Dieser Forscher will Mammuts klonen

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George Church, Star der Gentechnik-Szene, will die Malaria ausrotten und aus Elefanten Mammuts züchten.

Wenn George Church spricht, ist er jederzeit für eine Schlagzeile gut. Zuletzt wurde er 2013 weltweit sogar durch Boulevard-Medien gereicht – für einen Genetiker aus Harvard doch eher ungewöhnlich. Er hatte behauptet, das Klonen von Neandertalern sei schon bald möglich.

Heute spricht der Pionier der Gen-Sequenzierung in der Akademie der Wissenschaften über das Potenzial genomischer Technologien (How new genomic technologies will impact us all, 19:00, Dr. Ignaz Seipel-Platz 2, 1010 Wien). Church ist dazu prädestiniert wie kaum ein zweiter: Vor 25 Jahren startete das Human Genome Project, die Entschlüsselung des menschlichen Genoms. Was damals zehn Jahre dauerte, lässt sich durch technischen Fortschritt heute in kurzer Zeit durchführen. Das ist George Church mit zu verdanken. Mit dem KURIER sprach der Star der Gentech-Szene darüber, was ihn antreibt und woran er arbeitet.

Hirn im Glas

Zum Beispiel lässt Church derzeit in seinem Labor in Boston den Hippocampus, eine Gehirnregion, im Glas heranwachsen. Diese kleinen Gewebe im Bioreaktor sind für verschiedene Tests besser geeignet als Versuchstiere, denn es handelt sich um menschliche Zellen, erklärt Church. "Bestimmte Dinge, die man am Menschen testen möchte, wie Medikamente oder Gentherapien, könnte man genauso gut an kleinen Gehirnen im Labor ausprobieren."

Seine Projekte sind visionär und breit gestreut: Gentechnisch veränderte Bakterien, die CO2 in Kraftstoffe umwandeln oder Design-Moskitos, die helfen sollen, Malaria auszurotten. "Wir wollen die Mücke im Labor genetisch so verändern, dass sie keinen Schaden mehr anrichten kann, wenn wir sie wieder in die Umwelt entlassen." Das werde gerade in Gambia getestet, erzählt er.

Für seine Forschungen braucht Church eine Unmenge an Gen-Daten. Daher ist er auch mit gutem Beispiel vorangegangen und hat sein Erbgut, kaum, dass es entschlüsselt war, öffentlich gemacht: "Wenn man das Genom nicht teilen darf, ist alles andere sinnlos." Daher schuf Church 2005 das Personal Genome Project, das Genom-Daten mit Umweltfaktoren und Lebensstil verknüpft und veröffentlicht.

Begleitende Konzepte für die Sicherheit

Dass solche Projekte von straffen Sicherheitskonzepten begleitet werden müssen und neue ethische Grundsätze fordern, ist ihm klar. Er verstehe gut, dass die Österreicher große Angst um ihre Gesundheitsdaten hätten. "Ich habe auch vor Allem Angst", sagt Church und lacht. Aber das treibe ihn an. "Immer wenn ich mich vor etwas fürchte, tue ich etwas, um das Risiko zu verringern. Wenn man Angst davor hat, dass ein Asteroid die Erde trifft, muss man eben ein Abwehrsystem bauen." Und weiter: "Wenn jemand die Information über sein Erbgut nicht teilen will, bin ich unbedingt dafür, dass er das kann. Jeder sollte das Recht an seinem Genom haben. Und auch das, es nicht zu teilen."

Neanderaler klonen?

Bleibt nur noch eine Frage: Wie steht es mit dem Klonen von Neandertalern? Church: "Was man sich bei jedem Klonversuch an ausgestorbenen Arten fragen muss – überwiegen die Vorteile oder die Risken? Erstere sind völlig unbekannt, zweitere hoch. Also: Was hätten wir davon, Neandertaler zu klonen?"

Was der Genetiker aber sehr wohl voran treibt: "Wir arbeiten derzeit an Mammuts, denn hier überwiegen die Vorteile." In seinem Labor wachsen Stammzellen von Elefanten in Zellkulturen – und ihre Veränderung in Richtung Mammut hat bereits begonnen. "Wir besitzen bereits die vollständige Erbinformation von Mammuts aus zwei verschiedenen Regionen." Die Qualität der Daten sei sehr gut.

Das Ergebnis wäre kein Mammut wie in der Eiszeit, sondern ein mammutähnlicher Elefant, räumt Church ein. "Die Tiere werden aussehen wie Mammuts und sich auch so verhalten. Man muss gar nicht jede Position im Erbgut verändern, um eine solche Wirkung zu erzielen."

Klon-Mammut für Öko-Balance

Die Mammut-Elefanten könnten in der Steppe Sibiriens die ökologische Funktion des Mammuts ausüben, spekuliert Church. Und dass seine Wiedergeburt zweifelsohne Vorteile hätte, denn das Mammut sei eine Schlüssel-Spezies gewesen. Als es ausstarb, hatte das dramatische Folgen für das ganze Ökosystem. Die Steppe und ihre ökologische Vielfalt verschwanden. "Derzeit werden Experimente in Sibirien gemacht, die zeigen, dass die Mammuts dabei helfen könnten, die Tundra kalt zu halten", erzählt der Genetiker. Mammuts würden den Schnee niedertrampeln, wodurch die Kälte besser gespeichert würde. Das sei wichtig. Denn wenn es immer wärmer wird, werde der Permafrost tauen, in dem extrem viel Treibgas gespeichert ist.

Wie weit er mit seinen Mammut-Klon-Versuch ist? "In einer Dekade könnte es soweit sein."

Zur Person

Forscher und Visionär

Der Forscher der Harvard University ist eine der Schlüsselfiguren der US-Gentech-Szene, war Teil des Human Genome Projects, mit dem  Ziel, das menschliche Erbgut zu entschlüsseln. Er war einer der ersten, dessen Genom vollständig entziffert und veröffentlicht wurde.  In seinem Labor in Boston simuliert er Evolutionsprozesse und ist Wegbereiter der synthetischen Biologie.

(kurier) Erstellt am
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