Jedes Kind hat seine StÀrken. Aufgabe der Schule ist es, diese zu erkennen und zu fördern.

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Interview

Jeder lernt und denkt ein wenig anders

Bildungsjournalist Reinhard Kahl kommt auf Einladung der Industriellenvereinigung nach Wien.

05/19/2014, 10:00 PM

Die Potenziale jedes Kindes zu entdecken und zu fördern, muss das Ziel der Schule sein. Über den Weg dahin diskutieren Experten am Montag in der Industriellenvereinigung bei einer öffentlichen Veranstaltung. Deren Titel: Jedes Kind ist anders anders (s. unten). Neben vielen österreichischen Experten wird der bekannte Erziehungswissenschafter und Bildungsjournalist Reinhard Kahl aus Deutschland nach Wien reisen: „Vom Vorteil verschieden zu sein und zu kooperieren – PlĂ€doyer fĂŒr einen Kulturwandel in der Bildung“ heißt die Überschrift seiner Keynote, die er im Haus der Industrie halten wird. Der KURIER hat mit ihm vorab ĂŒber die Rolle der Lehrer, ĂŒber den Sinn des Übens und den Nutzen der ReformpĂ€dagogik geredet.

KURIER: FrĂŒher hat die Schule doch auch nicht geschadet. Diesen Satz hört man hĂ€ufig.

Reinhard Kahl: Darauf sage ich: "Schreibt doch mal die wichtigsten Mathematikformeln auf." Dann fĂ€llt den meisten wenig ein, denn gewöhnlich wird in der Schule fertiges Wissen von oben nach unten abgeseilt und nach der Methode verfĂŒttert: "Friss oder stirb." Viele Studien zeigen, wie katastrophal wenig vom Schulwissen bleibt. Belehrung fĂŒhrt eben nicht geradlinig zum Lernen. Lernen bedeutet nicht zu kopieren. Jeder lernt und denkt ein wenig anders. Deswegen ist eine vielfĂ€ltige Umgebung so wichtig.

Wie mĂŒsste sich dann die Rolle der Lehrer Ă€ndern?

Sie sollten Kinder nicht motivieren wollen, sondern selbst motiviert sein. Das reicht völlig. Zum Motivieren anderer hat Goethe das Entscheidende gesagt: "Man ahnt die Absicht und ist verstimmt." Wir haben in den Schulen ein enormes Übermaß dieser zudringlichen Absicht des Lehrkörpers, die den Lernkörper – die SchĂŒler – nachhaltig verstimmt.

Und was macht dann den Lehrer der Zukunft aus?

SchĂŒler brauchen Vorbilder. Aber das können nicht allein Lehrer sein. KĂŒnftige Lehrer sind auch Menschensammler. Sie holen interessante Erwachsene in die Schule, z. B. Mediziner, die ĂŒber den menschlichen Körper mehr erzĂ€hlen können als eine Unterrichtseinheit. Gute Lehrer sind auch Scouts, die mit Kindern aus dem Basislager Schule in die Welt hinausgehen, und nicht zuletzt sind sie Meister des Übens.

Ein AnhĂ€nger der ReformpĂ€dagogik lobt das Üben?

Ja. Das ist leider in Verruf geraten. Üben ist im Laufe des Industriezeitalters halbiert worden: UrsprĂŒnglich war es Wiederholen und Variieren und immer in der NĂ€he zum Aus-Üben. Geblieben ist bloßes Wiederholen. Dagegen strĂ€uben sich gerade die Jugendlichen. Wir sollten das Üben wiederentdecken, indem wir es erweitern. Jeder ĂŒbt auf seine Weise. Das ist ein Kern von Individualisierung. Jeder braucht dafĂŒr seinen besonderen Spielraum. Übrigens auch die LehrkrĂ€fte. Sie sollten sich nicht mehr als Stoffvermittler verstehen. Ich finde sogar, sie sollten ein GelĂŒbde ablegen, dass sie das Wort "Stoff" den Dealern ĂŒberlassen und sich vom klein gemahlenen Schulstoff verabschieden. Der fĂŒhrt zum Bulimie-Lernen. Es geht um die Eigenart der Stoffe, Geschichten und vor allem der Menschen. Vielfalt ist das Motto fĂŒr die Zukunft.

In der Praxis bedeutet ReformpĂ€dagogik oft, dass SchĂŒler allein gelassen werden.

Leider. Dann sagen manche Lehrer: "Macht mal, ich geh’ solange einen Kaffee trinken." Es ist tatsĂ€chlich eine Berufskrankheit vieler Lehrer, nicht als selbstbewusste Erwachsene aufzutreten, sondern als Untermieter in der Welt, die sagen: "Diesen Stoff mĂŒssen wir durchnehmen." Wenn dann das MĂŒssen aufgegeben wird, ist nicht mehr viel da. Lehrer sollten begeistern und anstecken, nicht nur sagen: "Das steht im Lehrplan" und alle spĂŒren, es interessiert sie ja gar nicht. Welche Wirkung geht denn von solchen Lehrern aus? Im Laufe der Zeit wird die Schule und alles, was sie durchnimmt, den SchĂŒlern immer mehr egal. Darin sehe ich das Hauptproblem, dass Schulen und immer hĂ€ufiger Unis GleichgĂŒltigkeit bewirken.

Wie kann ein Kind seine Potenziale entdecken und fördern?

In der 5. Klasse AHS haben deutsche SchĂŒler sage und schreibe 14 FĂ€cher. Keiner kann zu all dem interessiert "Ja" sagen. SchĂŒler sollten das Recht haben, "Nein" sagen können, sonst siegt der Bluff. Die grundlegenden Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Mathe entwickelt man am besten in der Praxis, also beim Aus-Üben. Lernen muss mit TĂ€tigkeiten verbunden werden. SchĂŒler brauchen Begegnungen, um ihre FĂ€higkeiten zu entdecken. Also raus in die Welt und sich dann im geschĂŒtzten Raum der Schule auf ein paar Dinge wirklich konzentrieren. Allerdings wird eine Schule der Vielfalt und der starken Individuen nur gelingen, wenn sie auch Zugehörigkeit verspricht und Gemeinschaft schafft.

So schöpfen Schulen die Potenziale ihrer SchĂŒler aus

Individualisierung ist mehr als nur ein Schlagwort. Bei der Veranstaltung am 26. Mai im Haus der Industrie werden acht Projekte vorgestellt, die schon heute zeigen, wie es gehen kann.

COOL "Cooperatives offenes Lernen" ist eine Initiative, an der bereits mehr als hundert österreichische Schulen teilnehmen. Lehrer sehen sich als Coach der SchĂŒler, die die Lernprozesse der SchĂŒler individuell begleitet. Bis zu einem Drittel der Unterrichtszeit arbeiten die SchĂŒler mit ArbeitsauftrĂ€gen.

IMST "Innovationen Machen Schulen Top" ist ein UnterstĂŒtzungssystem. Ziel ist es, den Unterricht in den MINDT-FĂ€chern Mathe, Informatik, Naturwissenschaft, Deutsch und Technik zu verbessern und attraktiv zu machen. Dazu werden Netzwerke auf regionaler Ebene sowie auf fachlicher gegrĂŒndet.

Lernnetzwerk luX Es werden Technologien entwickelt, die VolksschĂŒler beim Lernen unterstĂŒtzen. Das Programm luX fördert vor allem die Sprachentwicklung entlang von Themen, fĂŒr die sich ein Kind interessiert. Besonders geeignet fĂŒr Kinder mit geringem Wortschatz.

Lernwerkstatt Brigittenau Individualisierung und Differenzierung in einem lernfreudigen und solidarischen Klima lautet das Motto der Schule in Wiens 20 Bezirk, die Kinder von der 1. bis zur 8. Schulstufe begleitet. SchĂŒler lernen in stark heterogenisierten Gruppen.

Science Center Netzwerk Der Verein vermittelt – nicht nur – Schulen Erkenntnisse und Anleitungen, wie SchĂŒler durch selbststĂ€ndiges Ausprobieren und Experimentieren lernen. Die Angst vor naturwissenschaftlichen FĂ€chern soll so den jungen Menschen genommen werden. Gleichzeitig werden SchĂŒler zum selbststĂ€ndigen Lernen angeregt.

Schule Klex ist eine öffentliche Ganztagsschule fĂŒr 10- bis 14-JĂ€hrige, die ab Herbst auch eine Oberstufe haben wird. Statt fixen Stunden gibt es drei lange Lernphasen mit großzĂŒgigen Pausen. Das Raumkonzept wurde an reformpĂ€dagogische BedĂŒrfnisse angepasst. Es soll selbststĂ€ndiges Lernen fördern.

Technik entwickeln "design, architektur, technik – dat" nennt sich ein Wahlfach, das Werkunterricht bis zur Oberstufe attraktiv macht. Theorie und Praxis bedingen einander.

Sir Karl Popper Schule In der Wiener Schule fĂŒr Hochbegabte will man die Potenziale der SchĂŒler fördern, indem individuelle und personalisierte Lernwege beschritten werden. Die SchĂŒler stehen im Mittelpunkt und bestimmen von Anfang an, welche besonderen Schwerpunkte sie setzen wollen. Ab der 6. Klasse gibt es ein modulares Kurssystem.

Der Unterricht der Zukunft

Veranstaltung

Jedes Kind ist anders: Individualisierung und Potenzialförderung im Unterricht der Zukunft. So lautet der Titel der Veranstaltung, zu der die Industriellenvereinigung einlĂ€dt. Zeit: Montag, 26. Mai, 17 bis 20.30 Uhr ein. Ort: Wien Schwarzenbergplatz 4, Anmeldung nötig: f.hladky@iv-net.at oder ☎ 01/71135 2231.

Programm: Nach der Key Note von Reinhard Kahl werden Projekte vorgestellt, die in Österreich bereits heute den Unterricht individualisieren (siehe oben) . Ab 19.15 Uhr diskutieren Bildungsministerin Gabriele Heinkisch-Hosek, Reinhard Kahl sowie Karin Exner-WĂ€hrer (Vorstandsmitglied Salzburger Aluminium AG), Konrad Krainer, Andreas Schnider (IMST-Leiter Alpen-Adria-UniversitĂ€t Klagenfurt), Andreas Schnider (PĂ€dagogische Hochschule des Bundes Wien, Vorsitzender des QualitĂ€tssicherungsrates fĂŒr PĂ€dagogenbildung) Klaus Tasch, Direktor KLEX und NMS, BG und BRG Klusemannstraße Graz. Moderieren wird Martina Salomon, stellvertretende Chefredakteurin des KURIER.

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