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Buchtipp zur Schulserie
09/08/2014

Heidi Schrodt: Für Migranten hat das Schulsystem keinen Plan

Pädagogin Heidi Schrodt fragt, warum so viele Kinder scheitern und nimmt die Politik in die Pflicht.

Migranten sind die Verlierer des Bildungssystems. Das ist nicht erst seit PISA bekannt. Die ehemalige Direktorin Heidi Schrodt ist der Frage nachgegangen, warum das so ist. Das Ergebnis ihrer Spurensuche hat sie in einem Buch zusammengefasst: "Sehr gut oder Nicht genügend. Schule und Migration in Österreich" (Molden Verlag, 19,99 Euro).

Erschreckend ihr Befund über die Verhältnisse, in denen manche Schüler aufwachsen: Das Geld ist zum Teil so knapp, dass nicht jeder in der Familie ein eigenes Bett hat. Weil der Vater nach der Nachtschicht im Bett des Kindes schläft, muss dieses tagsüber in die Schule – auch wenn es krank ist. Sicher ein Extrembeispiel. Doch viele Migranteneltern sind so damit beschäftigt, ihr Leben zu meistern, dass keine Zeit bleibt, sich ums das Kind zu kümmern.

Schrodt bleibt nicht bei der Analyse des Ist-Zustandes. Sie zeigt auch auf, was die Politik tun muss, damit die Migranten nicht abgehängt werden. Schließlich handelt es sich um keine Minderheit. In Wiens Volksschulen sind es fast 60 Prozent.

Schritte setzen

Der Grundstein für eine gute Bildung müsse schon im Kindergarten gelegt werden – dieser soll endlich als Bildungseinrichtung gesehen werden. Ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr sei unabdingbar. Das alles bringt aber nichts ohne gute Pädagogen – deren Ausbildung müsse verbessert werden: Von der Kindergärtnerin bis zum AHS-Professor sollte jeder auf dem Gebiet der Mehrsprachigkeit aus- und fortgebildet werden.

Der Unterricht müsse ganz anders aussehen als derzeit: Individuelle Förderung heißt hier das Zauberwort. Dazu braucht es aber mehr Unterstützungspersonal wie Psychologen oder Sozialarbeiter. Eine Änderung der Schulorganisation sei nötig: Ganztagsschulen müsse es langfristig flächendeckend geben – das käme nicht nur Migranten zugute. Ganz wichtig: Mehr Ressourcen für Schulen in sozial benachteiligten Regionen sowie die gemeinsame Schule. Nötig wäre, dass Kinder, deren Umgangssprache nicht Deutsch ist, ein Recht auf intensive Sprachförderung sowie auf einen kostenlosen Schulbesuch bis zum Alter von 18 Jahren haben.