Leben
01.06.2017

Dieser Mann ist voll integriert

Eine Wiener Software-Firma profitiert von einem akribisch arbeitenden IT-Experten mit Asperger-Syndrom.

Wie einst die Haftelmacher beobachtet er die laufenden Prozesse auf seinen beiden Bildschirmen. Leszek Chmielenski arbeitet bei der äußerst erfolgreich expandierenden Software-Entwicklungsfirma ANECON in Wien.

Sein Job ist von zentraler Bedeutung: Er testet die Test-Software der Firma, die zum Beispiel digitale Systeme der öffentlichen Verwaltung regelmäßig überprüft. "Ich simuliere einen Mitarbeiter der Verwaltung und analysiere während meiner Testreihen die auftretenden Fehler, um dann die Skripten an die neueste Version anzupassen."

Fad wird dem 45-jährigen IT-Mitarbeiter dabei nicht. Dass er an einer autistischen Entwicklungsstörung leidet (Asperger-Syndrom), ist nur insofern von Bedeutung, als sich Menschen wie er besonders gut und besonders lange konzentrieren können. Zudem, weiß Leszek Chmielenski aus eigener Erfahrung, fällt es ihm nicht schwer, Fehler in komplexen Systemen zu finden und auszubessern.

Win-Win-Situation

Diese neue Job-Initiative beruht auf einer Übereinkunft von ANECON-Geschäftsführer Hannes Färberböck und Elisabeth Krön. Krön leitet die in Dänemark gegründete Autismus-Selbsthilfegruppe Specialisterne in Österreich. Das im Vorjahr gestartete Projekt, das vom AMS unterstützt wird, hilft allen Beteiligten: In einem Kurs werden Menschen mit Asperger-Syndrom an den ersten Arbeitsmarkt herangeführt. Auch Leszek Chmielenski besuchte diesen Kurs. Längst ist er ein absoluter Gewinn für den zertifizierten Software-Tester.

"Arbeit gibt es für uns mehr als genug, aber es gibt nicht genug Fachkräfte", erklärt dazu Chmielenskis Vorgesetzter Martin Schweinberger. Die Firma, die vor bald zwanzig Jahren in Wien gegründet wurde, zählt derzeit 130 Mitarbeiter in Österreich und in Deutschland. Sie wächst stetig. Dementsprechend gut ist auch die Stimmung im Betrieb.

Im neuen Mitarbeiter, der vor knapp einem Jahr begonnen hat, und wie alle anderen anfangs von einem Job-Coach begleitet wurde, sieht Schweinberger eine echte Bereicherung: "Der Leszek hat sich schon in der Ausbildung als sehr interessiert gezeigt. In meinem Team konnte er sich vom ersten Tag an voll integrieren. Bestechend sind sein Fleiß, sein Interesse an der Arbeit, seine Genauigkeit, seine Verlässlichkeit und seine hohe soziale Kompetenz." Den Teamleiter freut auch "das tolle Feedback der Kollegen". Gelebte Inklusion: "Für uns ist er heute ein Kollege wie jeder andere."

Martin Schweinberger erkennt einen weiteren Mehrwert: "Wir möchten in unserer Branche, die vom Noch-schneller-noch-günstiger diktiert wird und auffallend viele Burn-outs produziert, auch ein Zeichen setzen. Dass bei uns der Mensch zählt."

Wieder produktiv

Sein Mitarbeiter sagt mit einem Lächeln, das Stolz verrät: "Ich bin froh, dass ich endlich wieder produktiv arbeiten kann." Seine bisherigen Joberfahrungen waren weit weniger erbaulich: "Ich habe ja schon bei einigen Firmen gearbeitet, aber das ist hier ein Job, bei dem ich mich auf den Montag freue."

P. S.: Derzeit läuft bereits der zweite Kurs, in dem Menschen mit Asperger-Syndrom (die meisten sind Männer) ausgebildet werden. Mehr über das Projekt: http://at.specialisterne.com

„Behindert ist, wer behindert wird.“ Steht auf einem Banner der Caritas. Die Hilfsorganisation lud am Mittwoch in Wien zu einer Pressekonferenz, mit der sie selbst Neuland betrat. Damit ja nichts aus dem Ruder laufen konnte, sollten die gewählten Interessensvertreter aus Einrichtungen der Caritas ihre Statements vom Blatt lesen. Dennoch spannend:
Iris Grasel, die bei der Caritas in Lanzendorf (Bezirk Bruck an der Leitha) wohnt und arbeitet, kritisierte: „Viele Freizeitangebote sind nicht barrierefrei. Und wenn ich für einen Konzert- oder Theaterbesuch eine Karte für mich und eine für meinen Betreuer bezahlen muss, dann kann ich mir das nicht leisten.“
Daniel Scharschon, der in Wien im Tageszentrum am Himmel arbeitet, würde sich über mehr Entgegenkommen der Wirtschaft freuen: „Wir arbeiten gerne in unserer Werkstatt. Aber wenn Menschen mit Behinderung in einer Firma arbeiten möchten, sollte das möglich sein.“
Natalie Schreiber, die in Mühlbach am Manhartsberg im Weinviertel zu Hause ist, erklärte wiederum, dass sie am Wochenende öfters ihre Mutter und ihre Freunde in Wien besuchen würde. Doch das könne sie sich nicht leisten: „Eine Fahrt nach Wien kostet 9,50 Euro.“ Macht knapp 20 Euro pro Besuch, trotz der Ermäßigung, den Transfer zum Bahnhof noch gar nicht eingerechnet.
Zu denken geben sollte den Damen und Herren der Ärztekammer der Befund von Anna Petrides, die in Poysdorf wohnt und in einer Caritas-Tagesstätte in Laa an der Thaya arbeitet. Ihr Befund stimm nachdenklich: „Ärzte reden nicht mit dem Patienten, sondern mit dem Betreuer. Ärzte schauen beim Reden nicht den Patienten an, sondern den Betreuer. Ärzte sprechen uns mit ,du‘ an.“

Robert Kapolnai, der in Bruck an der Leitha wohnt und arbeitet, wunderte sich über die politischen Parteien: „Die Wahl-Programme sind so geschrieben, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten sie nicht verstehen.“

Erst zum Schluss kam Caritas-Präsident Michael Landau zu Wort. Was auch als Zeichen der Wertschätzung gedeutet werden darf. In seinem glühenden Statement forderte er unter anderem das Ende der längst veralteten Sonderschulen: „Eine Schule für alle Kinder ist möglich, und sie ist sinnvoll.“