Leben
29.05.2017

Das haben Gastgeber und gute Therapeuten gemeinsam

Die Psychologin und Foodbloggerin Ute Andorfer über Gastfreundschaft in ihrer Arbeit und privat.Eine Check-Liste listet die wichtigsten Punkte für gute Gastgeber auf.

Sie öffnet die Tür in ihrer Wiener Praxis mit einem Lächeln. Ein Glas Wasser für den Gast ist vorbereitet. Er darf sich auch aussuchen, ob er lieber auf einem Couchsessel im kleinen oder großen Besprechungszimmer Platz nehmen möchte. Diese Frau kann Gastfreundschaft.

Kein Wunder: Seit 17 Jahren arbeitet Ute Andorfer als klinische Psychologin und Psychotherapeutin am Anton-Proksch-Institut und in eigener Praxis. In ihren Patienten sieht die 43-Jährige immer Gäste, in Anlehnung an jene Menschen, die sie als leidenschaftliche Foodbloggerin bei sich zu Hause bekocht.

Einladung zum Reden

Es ist daher auch nur logisch, dass sie von ihrem Chef eingeladen wurde, sie möge ihre vielseitigen Erfahrungen bei einer internationalen Fachtagung referieren. Professor Michael Musalek, bekannt als Leiter des Anton-Proksch-Instituts, hat im Vorjahr an der Wiener Sigmund-Freud-Privatuniversität das Institut für Sozialästhetik und psychische Gesundheit gegründet. Die jüngste große Tagung fand nicht ganz zufällig zum Thema " Gastfreundschaft" statt. Und da durfte Therapeutin Andorfer den Schlussvortrag halten.

In den Expertenreferaten ging es in erster Linie um die Frage, wie man im Gesundheitsbereich Patienten herzlicher betreuen könnte. "Es ist kein Zufall, dass im Englischen die Begriffe hospitality für Gastfreundschaft und hospital für Krankenhaus miteinander zu tun haben. Im Deutschen besteht diese sprachliche Nähe leider nicht", erklärt die Therapeutin in ihrer gemütlich eingerichteten und vom Lärm der Stadt deutlich abgeschirmten Praxis.

Dabei würden mehrere Studien belegen, dass eine gelungene therapeutische Beziehung den Therapieverlauf positiv beeinflusst. Und wie gelingt so eine therapeutische Beziehung? In ihrer Praxis bietet Andorfer ein kostenloses unverbindliches Erstgespräch an: "In diesem Gespräch können beide Seiten für sich klären, ob die Chemie für sie passt." Nur sehr selten nehmen Patienten von einer Behandlung Abstand, auch deshalb, weil sie nach dem ersten Zusammentreffen klarer sehen, was sie in der Therapie erwartet. "Ich bin mir sicher, dass das viele Menschen zuvor nicht wissen. So wie sie zu uns Therapeuten als fremde Menschen kommen, sind auch wir für sie unbekannt. Das erzeugt zwangsläufig auch Ängste."

Einladung zum Denken

Gastfreundschaft im Proksch-Institut in Kalksburg bedeute wiederum, dass sich die Ärzte ihrer Verantwortung bewusst sein müssen. Schon bei der Aufnahme von suchtkranken Menschen sind sie gefordert, eine Gratwanderung zu beschreiten: Um herauszufinden, welche Therapie und Medikation am besten wirken, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als ihre zunächst wildfremden Patienten zu fragen, wie viel Suchtmittel sie zu sich nehmen.

"Das erfordert viel Fingerspitzengefühl", erklärt Andorfer. Vor allem dann, wenn bereits Gefahr in Verzug ist und mit einer Behandlung nicht mehr zugewartet werden sollte. Gleichzeitig sollte aber durch das intime Nachfragen der Aufbau des gegenseitigen Vertrauens nicht torpediert werden.

Ist genügend Vertrauen hergestellt, kommt eine weitere wichtige Säule für eine gelungene Therapie (ebenso wie für ein gelungenes Essen) zum Tragen: die konstruktive Kritik. Ute Andorfer nennt ein Beispiel dafür: "Wenn ich für Gäste zu Hause koche, dann experimentiere ich gerne." Es sei ihr bewusst, dass Hühnerleber mit einem scharfen Zwetschkenchutney nicht bei allen auf große Gegenliebe stößt. "Doch ich bitte meine Gäste, wenigstens zu kosten und mir ehrlich zu sagen, ob es ihnen schmeckt." Für den Fall, dass es nicht mundet, hat sie immer Alternativen parat.

Spätestens seit der Flüchtlingskrise ab dem Sommer 2015 erhielt das Thema Gastfreundschaft auch eine brisante politische Dimension. Darüber wurde bei der Tagung an der Freud-Universität nicht referiert, darüber gibt es aber eine dezidierte Festellung von Institutsleiter Musalek: "Wer fremde Menschen wie Tiere in Lager sperrt, darf sich nicht wundern, wenn aus ihnen am Ende wilde Tiere werden."

Seine Kollegin Ute Andorfer kritisiert wiederum jene Politiker, die mit dem Winken eines Geldscheins Flüchtlinge auf schnellstem Weg wieder loswerden möchten: "Mir ist schon klar, dass wir sie nicht explizit zu uns eingeladen haben, und dass wir auch nicht unbedingt mit einer Gegeneinladung rechnen dürfen, aber das ist doch ungefähr so, als würde ich meinen Gästen einen Hunderter in die Hand drücken, damit sie möglichst flott mein Haus verlassen. Dadurch vergeben wir uns darüber hinaus Chancen, Neues kennenzulernen." Auch fehlt ihr der notwendige Hausverstand, wenn eine Gruppe junger arabischstämmiger Männer von einer Frau unterrichtet wird: "Die Vorstellung mag nicht in unser Weltbild passen, aber in einem ersten Schritt ist es für ihre Integration zielführender, wenn diesen jungen Männern ein Mann gegenübersteht."

Wichtig ist Andorfer auch dieser Hinweis: "Jemand kann sich bei uns nur wohlfühlen, wenn wir Interesse an ihm zeigen."

Auf der anderen Seite müsse selbstverständlich auch Kritik an den Gästen erlaubt sein: Wer nicht die deutsche Sprache lernen und sich auch sonst nicht an die für alle geltende Hausordnung halten will, müsse mit klaren Konsequenzen vonseiten der Hauseigentümer rechnen. "Wir haben uns, wenn wir andere Länder bereisen, auch an die dortigen Spielregeln zu halten."

Einladung zum Gehen

Die Therapeutin und Foodbloggerin hat eine To-do-Liste für gute Gastgeberschaft erstellt (siehe oben). Angaben zur Verabschiedung fehlen. Darauf angesprochen meint sie: "Gut, in meiner Praxis brauche ich dafür keine Extra-Erklärung, eine Therapiestunde ist mit fünfzig Minuten klar limitiert." Und im privaten Bereich? "Da lade ich Leute ein, die so wie ich genau wissen, wann es Zeit ist zu gehen. In dieser Hinsicht hat’s noch nie Probleme gegeben."

Der Interviewer blickt nun sorgenvoll auf seine Uhr, er möchte auf keinen Fall aus der Reihe tanzen. Keine weiteren Fragen. Danke für das interessante Gespräch!


Ute Andorfer ist klinische Psychologin, Psychotherapeutin und Foodbloggerin. Mehr unter: www.die-kuecheninsel.at
Sie arbeitet am Anton-Proksch-Institut und auch am Institut für Sozialästhetik. Das private Institut Ist eine interfakultäre Abteilung an der Wiener Sigmund-Freud-Privatuniversität. Mehr unter: http://sozialaesthetik.sfu.ac.at

Die Sozialästhetik sucht als eine humanwissenschaftliche Disziplin nach Konzepten, Modellen und praktischen Umsetzungsmöglichkeiten für psychische Gesundheit. Sie geht somit weit über oberflächliche Schönheits- und Attraktivitätsaspekte hinaus.

Die sechs wichtigsten Punkte für gute Gastgeber

Die Psychotherapeutin und Foodbloggerin Ute Andorfer hat Erfahrungen als Gastgeberin in ihrer Praxis und auch privat. Hier die wichtigesten sechs Punkte, kurz und prägnant zusammengefasst:

Gut vorbereiten

Wer sich vorab mit seinen Gästen ein wenig auseinandersetzt, wird auch ausreichend Gesprächsstoff finden.

Herzlich willkommen

Wichtig ist es, schon beim Ankommen der Gäste persönlich präsent zu sein. Wer schon zu Beginn eine gute, für alle angenehme Atmosphäre schaffen kann, legt die Basis für ein gelungenes Zusammensein.

Fehler machen

Nur wer gerne Gäste einlädt, kann als Gastgeber eine gute Figur abgeben. Dazu gehört auch, Fehler zu machen und diese nicht allzu zu ernst zu nehmen.

Authentisch sein

Mit der Idee, dass jeder Mensch ein Original ist, also auch der Gastgeber, darf man genau so sein, wie man ist.

Leidenschaftlich sein

„Das Brennen für den Moment schätzen Gäste am meisten an ihren Gastgebern.“

Fürsorglich sein, aufmerksam sein

Auch diese Eigenschaft unterscheidet gute von anderen Gastgebern.