vier genau so Blickende. Gegenüber auf einer hohen Ablagefläche ein paar Spielsachen. Ein Zettel mit der Aufschrift: "Jede Karte muss aufgehängt werden".
Nächster Raum: Hörspiel und einige blitze. Dann ein paar projizierte Bilder. Der Ruf: "Wir müssen weg, sie kommen!"

(Zu-)Flucht

Szenenfoto aus "Home sweet home"
© Bild: Georg Fessl

Nun geht's in den Theaterraum - das Erdgeschoss der dreistöckigen Fabrikshallen. Eine ausSchrauben und anderen Metallteilen geformte Groß-Tier-Skulptur. Ein niedriger Gitterkäfig. Fotos, Poster, Auf einem Gitter der Schriftzug mit dem Stücktitel aus eingedrehten Kleidungsstücken. Ziemlich zentral drei geschminkte Jugendliche idyllisch, zärtlich einander Hände und Rücken streichelnd. An einer Seite erklingen Drums und ein E-Gitarre. Irgendwie trashig alles. Irgendwie aber auch wie ein Traum-Zufluchtsort aussteigwilliger Jugendlicher, die nichts zu tun haben wollen mit einer geglätteten, sauberen, Kaufzwangs-Gesellschaft.

Treibjagd

Szenenfoto aus "Home sweet home"
© Bild: Georg Fessl

Ein Kasperltheater rückt kurz ins Zentrum. Figurenspiel. Der Schrei "Hilfe!"
Die geschminkten Jugendlichen - dunkelblau, gelb und manche hellblau/weiß gescheckt - reden. In einer Kunstsprache. Discomusik, wird härter. Ein Ruf aus dem Mikrophon. Eine Frau wird von allen umringt. Bedrohlich. Ein spitzer Schrei - alle rennen auf und davon.
Erst jetzt fällt auf: Nicht alle. An einer Säule angekettet am Fuß ein Mädel im weißen Hemd. Ungeschminkt. Sie schickt den Davongelaufenen eine Kaskade aus Flüchen nach. Wirkt aggressiv. Und doch macht's sofort im Kopf klick: "Hoppla, die müssen doch die sein, die sie hier angekettet haben."
Schwenk. Video: Verfolgungs- oder Treibjagd durch den Wald in Richtung Stadt. Spiel? Wirklichkeit? Gar ein Virtual-Reality-Computergame?

"Sanft" diktieren

Szenenfoto aus "Home sweet home"
© Bild: Georg Fessl

Schwenk. Vor einer Sitzbank mit zwei zärtlich sanft ineinander versunkenen Geschminkten wird ein roter Teppich ausgerollt. Drei Weiß-hemdige, Ungeschminkte werden von Blauen und Gelben reingestoßen, geschlagen, maltraitiert, vor den Thron auf die Knie gezwungen.
Die Regentinnen bleiben sanft, leise Worte, dezente Handbewegungen. Die Befehle werden sozusagen recht zurückhaltend erteilt. Die Wachen wissen, was gemeint ist. Und legen noch ein eigenes Schäuferl nach.
"Was wollt's ihr von uns, wir haben euch doch gar nix getan!", rufen die Gefangenen. Sie sprechen die dem Publikum bekannte Sprache (!)
Die dunkelblaue Königin verstößt ihre hellblaue Gespielin, holt sich eine der Weißen. Einer der Gefangenen wird mit einer Scheibtruhe rausgeführt und bald danach kommt dampfende Brühe mit der Scheibtruhe rein, wird in die großen Fressnäpfe verteilt. Eine weitere Gefangene kommt in den schon erwähnten, niedrigen, engen Käfig. Von außen wird auf ihn noch mit einem Stock eingestoßen.

Hölle im Paradies

Szenenfoto aus "Home sweet home"
© Bild: Georg Fessl

Die Situation eskaliert mehr und mehr. Die erstgenannte Gefangene wirft hin, sie hätte nur überlebt, weil sie alle anderen Gefangenen getötet hätte und kommt in den "Ring", einen Käfig aus vier Baustellengittern, in dem sie mit einer der neuen Gefangenen zu kämpfen hat.
Bekämpfen sie die Weißen, weil sie Vertreter jenes Systems sind, vor dem sie geflüchtet sind? Oder weil die ebenfalls davor wegrennen und auch nach einer neuen, besseren Welt suchen In der sie nun genau so wenig erwünscht sind?
Wie auch immer. Endlich dämmert einer der Blauen, dass sie sich in dem was sie als Paradies erreichen wollten die Hölle errichtet, den eigenen Traum zerstört, statt grenzenlose Liebe, Hass und Angst erzeugt haben. Schluss. Applaus.

"Haben gemeinsam was geschaffen!"

Szenenfoto aus "Home sweet home"
© Bild: Georg Fessl

Die 13- bis 18-Jährigen arbeiteten seit Oktober an dem Stück. Wer in welcher Gruppe spielt, welchen Part übernahm, "das haben wir beim improvisieren geübt, wir haben da auch die Gruppen und Rollen getauscht", erzählen Lisi Kerndl, Sevde Evci und Chrissi Hauer dem Online-KiKu. Auf die ganze trashige Welt außerhalb der herkömmlichen Gesellschaft haben sie sich durch mehrtägiges Leben in der Fabrikshalle nur bei kaltem Wasser, wärmen am Lagerfeuer, Klo ohne Wasserspülung (nur mit Kübel nachschütten) eingelebt. Was die Gruppe auch ziemlich zusammenschweißte. Egal in welcher der verfeindeten Gruppen sie nun ihre Rollen spielen. Apropos "verfeindet": "Das Hinschlagen war für mich das schwerste", sagt Sevde Evci. "Einmal hab ich der Chrissi beim Fight im Käfig aus Versehen echt weh getan. Das hat mir urleid getan, ich hab mich 1000 Mal entschuldigt."
Lisi Kerndl fand gerade das Schlagen "besonders lustig, weil du da einmal so richtig böse sein darfst, wie du selber sonst nie bist. Wir haben uns ja normalerweise nie wirklich weh getan und es hat sich eh jede und jeder andauernd entschuldigt."
Die drei strahlen auch, als sie beschreiben, weshalb sie bei diesem Projekt mitgemacht haben, das ihnen immerhin tägliche Proben in den Ferien eingebracht hat: "Du machst da in deiner Freizeit echt was sinnvolles, was, das Spaß macht und du merkst, wie viel du durch die Proben weiterbringst."
Die Burschen sind mit drei an der Zahl deutlich in der Minderheit, viele ihrer Schulkollegen fänden das blöd, "sogar Siebtklässler bei uns im Gymnasium haben gelacht, als sie das hörten, aber ich find Schauspielen echt cool, ich mag's, weil's Kunst ist und nicht nur Handwerk", begründet Michael Kerndl, weshalb er mitmacht. Joachim Schübl sei anfangs nur wegen seines Cousins mitgegangen, aber bald gefiel's ihm. "Das ist ech leiwand, voll o.k. Das Besonders ist, dass wir gemeinsam was entwickeln und nun bei den Aufführungen auch merken, wir haben was geschaffen!"

Ab Oktober...

Szenenfoto aus "Home sweet home"
© Bild: Georg Fessl

... hatten Regisseur Karl Wozek und Schauspielcoach Charly Vozelinek mit eineinhalb Dutzend Jugendlichen mehrerer Gmündner Schulen in Schreibwerkstätten sowie Schauspiel- und Tanzworkshops zum Thema Gewalt gearbeitet. Mit verschiedenen künstlerischen Ausdrucksmitteln beleuchten die Jugendlichen kritisch die These vom Zusammenhang von Medienkonsum und wachsender Verrohung von jungen Menschen. Als beeindruckende und spannende Spielstätte für das multimediale Stationentheater dient die alte Eisenbergerhalle. Erlebnisräume und Erzähltheater mischen sich mit Installationen und bieten Theater für alle Sinne für Menschen ab 13.
Schon im Vorfeld hatte die Gruppe die Bevölkerung ins Projekt einbezogen. Unter dem Motto und mit Postkarten bzw. Plakaten "Gewaltfreies Haus" wurden Passanten und Bewohner im Raum Gmünd angeregt, über Gewalt nachzudenken.

Infos

Szenenfoto aus "Home sweet home"
© Bild: Georg Fessl

Home Sweet Home, eine Eigenproduktion von SZENE BUNTE WÄHNE mit BG, BRG, PS & Schulzentrum Gmünd, ALW gmünd, HLW Zwettl, BORG Krems, BG/BRG Horn, SHS Zwettl ist der Beitrag aus Niederösterreich zu Macht | schule | theater - ein Projekt im Rahmen der Initiative "Weiße Feder - Gemeinsam gegen Gewalt" des BMUKK in Kooperation mit Kulturkontakt Austria und DSCHUNGEL WIEN


Es spielen: Martin Bernhard, Stefanie Boigenzahn, Sevde Evci, Chrissi hauer, Julie Illetschek, Lisi Kerndl, Michi Kerndl, Judith Mahler, Eva Maspoli, Sophie Röhrenbacher, Nele Schnabl, Joachim Schübl, Anna Schwingenschlögl, Sonja Spindler, Fiona Talkner, Denise Tüchler, Nadine Zemann, Michelle Zimmermann

Regie: Karl Wozek
Regieassistenz & Schauspiel-Coaching: Charly Vozelinek
Produktion: Peter Cerny
Technik: Matthias huppmann und Tomasz Kanicki
Technical Support: Emmerich meixner
Videos: subetasch, Karl Wozek und charly Vozelinek
Sound: subetasch
Inspizienz: Renate Nigischer
Theatervermittlung: Ulla Steyrleuthner

Weitere Aufführungen

Szenenfoto aus "Home sweet home"
© Bild: Georg Fessl

10., 12. Mai, 10 Uhr
13. Mai, 10 und 19 Uhr
14. Mai, 19 Uhr
Nähere Informationen & Reservierungen: szene bunte wähne: Telefon: (02982) 20202
office@sbw.at
Kontakt für Schulreservierungen: Ulla Steyrleuthner: 0676/846 416 18, u.steyleuthner@sbw.at

( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011