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Zusammenleben
04/03/2016

Was Frauenfreundschaften so besonders macht

Seelenverwandte, Lebensmensch, bessere Hälfte: Ein neuer Film zeigt, wie wichtig beste Freundinnen sind – vor allem in Krisenzeiten.

von Julia Pfligl, Laila Daneshmandi

"Ich bin keine große Schriftstellerin – aber über Fabi könnte ich sogar eine Hymne schreiben", schwärmt Angela, und sie will gar nicht damit aufhören. Fabi ist nicht etwa ihr Freund oder ihr Kater, sondern ihre allerbeste Freundin Fabienne. "Ohne sie wäre mein Leben kein großes Ganzes", sagt die Kärntnerin. "Sie weiß ohne Worte, wie sie mich beruhigen kann, wenn ich wieder einmal Herzschmerz oder divenhafte Allüren habe. Wenn es mir schlecht geht, ist sie die Erste, die ich anrufe. Ich weiß, dass sie um die halbe Welt reisen würde, um bei mir zu sein."

Ähnlich ist es bei Jess und Milly. Sie sind seit Kindestagen befreundet, haben Sorgen, Kleidung und Männer geteilt. Die beiden Frauen, gespielt von Drew Barrymore und Toni Collette, sind die Protagonistinnen des Hollywood-Melodrams "Im Himmel trägt man hohe Schuhe", das seit Donnerstag in den heimischen Kinos zu sehen ist. Der Originaltitel, "Miss you already" – "Vermisse dich jetzt schon", verrät mehr über die Handlung: Denn Milly erkrankt plötzlich an Brustkrebs und braucht ihre Freundin mehr denn je. Jess ist zwischen der Unterstützung für die Freundin und der eigenen Angst, den wichtigsten Menschen in ihrem Leben zu verlieren, hin- und hergerissen.

Nonplusultra

Der Film zeigt – wenn auch auf eine traurige und auf Hollywood-Kitsch getrimmte Art und Weise –, wie essenziell beste Freundinnen im Leben einer Frau sind. Laut einer repräsentativen Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung aus dem Jahr 2009 könnten 92 Prozent der Frauen nicht auf ihre beste Freundin verzichten. Erst dahinter folgen der eigene Partner, Schokolade – und Sex.

Die Psychologin Patricia Göttersdorfer bezeichnet Frauenfreundschaften als das "Nonplusultra der Freundschaften". "Die beste Freundin hat immer auch etwas Mütterliches", sagt sie. "Sie ist für alles da, sei es das Taschentuch reichen, den Bohrer ausleihen oder mitten in der Nacht vom Flughafen abholen." Im Gegensatz zu Männern, die eher über gemeinsame Interessen zueinander finden, legen Frauen vor allem Wert auf emotionalen Gleichklang, sagt Göttersdorfer. "Sie wollen zu hundert Prozent verstanden werden."

An diesem Anspruch scheitern aber auch viele Frauenfreundschaften. Durch Serien wie Sex and the City, wo vier Damen ununterbrochen aufeinander kleben, würden falsche Ideale transportiert: "Das ist unrealistisch, wird aber trotzdem als Vorbild gehandelt." Denn, und das gilt für Frauenfreundschaften genauso wie für Liebesbeziehungen: Zu eng ist auch nicht gut. "Zeit ist das Thema schlechthin in Frauenfreundschaften. Sobald die eine sagt, das wird mir zu viel, sagt die andere, du hast mich nicht mehr lieb. Und tschüss." Die drei K – Konflikt, Konkurrenz und Kritik – seien für die meisten Frauenfreundschaften tödlich, berichtet Göttersdorfer. "Besser wäre, zu sagen: Heute streiten wir und sagen einander die Meinung, morgen sind wir wieder gut. Ein bisschen mehr Distanz würde manchmal nicht schaden."

Eine echte Freundschaft, so die Psychologin, sei "so selten wie ein Diamant". "Viele glauben, das wäre uns das Leben schuldig, aber so ist es nicht."

Freundin gesucht

Dass beste Freundinnen nicht selbstverständlich sind, merkt man spätestens auf Google – gibt man das Stichwort "Freundinnen" ein, schlägt die Suchmaschine als erstes "Freundinnen finden" vor. Und führt einen auf Plattformen wie "Beste Freundin gesucht" in Deutschland, wo sich innerhalb von einem Jahr mehr als 13.000 Frauen angemeldet haben. Linda2littlekids, 26, sucht hier eine "beste Freundin zum Lachen, Reden und Spaß haben". Gitschelchen, 58, will eine "liebe Reisefreundin für jetzt und immer".

Wie sehr sich die Suche lohnt, zeigen Erfolgsgeschichten wie die von Theresa und Lena. "Sie gibt mir nicht das Gefühl was Besseres zu sein, sondern sie gibt mir das Gefühl auf derselben Welle zu schwimmen", sagt Theresa über ihre neue Freundin. Katrin hat auf der Plattform ihre Freundin Gisela gefunden, als ihr Freund beruflich wegziehen musste und sie unter der Fernbeziehung litt. "Wir haben über Gott und die Welt geredet und die Zeit verging wie im Flug… Ich habe meine bessere Hälfte hier gefunden."

Eine bessere Hälfte hat auch Susanne: Seit 40 Jahren ist ihre beste Freundin Michaela wie eine Schwester für sie. "Wir sind sogar am selben Tag zum ersten Mal Mutter geworden, die Kinder nennen wir ‚unsere Zwillinge‘. Sie ist Taufpatin meines zweitgeborenen Sohnes, ich bin Firmpatin ihrer Tochter, ihre Tochter ist wiederum Taufpatin meiner jüngsten Tochter – wir sind einfach Familie geworden!" Sie leben zwar in verschiedenen Städten, aber "das macht nichts. Wann immer wir einander sehen, ist es, als wäre kein Tag vergangen".

Daniela und Petra hingegen sehen einander ziemlich oft: Seit elf Jahren stehen sie gemeinsam auf der Bühne, die eine Schauspielerin, die andere Musikerin. "Wir haben es über so viele Jahre geschafft, unsere Berufe und Freundschaft zu etwas Einzigartigem zu verbinden. Ich bin sehr dankbar für diese Freundschaft." Petra bezeichnet Daniela als "viel mehr als eine beste Freundin. Sie ist meine Schwester und Seelenverwandte".

Chantalle, die als Helmut geboren wurde, ist mit ihrer besten Freundin Silvia sogar verheiratet. Seit 36 Jahren leben die beiden Seite an Seite - seit vier Jahren als gleichgeschlechtliches Paar. "Da ich Transgender bin und einen Teil meines Lebens als Frau verbringe, sind wir mittlerweile auch beste Freundinnen. Wir gehen gemeinsam shoppen, können uns über Mode und Schminken unterhalten. Ich könnte mir ein Leben ohne meine beste Freundin nicht vorstellen - auch, wenn wir ein bisschen ungewöhnlich leben."

So ist das mit Diamanten – es ist schwierig, sie zu finden. Aber wenn man sie hat, lässt man sie so schnell nicht mehr los.

Sie war einfach immer für mich da

Wie nahe Freude und Leid beieinander liegen, wurde Susanne und Nora vor sechs Jahren bewusst. Seit der Schulzeit waren sie beste Freundinnen, haben "immer alles gemeinsam gemacht". Später wurden sie sogar Kolleginnen, gründeten zusammen eine Werbeagentur. Im März 2010 bekam Nora ihr erstes Kind, eine Tochter. "Sie war die Erste im Freundeskreis, alles war so aufregend", erinnert sich Susanne, die Taufpatin der Kleinen. Drei Monate später wurde bei der damals 35-Jährigen Brustkrebs diagnostiziert. Und plötzlich war alles anders.

"Nora hatte das kleine, süße Baby, ich den Krebs und gemeinsam hatten wir die Firma." Statt zuhause zu bleiben und den Mutterschutz zu genießen, schnallte sich Nora das Baby um und ging für Susanne arbeiten. "Ohne ihren Einsatz hätten wir die Firma zusperren müssen", sagt Susanne rückblickend. Während sie im Spital lag, schickte Nora Fotos aus Meetings. "Jedes Mal hielt sie ein Schild in die Kamera, auf dem zum Beispiel ‚Alles Gute für die Chemo‘ stand. Sie war einfach immer da. Das war unendlich wichtig für mich."

Balanceakt

Da sein, nachfragen, dranbleiben – Karin Isak, psychologische Beraterin bei der Krebshilfe (www.krebshilfe.net), weiß, wie wichtig gute Freundinnen in solchen Situationen sind. "Die beste Freundin begleitet die Patientin oft von Beginn weg durch die verschiedenen Krankheitsphasen und kann auf diesem Weg eine wirklich große Unterstützung sein." Sie weiß, wie belastend die Situation auch für die "gesunde" Freundin sein kann. "In die Schuhe der Freundin schlüpfen, aber auch wieder zurück in die eigenen Schuhe zu finden – das ist ein Balanceakt." Deshalb sei es wichtig, auch selbst Ruhepausen einzulegen und sich bei Bedarf Rat von professionellen Beratern zu holen. "Als gute Freundin spürt man genauso Angst, Ohnmacht oder Hilflosigkeit."

"Gut gemeinte" Ratschläge und Floskeln à la "Du bist so eine starke Frau, du schaffst das alles" sollten vermieden werden. "Das hilft überhaupt nicht, sondern macht starken Druck", weiß Isak. Besser ist: "Wir wissen noch nicht genau, welche Hürden auf uns zukommen, aber ich möchte dich begleiten und an deiner Seite sein. Reiße dich nicht zusammen, sondern sage mir konkret, wie ich dir helfen kann." Das kann ein Taxi-Dienst für die Kinder oder ein Wochenendeinkauf sein.

Susanne ist mittlerweile geheilt. Während sie ihre Geschichte erzählt, kommen ihr immer wieder die Tränen. Tränen der Rührung, der Dankbarkeit. "Ich bin einfach überwältigt von all der Liebe, die ich erfahren habe."

Info: Während der Krankheit führte Susanne ein Krebs-Tagebuch, das anderen Patienten Mut machen soll. Die Notizen sind nachzulesen unter www.facebook.com/SusiHatKrebs

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