Scott Kelly, Astronaut

© Deleted - 1239576

Interview
03/02/2016

Ein Jahr im All: Was jetzt mit den Rückkehrern passiert

Nach ihrer Landung müssen die Astronauten Scott Kelly und Michail Kornijenko erst wieder Laufen lernen.

von Sandra Lumetsberger

Noch ein letztes Bild vom Sonnenuntergang, aufgenommen 400 Kilometer über der Erde. Ein einzigartiger Ausblick – Scott Kelly wird ihn dennoch nicht vermissen.

Fast ein Jahr verbrachte der NASA-Astronaut auf der Internationalen Raumstation ISS, die alle 90 Minuten die Erde umkreist. Der 52-Jährige erlebte 16 Sonnenauf- und untergänge pro Tag. Seit heute hat er wieder festen Boden unter den wackeligen Beinen. Mit seinem russischen Kollegen Michail Kornijenko landete er heute morgen (MEZ) in Kasachstan. "Die frische Luft fühlt sich herrlich an", sagte Kelly nach dem Ausstieg aus der drei Tonnen schweren Sojus-Kapsel. Die sogenannte Jahresmission gilt als Test für einen bemannten Flug zum Mars in vielen Jahren. Wie es den Astronauten nach so langer Zeit im All geht und welche physischen Folgen das haben kann, erklärt Jörn Rittweger,Leiter der Weltraumphysiologie am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR).

KURIER: Herr Rittweger, 340 Tage im Kosmos - wie geht es Astronauten nach so langer Zeit im All?

Jörn Rittweger: Das ist sehr unterschiedlich. Ich habe schon Astronauten gesehen, die in den ersten Tagen nicht ohne Unterstützung laufen konnten. Manchen sah ich wiederum kaum an, dass sie so lange oben waren. Bei der aktuellen Einjahresmission muss man erst schauen, ob das anders ist. Kein Mensch weiß, was wirklich abläuft. Deshalb ist es ja so spannend. Es hängt auch davon ab, wie gut die Astronauten ihr tägliches Fitnesstraining absolvieren konnten.

Was passiert nach der Landung?

Durch die lange Zeit der Schwerelosigkeit, aber auch durch die harten Schläge in der Kapsel sind sie erstmal akut gestresst. In den ersten Stunden fehlt es ihnen an Flüssigkeit, die muss wieder aufgefüllt werden. Dieser Flüssigkeitsverlust hat mit der Kreislaufanpassung zu tun. Das fühlt sich so an, wie wenn man im Gebirge außer Atem ist, einem heiß und nicht genügend Flüssigkeitsvolumen da ist. Was als nächstes kommt ist, dass sie versuchen, aufzustehen. Das können Astronauten verschieden gut, da spielt der Muskelapparat eine wichtige Rolle. Andererseits aber auch die Orientierung des Körpers. Wie gut es ihnen gelingt, die Vertikale zu finden, hängt von der Nervenverarbeitung ab. Bei manchen entwickelt sich nach ein paar Tagen ein starkes Schwindel-Gefühl. Das passiert, da sie sich erst im normalen Schwerfeld der Erde zu Recht finden müssen. Was fast allen schwerfällt: Um eine Ecke zu gehen. Das ist sehr kompliziert, das nehmen wir gar nicht wahr. Wenn man ein kleines Kind dabei beobachtet, wie es Laufen lernt, versteht man, wie schwierig es ist, bei hoher Geschwindigkeit um eine Ecke zu laufen.

Wie lange wird es dauern, bis sie das wieder beherrschen?

Das ist unterschiedlich. Bis sie so weit sind, dass man grob nichts mehr sieht, sind es zirka 10 Tage. Von Trainern und Physiotherapeuten wissen wir, dass Astronauten teilweise Wochen oder Monate brauchen, um ihren Zustand wieder vollständig herzustellen.

Was passiert in der Reha?

Wir haben unsere Kollegen vom Europäischen Astronautenzentrum auf der anderen Straßenseite. Dort wird viel im Wasser, mit Laufband, Fahrrädern, Physiotherapie, Krafttraining und Gewichtstraining geabreitet. Auch Klettern ist beliebt.

Durch die lange Zeit im All sind Muskeln, Knochen und Immunsystem geschwächt - welchen Risiken sind Astronauten auf der Erde ausgesetzt?

Es werden zuerst natürlich Vorkehrungen getroffen, zum Beispiel wird der Kontakt mit kranken Personen limitiert. Es gibt Vorsichtsmaßnahmen mit einer bedingten Quarantäne. Bei den Sicherheitsvorkehrungen gibt es auch nationale Unterschiede. In Russland müssen wir Wissenschaftler alle Schutzkittel tragen, das müssen wir in Amerika nicht. Bei den Astronauten selbst sind es Veränderungen im Bereich der Knochen, der Muskeln, die man in wissenschaftlichen Studien ergründen kann, die aber für den einzelnen kein großes persönliches Risiko beinhalten. Was seit zehn Jahren bekannt ist und auch auftritt, sind Sehstörungen.
Bei den Astronauten stellt sich eine Weitsichtigkeit ein, aufgrund der Verkürzung des Augapfels. Das betrifft vor allem Männer, die über fünfzig Jahre alt sind. Man nimmt an, dass die Ursache ein erhöhter Hirndruck im All ist, in der Schwerelosigkeit. Allerdings ist die Evidenz noch nicht sehr gut. Da sind wir dran, das wissenschaftlich besser zu verstehen. Generell haben wir bisher noch keine schwerwiegende, bleibende Einschränkungen beobachtet. Wenn es bleibende Schäden gibt, dann vielleicht bei Muskeln, Knochen und am Auge.
eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.