Interview
08/26/2015

Bilanz nach zehn Jahren Rechtschreibreform

Christiane M. Pabst ist neue Chefredakteurin des Österreichischen Wörterbuchs.

von Uwe Mauch

Christiane M. Pabst ist die neue Chefredakteurin in jener Redaktion, die seit sechzig Jahren das Österreichische Wörterbuch herausgibt. Die Germanistin hat im Jubiläumsjahr die Agenden ihres pensionierten Kollegen Herbert Fussy übernommen.
Als Mitglied einer Arbeitsgruppe geht sie auch der Frage nach, inwieweit die Reform der Rechtschreibung in Österreich verstanden und umgesetzt wird, beziehungsweise für Probleme sorgt.

Kurier: Frau Pabst, schreiben inzwischen alle Menschen in Österreich „dass“ mit Doppel-S?
Christiane M. Pabst: Bei vielen stellt sich diese Frage nicht, weil ihnen der Unterschied zwischen das und dass (früher daß) nicht bewusst ist. Aber das führt direkt zur Diskussion, warum Grammatik in der Schule wichtig ist.

Auf die wir hier im Detail leider nicht eingehen können. Wem bereitet die Rechtschreibreform sonst noch Probleme?
Jedenfalls jenen, die umlernen mussten ohne entsprechende Hilfe, ohne dass ihnen ihre Firma einen Rechtschreibkurs angeboten hat. Zudem jenen Menschen, die keinen „Schriftlichkeits“-Beruf haben, aber trotzdem mit Schriftlichem zu tun haben.

Und in welchen Bereichen bereitet die Rechtschreibreform am meisten Probleme?
Im Wesentlichen bei den Fragen getrennt oder zusammen? sowie groß oder klein? Hier erscheinen die Regeln den Leuten oft nicht logisch.

Was hilft uns bei der Klein- bzw. Großschreibung?
Kurz gesagt: Klein schreibt man Wörter, bei denen man keinen Artikel davor stellen kann, zum Beispiel: Sie laufen gerne eis. Wird ein Hauptwort mit dem Zeitwort in der Nennform nicht zusammengeschrieben, bleibt das Hauptwort groß. Zum Beispiel: Angst haben.

Und beim Getrennt- bzw. Zusammenschreiben?
Auch da gibt es eine ganz praktikable Regel: Ist die Bedeutung nicht die tatsächliche, sondern eine übertragene, schreibt man das Wort zusammen. Der Unterschied wird bei folgendem Beispiel deutlich: Es wird ihr schwerfallen, (für Mühe verursachen) den Stein zu heben, der schwer fällt.

Kann Österreich Beistrich?
Nein, leider noch weniger als vor der Reform. Was schmerzt: Die Beistrichregelung wurde nämlich im Zuge der großen Reform 1996 vereinfacht. Die Mehrheit der Leute hat aber niemals die Regeln gelesen, dabei könnte man sie im Österreichischen Wörterbuch jederzeit wunderbar nachschlagen (lacht).

Ist die Reform auch für Menschen mit nicht-deutscher Muttersprache verständlich?
Die meisten Menschen, die Deutsch als Fremdsprache lernen, haben ganz andere Probleme: etwa die Verwendung der Artikel der, die, das oder die korrekte Bildung von Nebensätzen.

Wie wirkt sich die neue Rechtschreibung auf Ihre Arbeit in der Wörterbuch-Redaktion aus?
Es gab seit der großen Reform immer wieder kleinere Reformen. Jede Veränderung wird von uns in der nächsten Auflage umgesetzt.

Täuscht der Eindruck, dass in den sozialen Medien die Rechtschreibung kaum noch eine gravierende Rolle spielt?
Er täuscht ganz und gar nicht. Die sozialen Medien sind nahe an der gesprochenen Sprache. Wichtig ist, dass die Message ankommt. Tatsache ist, dass die alte Maßeinheit für Bildungsgrad, Klugheit und soziale Schicht in den sozialen Medien überhaupt keine Rolle mehr spielt.

Sind Rechtschreibprogramme ein Fluch oder ein Segen?
Ein Fluch für die Schülerinnen und Schüler, wie ich meine, weil damit Rechtschreibung nicht geübt und internalisiert werden kann. Ein Segen sind sie eigentlich nur für jene, die die Rechtschreibung ohnehin beherrschen. Weil der Computer den Sinn der Sätze nicht verstehen kann.

Noch ein Ausblick: Hat uns die SMS der Kleinschreibung nähergebracht als all die Germanisten, die sie seit Jahren fordern?
Gegenfrage: Aktivieren Sie immer die Großschreibtaste, wenn Sie eine SMS schreiben? Ich nicht. Meine Antwort ist somit: ja.

Mehr zum Thema: Die deutsche Sprache wird ständig um neue Wörter erweitert.

1994

Vertreter der Kultus- und Innenministerien Österreichs, der Schweiz und Deutschlands einigen sich mit Germanisten auf einen gemeinsamen Entwurf. Die Bemühungen für eine Reform reichen zu diesem Zeitpunkt bereits gut zehn Jahre zurück.

1996

In Wien wird eine gemeinsame Absichtserklärung unterzeichnet, die Reform wird aber nach einem politischen Hickhack nicht flächendeckend umgesetzt.

2006

Nach weiteren heftigen Debatten von Sprachwissenschaftern, Autoren und Politikern tritt am
1. August 2006 die korrigierte „Rechtschreibreform“ in kraft.

2007

Nach Ende einer einjährigen Übergangsfrist wird die bis heute gültige Reform per 1. August 2007 an den Schulen verbindlich.

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