Leben
11.06.2016

Was der Begründer des Vatertags in Österreich heute sagt

Der 90-Jährige musste sich selbst als Vater schmerzhaft beweisen.

Jedes Jahr vor dem Vatertag (morgen) geht Helmut Herz mit seiner Geschichte hausieren. Vor 60 Jahren hat er als " Reklameleiter" der Gloriette Hemden den Vatertag in Österreich begründet.

Das Gespräch entpuppt sich als unglaublich wertvolle Stunde. Herz ist 90 Jahre alt, hat sich Humor erhalten, Weisheit gesammelt und tiefe Gedanken. Etwa, wie sich das Vaterbild entwickelt hat. Er selbst war in den 1960er-Jahren alleinerziehender Vater.

KURIER: Herr Herz, wollten Sie mit dem Vatertag in Österreich nur ein Geschäft machen?

Helmut Herz: Es war nur ein Antrieb, Hemden zu verkaufen. Die andere Seite war, dass ich mit SOS-Kinderdorf-Gründer Hermann Gmeiner geredet hatte. Ihm waren Berichte in Illustrierten über die deutschen Besäufnisse am "Herrentag" aufgefallen. Das fiel mir wieder ein, als ich im Oktober 1955 die Werbepläne für das kommende Jahr machte. Ich dachte, warum bringen wir nicht den Vatertag im Sinne eines Familienfestes nach Österreich?

Den Termin haben Sie selbst ausgesucht und bestimmt?

Wir richteten das Vatertagskomitee ein, Vorsitz hatte Gmeiner. Der hat im Radio darüber gesprochen, das half sehr. Ich selbst ging durch die Redaktionen, da kannte ich viele. Und sagte aber nicht, dass der Vatertag neu ist, sondern: "Heuer wollen wir den Vatertag wieder stärker feiern." Gegen etwas Neues hätte es vielleicht Widerstand gegeben, aber "endlich wieder stärker", das hat gezogen.

Sie waren ein Schlitzohr.

Das ist angewandte Psychologie. Als wir 1949 die Gloriette-Hemden auf den Markt brachten, schrieb ich nicht "neu!" auf die Plakate, sondern "endlich wieder Gloriette-Hemden". Die Leute dachten, na, wenn es die endlich wieder gibt, will ich eines. Die Redakteure sagten zum Vatertag jedenfalls: Wann ist der denn eigentlich? Und den zweiten Juni-Sonntag fand ich gut. Das ist nahe am Muttertag, da haben die Frauen noch ein schlechtes Gewissen, dass sie so reich beschenkt wurden.

Ihr Sohn war beim ersten Vatertag 1956 schon sieben Jahre alt. Was hat er Ihnen geschenkt?

Bei uns wurde der Tag nicht viel gefeiert, ich komme mir ja blöd vor. Aber Peters Geschenk war eine Zeichnung, auf der stand "Alles Gute" und das "s" war in die nächste Zeile gekritzelt. Daneben ein Herzerl. Es blieb immer das schönste Geschenk meines Lebens. Leider ist Peter vor drei Jahren gestorben, im gleichen Jahr wie meine Lebenspartnerin und mein Bruder. Ein hässliches Jahr. Gott sei Dank habe ich noch meine Tochter Bettina und einen sehr lieben Schwiegersohn. Die sind rund um den Vatertag zwar meistens auf Urlaub, aber wenn sie zurück sind, gehen wir essen.

Entwickelte sich der Tag nach Ihren Vorstellungen?

Peters Zeichnung inspirierte mich für einen großen Malwettbewerb im folgenden Jahr. Die Kinder sollten dabei den Vater im Beruf zeichnen. Wir bekamen Berge an Zeichnungen, insgesamt über 80.000. Sie alle hatten zu Hause gefragt: Papa, was machst du eigentlich? Genau das war die Grundidee, Väter und ihre Kindern zusammenbringen. Das ist gelungen. Und es hat sich laufend gebessert. Heute sind Familien auf Augenhöhe, Mutter, Vater, Kinder.

Früher herrschten in Familien klare Rollen. Sie wurden 1963 plötzlich zum alleinerziehenden Vater.

Meine Frau starb, unsere Tochter war fünf, der Sohn 15 Jahre. Ich war von heute auf morgen Alleinerzieher, habe meinen Job als Werbeleiter gekündigt, das ging sich nicht aus, und als Freiberufler gearbeitet, da konnte ich mir die Zeit einteilen. Nach wenigen Wochen kam natürlich das Jugendamt und wollte die Kinder nehmen. Ich sagte laut: Nur über meine Leiche, da bringe ich mich und die Kinder vorher um. Stellen Sie sich vor, die wären in das Heim Wilhelminenberg gebracht worden. Entsetzlich.

Wurden Sie als Alleinerzieher dann anerkannt?

Ich habe halt gelernt. Kochen, Stutzen flicken, waschen, Jausenbrote, in die Schule bringen, abholen. Die Tochter war anfangs bei meinen Kundenterminen immer mit. Mich gab es nur mit 5-Jähriger und ihrem Zeichenblock. Ich habe zwar wegen einer Partnerin inseriert. Aber wenn die gesehen haben, da sind zwei Kinder, waren sie gleich wieder weg.

Es muss Ihnen gut gefallen, wie sich die Väterbeteiligung entwickelt hat, besonders seit den 1990er-Jahren.

Damals war ich froh, dass sich endlich etwas tut, Mann und Frau in der Familie endlich näher zusammenrücken. Aber es könnte natürlich noch weitergehen. Menschen sollten lernen, miteinander umzugehen, schon in der Schule. Wer braucht denn die Formel für den Querschnitt eines Kegels lernen? Wissen um Partnerschaften wäre wichtig. Es fehlt die Aufklärung, wie Partnerschaften funktionieren. Die Leute heiraten und gehen ein paar Jahre später auseinander. Verständnis zeigen, dass der Partner anders ist. Als die Debatte um gleiche Rechte für Mann und Frau aufkam, dachte ich: Ja, das ist doch selbstverständlich. Aber mit den Unterschieden umgehen, das ist schwierig.

Sind Sie damit zufrieden, wie der Vatertag heute bei uns gefeiert wird?

Das ist super. Er ist zum Familientag geworden, wie ich es mir gewünscht habe. Ich bin auch ein bisserl stolz. Es gibt Schätzungen, dass der Vatertag für Österreichs Wirtschaft bis zu 100 Millionen Euro jährlich bringt. In 60 Jahren habe ich so schon mehr Arbeitsplätze geschaffen als Herr Stronach. (lacht) Im Ernst: Es hat mich sehr gefreut, wie mir der Häupl das Goldene (Ehrenzeichen, Anm.) von Wien überreicht hat. Ein bisserl eitel darf man schon sein.

So wirken Sie gar nicht, obwohl Sie mit Ihrer Geschichte, auf gut Wienerisch, ziemlich hausieren gehen.

Das muss sein. Zwischendurch hat man den Vatertag fast vergessen. Ich versuche jedes Jahr, darauf aufmerksam zu machen. So lange ich gehen kann, mach ich das. Ich hab ja davon nix, außer der Freude, dass es funktioniert. Der Vatertag ist ja mein Kind.

Na dann, Herr Herz: Alles Gute zum Vatertag!