Leben
06.11.2017

Warum wir Heimwerken und Baumärkte so lieben

Der Historiker Jonathan Voges hat die Kulturgeschichte des Selbermachens geschrieben.

Er selbst sei nicht unbedingt ein ambitionierter Heimwerker, erklärt der deutsche Historiker Jonathan Voges. Und doch ist er in eine für ihn zunächst fremde Welt eingetaucht, in die Welt der Hobbykeller und Baumärkte, der Bastler und Selfmade-Menschen. Weil ihn interessiert hat, woher das kommt, dass so viele Menschen heimwerken, basteln und ihre Samstage in medias res verbringen.

War es immer wirkliche Begeisterung oder nicht auch ein ökonomisch bedingter Zwang? Wer verdient an dieser Massenbewegung, die doch zumindest auf den ersten Blick so antikonsumistisch daherkommt? Wie wurde aus einer ökonomischen Nische ein Milliardenmarkt?

Voges, junger wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Hannover, spricht im Interview auch über das veränderte Rollenbild der Frauen.

KURIER: Herr Voges, was hat Sie bei Ihren Recherchen am meisten überrascht?

Jonathan Voges: Zunächst waren das die ersten Berichte über Do-it-yourself in den 1950er-Jahren. Das Phänomen wurde damals als typisch amerikanisch abgetan und als nicht übertragbar eingestuft. Eine Prognose, die sich – wie wir heute wissen – schnell als fundamental falsch erwies. Wo sich doch gerade wir Deutschen gerne als Heimwerkerkönige stilisieren.

Spannend ist, so konstatieren Sie in Ihrem Buch, dass ausgerechnet in der Zeit, in der in Westeuropa die Massenkonsumgesellschaft durchbricht, Praktiken des Selbermachens en vogue wurden, die ja auf den ersten Blick eher vorindustriell anmuten.

Ja, selbst große Sozialphilosophen wie Jürgen Habermas kamen in dieser Zeit nicht umhin, sich über die Do-it-yourself-Begeisterung zu wundern. Wenngleich diese schnell, so meine These, von der Wirtschaft vereinnahmt wurde. So sind die Heimwerker heute Kunden in einem weiteren attraktiven Markt der Konsumgesellschaft.

Wer waren die Pioniere dieser Heimwerkerbewegung? Was hat sie angetrieben?

Erstaunt hat mich, mit welcher Hingabe und welchem Geschick diese historischen Akteure Spielzeug für ihre Kinder bauten, wie viel Ehrgeiz und Fleiß sie – zusätzlich zu ihrer Berufsarbeit – noch in Arbeiten daheim zu investieren bereit waren und wie beeindruckend dabei die Ergebnisse waren: Chapeau!

Und wer hat in den ersten Jahren Do-it-yourself infrage gestellt?

Zum Beispiel professionelle Handwerker, die – um ihre eigene Arbeit herauszustellen – meinten, dass DIY nur den als gering angenommenen amerikanischen Qualitätsstandards entsprechen könne. Bildungsbürgerliche Beobachter verwiesen wiederum darauf, dass Europäer ihre Freizeit besser zu nutzen wüssten, mit der Lektüre guter Bücher oder dem Besuch von Konzert und Theater.

Wer waren dann die ersten Befürworter von Do-it-yourself?

Jene, die DIY als eine Option feierten, mit der sie der entseelten Welt der Industriegesellschaft etwas Handgreifliches entgegensetzen wollten.

Ab wann wurde auch bei uns das Heimwerken zu einer ernst zu nehmenden Massenbewegung?

Mitte der 1960er-Jahre. Da sollen laut Medienberichten schon gut die Hälfte der bundesrepublikanischen Männer Heimwerker gewesen sein. Dieser Trend verstärkte sich in den 1970er-Jahren, begünstigt durch die flächendeckende Verbreitung von Bau- und Heimwerkermärkten. Heute geben bis zu 90 Prozent der Männer an, heimwerkend aktiv zu werden.

Ein Riesenheer von freiwilligen Werktätigen, die nach Feierabend und am Wochenende losstarten.

Ja. Gerade deshalb ist es für mich so ein spannendes Untersuchungsfeld. Wie in einem Brennglas sind hier viele Themen der Zeitgeschichte verdichtet: die Geschlechterverhältnisse der Nachkriegszeit, das spannungsgeladene Verhältnis von Arbeit und Freizeit und nicht zuletzt die Geschichte einer besonders innovativen Branche.

Konnten Sie spezielle Phasen in der Kulturgeschichte des Heimwerkens ausmachen?

Das Schöne ist, dass sich im Heimwerken durchaus die Wohn- und Freizeittrends Europas spiegeln: Seit den späten 1960er stand etwa die Kellerbar auf der Wunschliste von Hausbesitzern ganz oben, und auch die Heimwerker wurden da aktiv. Es gibt wundervolle Bauanleitungen für Kellerbars mit allem, was dazugehört: von der Lampe aus einer alten Wagendeichsel bis hin zu den Sitzgelegenheiten aus Bier- oder Weinfässern. Mit dem Aufkommen der Fitness- und Gesundheitswelle gehörte auch die selbst gebaute Sauna ins Repertoire selbstbewusster Heimwerker.

Haben sich die Bastler im Laufe der Jahrzehnte verändert?

Ich glaube, dass der typische Heimwerker eine durchaus konstante Figur ist. In den 1980er-Jahren hat ihn eine Studie im Grunde gut beschrieben: Er ist demnach mittelalt, verfügt über ein Eigenheim, ist verheiratet, männlich, mit ein bis zwei Kindern und mittlerem bis gutem Einkommen.

Und wie sieht der klassische Selfmade-Man heute aus?

Ich würde sagen, dass wir es immer noch vorrangig mit dem treu sorgenden Familienvater zu tun haben.

Ihr Buch trägt den Titel "Selbst ist der Mann". Warum nicht auch "Selbst ist die Frau"?

Interessant ist, dass gerade im Heimwerken explizit Geschlechterrollen diskutiert wurden. Es ging darum, dem Mann, der zunehmend mehr Freizeit hatte, einen Platz im Haus zuzuweisen, ohne dass er deshalb die als weiblich verstandenen Hausarbeiten übernehmen musste. Deshalb verwundert es nicht, dass gerade in den 1950er- und 1960er-Jahren Frauen ziemlich kategorisch aus dem Do-it-yourself ausgeschlossen wurden und man ihnen zu verstehen gab, dass das nun Arbeit für die Ehemänner sei. Das änderte sich in den 1960er-Jahren, wo die Zeitschrift Selbst ist der Mann, ein eigenes Do-it-yourself-Magazin, die Rubrik "Selbst ist die Frau" aufnahm.

Um welche Themen ging es da?

Die Titel lauteten etwa: "Ein Gesteck aus Bast für jeden Gast". Es gab Nähanleitungen oder Tipps, wie man Geschenke schön einpacken kann, während in den für Männer vorbehaltenen Segmenten der Zeitschrift über die neuesten Bohrmaschinen gefachsimpelt wurde.

Wann ändert sich das?

Genau genommen mit den 1970er-Jahren und der Zeit der Frauenemanzipation. Es wird zunehmend auch für Frauen selbstverständlicher, Heimwerkeraufgaben zu übernehmen. Und dennoch: Wahrscheinlich ist das Heimwerken bis heute eine vorrangig männlich geprägte Freizeitbeschäftigung.

Wie sehr hat das Internet das Heimwerken beeinflusst?

Zum einen hat das Internet Anleitungen in Form von "Tutorials" viel einfacher verfügbar gemacht, außerdem ist der Do-it-yourself-Gedanke inzwischen auf immer mehr Lebensbereiche übertragen worden.

Sind Sie handwerklich aktiv?

Ich bin wohl das, was man den typischen "Muss-Heimwerker" nennen kann. Ich mache, was anfällt und was ich mir zutraue, freue mich, wenn es erfolgreich verläuft und bin mächtig stolz auf mich – ich würde aber niemals sagen, dass das Heimwerken eine beliebte Freizeitbeschäftigung für mich ist.

Buchtipp: Jonathan Voges: "Selbst ist der Mann." Wallstein-Verlag, 55,60 €.

Der Autor untersucht in seinem Buch die Entwicklung der Heimwerker und ihrer Märkte aus sozial-, kultur-, konsum- und unternehmens- historischer Perspektive. Das Buch basiert auf seiner Dissertation, für die er auch den Wissenschaftspreis Hannover erhielt.