Österreichischer Titelkult: Ist jeder Lehrer ein "Professor"?

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Die Jungen Grünen wollen die Anrede für Pädagogen abschaffen. Doch Österreich hängt an seinen Titeln – noch.


Der eine oder andere mag es noch ganz genau im Ohr haben: "Frau Fessaaa, wann kriegen wir die Schularbeit zurück?" Dass AHS-Lehrer in Österreich mit "Herr und Frau Professor" angesprochen werden, ist im Lehrerdienstrecht gesetzlich verankert. Die Anrede – nicht zu verwechseln mit dem Universitätsprofessor – ist eine sogenannte Verwendungsbezeichnung, die früher pragmatisierten Lehrern an höheren Schulen vorbehalten war. Das gefällt nicht jedem.

"Der österreichische Titelfetisch treibt einen Keil zwischen Schüler und Lehrer", schimpfen die Jungen Grünen und fordern eine Abschaffung der Titel an Schulen. Dabei passiert gerade genau das Gegenteil: Im neuen Lehrerdienstrecht, das nur noch Vertragslehrer vorsieht, ist der Professor als einheitliche Verwendungsbezeichnung für alle neu eintretenden Pädagogen vorgesehen – also auch für Volks- und Hauptschullehrer.

Mit "Herr Professor" werden in den meisten Ländern nur Universitätsprofessoren angesprochen. Warum das so ist, kann Heinz Kasparovsky, der österreichische Titel-Experte, nur vermuten: "Es hat historisch mit der Ordnungsfunktion eines ehemals großen, von einer Militärverwaltung geprägten Staates zu tun. Wir sehen diese Funktion noch heute an den militärischen Rängen. Nicht nur dort." Beispiel gefällig? "Technische Fachoberoffizialin der NÖ Landes-Feurerwehrschule" ist genauso eine Anrede wie "Sonderkindergärtner an Übungskindergärten". Internationaler klingt der "Master of Business Administration in Sustainable Development and Management", während "Oberfischerin der Österreichischen Bundesforste" doch eher altösterreichisch anmutet.

Die alte Monarchie klingt immer wieder durch, wie auch ein Blick in unsere östlichen und südöstlichen Nachbarstaaten zeigt, die einst zu Österreich-Ungarn gehörten: "Im System der akademischen Grade stimmen wir häufig – trotz zwischenzeitlich unterschiedlicher politischer Systeme – überein. Auch sind in diesen Staaten die Titel und ihre Führung meist gesetzlich geregelt."

Doch bleibt das so? Laut einer Umfrage von Marketagent mit 500 Österreichern sind 56 Prozent immer noch der Meinung, dass ein Titel im Berufsleben wichtig ist, etwa genauso viele gaben an, Personen mit Titeln anders zu begegnen als Titellosen. Fast drei Viertel sprechen im Berufsleben andere mit ihrem Titel an – im Privatleben tut das immerhin noch jeder Dritte. Philipp Ikrath vom Institut für Jugendkulturforschung vermutet jedoch, dass der heimische Titelkult bald Geschichte sein wird: "In einer Zeit, in der immer mehr junge Menschen studieren, werden sowohl die akademische Ausbildung als auch die damit verbundenen Titel entwertet." Heißt: Für einen Master oder Bachelor erntet man heute keine Bewunderung mehr. "Im Beruf wie im Privaten bleiben Akademiker immer mehr unter sich. Dass ein Herr Doktor eine Frisörin heiratet, kommt heute kaum noch vor", sagt Ikrath. Und die würde auch nicht mehr mit "Frau Doktor" angeredet werden. "Das gehört sich nicht", meint Österreichs oberster Benimmexperte (kein offizieller Titel) Thomas Schäfer-Elmayer. "Das zählt zu den Dingen, derentwegen wir von unseren Nachbarn am meisten belächelt werden. Andererseits macht so eine Schrulligkeit sympathisch und hebt uns vom globalisierten Einheitsbrei ab."

Schäfer-Elmayer weiß, wann man sein Gegenüber mit Herr Hofrat oder Frau Obermedizinalrat ansprechen sollte: "Im Zweifel führen Sie den Titel besser an. Wenn man jemanden besser kennt und weiß, dass diese Person keinen Wert auf dessen Erwähnung legt, lässt man den Titel besser weg. Wenn man sich am Telefon meldet oder vorstellt, sollte man seinen eigenen Titel nicht erwähnen. In der Praxis bringt es aber oft Vorteile, wenn man sich mit dem Titel meldet, weshalb man sich in Österreich sehr häufig über diese Regel hinwegsetzt."

Info

Mehr als 900 Titelbezeichnungen

Grundsätzlich unterscheidet man zwischen akademischen Graden, die durch den Abschluss eines Studiums erlangt werden (z. B. Magister, Doktor, Bachelor), Amtstiteln im öffentlichen Dienst (z. B. Beamter, Sektionschef, Kindergärtner) und Berufstiteln, die vom Bundespräsidenten an Personen verliehen werden, "die sich in langjähriger Ausübung ihres Berufes Verdienste um die Republik Österreich erworben haben" (Hofrat, Oberstudienrat, Kammersänger – Träger sollten mind. 50 Jahre alt sein). Insgesamt sind ca. 900 Titel in Österreich gesetzlich geregelt. Sie sind kein Teil des Namens, müssen also nicht angeführt werden. Magister-, Diplom- und Doktorgrade stehen vor, Bologna-Abschlüsse (Bachelor, Master, PhD) nach dem Namen. Der höchstrangige Titel steht dem Namen am nächsten.

(KURIER/apa) Erstellt am
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