Im Alter Sprachwelten entdecken

Charlotte Langer - lernt mit 83 Jahren Russisch.…
Foto: gilbert novy Frau Langer (83) lernt Russisch – sie büffelte schon Englisch, Italienisch, Französisch, Spanisch und Latein.

Sprachen sind auf mehreren Ebenen erlernbar – das Talent dafür ist auch genetisch veranlagt

Charlotte Langer ist 83 Jahre alt und lernt Russisch – die siebente Sprache im Laufe ihres Lebens. „Ich wurde während der Wirtschaftskrise geboren und war ein Einzelkind. Weil mir langweilig war, habe ich mir vor der Einschulung Lesen und Schreiben beigebracht. Als Nachmittagsbeschäftigung habe ich Englisch gelernt.“ Später kamen anlassbezogen – etwa für den Urlaub – Italienisch, Französisch und Spanisch dazu. Mit dem Tag ihrer Pensionierung schrieb sich Frau Langer in der Maturaschule ein, um Latein zu lernen. „Sprachen machen mir Spaß. Ich brauche nur immer eine Motivation, um sie zu lernen.“

Das ist laut Sonja Winklbauer vom Sprachenzentrum an der Uni Wien der wichtigste Faktor: „Die emotionale Verknüpfung mit der Sprache fördert die Motivation, sich mit den Inhalten zu beschäftigen.“ So werden ihre Sprachschüler dazu animiert Texte zu lesen, die sie inhaltlich interessieren, um das Behalten der Sprache zu fördern. „Es braucht möglichst viel Kontakt zur Sprache auf unterschiedlichen Kanälen – also nicht nur in der Schule, sondern auch beim Fernsehen, im Urlaub, etc.“

Die Annahme, das Kinder eine Sprache schneller lernen als Erwachsene, weil ihr Gehirn formbarer ist, ist laut Susanne Reiterer vom Zentrum für Sprachenlern- und -lehrforschung an der Uni Wien veraltet. „Ältere Sprachlerner können Kinder sogar überholen, weil sie Vokabel schneller mit bisher Gelerntem verknüpfen und eine Sprache so schneller lernen können.“ Diese Beobachtung bestätigt auch Winklbauer vom Sprachen- zentrum: „Je mehr Sprachen jemand beherrscht, desto einfacher wird das Erlernen einer neuen Sprache.“

Das Gedächtnistraining durch eine neue Sprache hat im Alter auch gesundheitliche Vorteile: Eine Studie kanadischer Wissenschaftler zeigte, dass Alzheimer bei mehrsprachigen Menschen im Durchschnitt fünf Jahre später diagnostiziert wird. Der flexible Wechsel von einer Sprache zur anderen trainiere das Gehirn wie einen Muskel.

Vier Ebenen

… Foto: kba/leben.pdf In der Sprachlernforschung werden vier Ebenen unterschieden: Die Aussprache (Phonetik), das Vokabular (Semantik), die Struktur (Grammatik) und die soziale Ebene der Sprache (Pragmatik). Reiter erklärt : „Manche äffen eine Sprache nach, aber nehmen es mit der Grammatik nicht so genau – das sind akustische Typen. Andere sind Systematiker und haben Vorteile in der Grammatik – sie können sich aber nicht flüssig unterhalten.“ Die sprachlich sozial Begabten sprechen mit Händen und Füßen, obwohl sie die Sprache nach linguistischen Kriterien gar nicht beherrschen.

Nicht zuletzt ist das Sprachtalent laut Reiterer auch zu einem gewissen Teil eine Frage der genetischen Veranlagung, ähnlich der Musikalität. „Man kann eine Sprache üben, aber es ist auch ein bisschen vorgegeben wie talentiert man darin ist.“

Außerdem ergänzt Reiterer: „Mehrsprachigkeit wird oft gelobt, aber die Qualität wird übersehen. Wenn die Sprache nicht richtig gesprochen wird und ich kein Umfeld habe, wo ich das üben kann, wird mir das nicht viel bringen.“

Ein Problem, das Frau Langer durchaus bekannt ist – ihr Russisch übt sie großteils auf dem Papier. Die Beschäftigung mit der Sprache macht ihr trotzdem Spaß und sie denkt auch schon weiter: „Eine chinesische Sprache würde mich noch reizen.“

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(kurier) Erstellt am
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