Leben
13.11.2016

Die Schicksale hinter Hera Linds Tatsachenromanen

Mit ihrer Frauenliteratur erreichte Hera Lind ein Millionenpublikum. Seit einigen Jahren schreibt die 59-Jährige hauptsächlich Tatsachenromane – über die außergewöhnlichen Geschichten gewöhnlicher Menschen. Im Interview erzählt sie, wovon ihr neues Buch handelt und was sie ihre Protagonisten gelehrt haben.

Vor sieben Jahren erhielt Hera Lind einen besonderen Brief. Ein Mann aus Solingen, Deutschland, schrieb ihr, dass seine Frau, die Mutter seiner Kinder, gestorben sei – nach vielen Jahren im Locked-in-Syndrom, von dem sie überraschenderweise wieder erwacht war. Die Frau hätte die Bücher der Bestsellerautorin geliebt und sich bestimmt gefreut, wenn sie auch ihre besondere Geschichte aufschreiben würde.

Das Schicksal des Mannes berührte Hera Lind so sehr, dass sie es in ein Buch verpackte (siehe unten). Seitdem sind neun sehr erfolgreiche Tatsachenromane erschienen – sie alle handeln von außergewöhnlichen Lebensgeschichten, die sich genau so zugetragen haben. Ab morgen ist das neueste Buch erhältlich. Im Zentrum steht eine mutige Frau, die Unglaubliches erlebt hat.

KURIER: "Die Sehnsuchtsfalle" erzählt die Geschichte von Rita Rosario, die während der Suche nach dem Vater ihres Sohnes im Gefängnis landet. Was hat Sie an ihrer Biografie so fasziniert?

Hera Lind: Rita vertraute aus Liebe einem Nigerianer ihren Sohn an und erklärte sich bereit, für ihn in Brasilien etwas Geschäftliches zu erledigen. Auch wenn sie schon ahnte, dass da was faul sein konnte: Sie hoffte, ihre große Liebe wiederzufinden, den Vater ihres Sohnes, der auch ein Schwarzer war. Sie handelte aus Liebe, mit einer großen Portion Wagemut. Als sie dann unschuldig wegen Rauschgiftschmuggels sechs Jahre lang in Brasilien im Gefängnis saß, wollte sie sich erst aufgeben. Sie hatte ihren Sohn verloren, ihr ganzes Leben war eine Lüge. Aber dann siegte ihr Überlebenswille, sie schrieb mehr als 1000 Seiten per Hand, später alles noch mal in den Computer, machte auf Portugiesisch ihr Abitur und schaffte sich nach dem Gefängnis in Brasilien eine Existenz, weil sie noch nicht mal das Geld für einen Rückflug hatte. Ihren Sohn sah sie später erst als Erwachsenen wieder, aber sie adoptierte ein brasilianisches Straßenkind und gab ihm das Zuhause, das sie ihrem Sohn nicht mehr hatte geben können. Großartig, wie ich finde.

"Die Sehnsuchtsfalle" ist bereits Ihr neunter Tatsachenroman. Wie kamen Sie damals auf die Idee, den ersten zu schreiben?

Wie immer der berühmte Zufall, der einmalige Moment. Ein Mann schrieb mir, dass seine Frau nach langer Zeit im Locked-in-Syndrom nach einem Wiederaufwachen doch verstorben sei. Ich traf mich mit diesem Mann, und er erzählte mir ausführlich die Geschichte einer ganz außergewöhnlichen Liebe: Die Liebe eines Mannes zu einer Frau, die nur mit einem Auge blinzeln konnte und die weinte, als er ihr das Neugeborene an die Wange legte. Die nach Jahren der Mühen wieder ins Leben zurückgekehrt war, wo jetzt bereits ihre Enkel soweit waren wie damals ihre Kinder, wie sie den Führerschein wieder machte und den Freischwimmer, wie sie wieder tanzen lernte und dann plötzlich doch verstarb.

Wie viele Menschen schicken Ihnen seitdem ihre Geschichten?

Pro Monat kommt ein hübscher Stapel von Einsendungen. Ich lese sie alle mit großem Respekt und Dankbarkeit für das Vertrauen und die Mühe, die sich die Einsender machen. Und ich antworte jedem persönlich.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Protagonisten aus?

Ziemlich schnell merke ich, wie der Einsender oder die Einsenderin tickt und was sie zu sagen haben. Die Protagonistinnen – es sind überwiegend Frauen – sollen meinen Leserinnen als Vorbild dienen, als Identifikationsfigur, sie sollen Stärke und Wärme und Lebensmut vermitteln und nicht Rachsucht, Selbstmitleid oder den Drang, sich einfach nur interessant zu machen.

Gibt es ein Schicksal, das Sie besonders berührt hat?

Eigentlich alle, die ich aufgeschrieben habe. Natürlich berühren mich auch andere Geschichten oft sehr. Aber es sind ja viele Aspekte, die den Verlag und mich dazu bringen, ein Projekt in die Tat umzusetzen oder abzusagen. Viele Geschichten ähneln einander auch einfach sehr. Mich erreichen noch sehr viele Kriegs- und Nachkriegsgeschichten von Flucht und Vertreibung. Auch DDR-Flucht-Geschichten, unglaublich spannende, sind oft dabei. Wir versuchen, das Angebot an Tatsachenromanen im Sinne der Leser abwechslungsreich zu gestalten.

Was fasziniert die Menschen so an diesen Geschichten?

Dass sie wahr sind. Wir können uns ganz anders mit dem Helden, der Heldin identifizieren, wir erkennen uns oft auch ein Stück weit in ihren Schicksalen. Wir leiden und fiebern mit und gönnen ihnen am Ende ein Happy End, so es eines gibt.

Beim Lesen der Tatsachenromane denkt man sich häufig, das gibt’s doch gar nicht, wenn diese Geschichte jemand erfinden würde, würde sie niemand glauben. Geht es Ihnen auch so?

Absolut! Schon beim ersten Lesen bin ich oft total fasziniert, aber auch beglückt, das ist wie ein Sechser im Lotto: Diese nehme ich! Diese Frau (einmal war es ein Mann) will ich kennenlernen! Dann fahre ich hin, besuche sie an ihrem Wohnort, versuche sie authentisch in ihrem Umfeld kennenzulernen, alles aufzusaugen, was ihre Aura ausmacht. Dann geht es meistens los mit der Zusammenarbeit.

Wie läuft diese ab? Bleiben Sie danach mit den Protagonisten in Kontakt? Wie viel Mitspracherecht haben diese?

Manche habe ich nur einmal getroffen, um mir ein Bild von ihrer Glaubwürdigkeit zu machen. Andere folgen mir seitdem zu meinen Lesungen, wann immer ich in ihrer Nähe bin. Dann lese ich natürlich verstärkt ihre Passagen. Oft haben sie schon geweint, weil es sie einfach überwältigt, jetzt ihre Geschichte in der Öffentlichkeit aus meinem Munde zu hören. Mit vielen verbindet mich ein freundschaftliches Verhältnis, wir mailen, telefonieren und sehen uns häufig. Mit den Zwillingen aus dem Buch "Kuckucksnest" bin ich inzwischen befreundet. Sie waren schon mit sämtlichen Adoptivkindern bei uns im Salzkammergut. Ja, und es wird mit jeder Protagonistin Wort für Wort abgesprochen, was letztlich veröffentlicht wird. Sie haben alle das letzte Wort; es ist ihr Leben! Das behandle ich mit Respekt und Wertschätzung.

Gibt es etwas, das Sie von Ihren Protagonisten gelernt haben? Was können die Leser mitnehmen?

Tapferkeit, Mut, Stärke, Durchhaltevermögen, Humor, Selbstironie, Wärme, Fürsorge, Selbstvertrauen, Unbeirrbarkeit, Glaube, Hoffnung, und wie schon Paulus sagt: Die größte unter ihnen ist die Liebe!

Zur Person

Die Tochter eines Arztes und einer Musikpädagogin wurde 1957 in Bielefeld als Herlind Wartenberg geboren. Sie studierte Theologie und Germanistik auf Lehramt und absolvierte danach eine Ausbildung zur Konzertsängerin. Während ihrer ersten Schwangerschaft 1988 schrieb sie "aus Langeweile" den Roman "Ein Mann für jede Tonart", der ein großer Erfolg wurde. Ihre Bücher haben eine Auflage von 13 Mio. und wurden in 17 Sprachen übersetzt. Lind hat vier Kinder und lebt mit ihrem Mann, dem österreichischen Hotelier Engelbert Lainer, in Salzburg.

Aus diesen Schicksalen wurden Bücher

Alle Tatsachenromane von Hera Lind beruhen auf wahren Lebensgeschichten. Die erste, "Der Mann, der wirklich liebte", kam 2010 heraus. Gemeint ist Michael Röhrdanz, dessen große Liebe während der Schwangerschaft einen Hirnschlag erleidet und ins Wachkoma fällt. Röhrdanz glaubt nicht an das Todesurteil der Ärzte und kämpft dafür, dass sein Sohn zur Welt kommen darf. Ein Jahr später erschien "Himmel und Hölle", die Geschichte der jungen Gynäkologin und Vierfach-Mutter Konstanze Kuchenmeister, die plötzlich an Gebärmutterhalskrebs erkrankt. Als sie glaubt, den Krebs besiegt zu haben, diagnostizieren die Ärzte einen Gehirntumor. In "Wenn nur dein Lächeln bleibt" kämpft die junge Mutter Angela Hädicke für ein menschenwürdiges Leben ihrer schwerstbehinderten Tochter – im Ostdeutschland der Siebzigerjahre kein einfaches Unterfangen. Gerti Bruns ist die Protagonistin von "Gefangen in Afrika": Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen, folgt sie ihrem wohlhabenden Mann mit den zwei Söhnen nach Namibia, wo Apartheid herrscht und ein Bürgerkrieg droht. Ein großer Fehler, wie sich herausstellt – denn plötzlich sitzt sie dort fest. "Drachenkinder" handelt von Sybille Schnehage, die einen afghanischen Kriegsverletzten bei sich aufnimmt und in Afghanistan Schulen und Straßen baut. Um fremde Kulturen geht es auch in "Tausendundein Tag": Katharina von Schenck zieht mit ihrem Mann in den Iran, wo ihr Einsatz gegen Zwangsverheiratungen folgenschwere Konsequenzen hat. In "Die Frau, die zu sehr liebte" verlässt die dreifache Mutter Linda ihren Mann für einen Banker, der sich als Betrüger herausstellt. "Kuckucksnest" erzählt die Geschichte der unfruchtbaren Zwillinge Sonja und Senta, die nach und nach zehn Kinder mit teils tragischen Hintergründen adoptieren. Neu erschienen ist "Die Sehnsuchtsfalle": Protagonistin Rita Rosario (Foto 2. v. re.) schickte ihr 1000-Seiten-Manuskript an Hera Lind, diese war begeistert. Rosario: "Ich vertraute Frau Lind voll und ganz, das Beste aus meiner Geschichte zu machen, und wurde nicht enttäuscht."