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12/05/2011

Frühe Bildung spart Sozialhilfe

Frühförderung als billigste Sozialpolitik: Vorausgesetzt, der Staat hilft Kindern bildungsferner Schichten.

von Ute Brühl

Jeder fünfte Jugendliche kommt aus der Schule und kann nicht sinnerfassend lesen. Auch die Grundrechnungsarten beherrschen viele nicht. Diesen jungen Menschen hat der deutsche Autor Felix Berth ein Buch gewidmet: "Die verschwendete Kindheit".

Seine auf Studien basierende These: Mittelschicht-Eltern machen ihre Sache meist "gut genug". Anders sieht es in Problemvierteln aus. Dort schaffen es die Eltern oft nicht, ihr Kinder auf die Schule vorzubereiten. Und das trifft Migranten und Inländer gleichermaßen. Deshalb brauchen diese Familien besondere Unterstützung in Form von gut ausgestatten Kindergärten, die für diese Eltern überall gratis sein müssen.

KURIER: Was war Ihr Antrieb, sich mit dem Thema zu beschäftigen?
Felix Berth:
Ich bin studierter Ökonom und Historiker. Als solcher frage ich mich: Wie setzt ein Staat seine knappen Mittel am sinnvollsten ein? Am sinnvollsten ist es, in die Bildung sogenannter bildungsferner Schichten zu investieren. Außerdem tun mir die Kinder, die keine Chance haben, leid.

Warum soll der Staat sich für diese Kinder besonders einsetzen? Ist das nicht ungerecht gegenüber anderen?
Frühe Bildung ist die billigste Variante der Sozialpolitik. Studien zeigen: Unterschicht-Kinder, die früh einen Kindergarten besuchen, finden eher einen Job und werden seltener
kriminell als solche, die bis zur Einschulung nur zu Hause sind.

Werden diese Kinder nicht stigmatisiert, wenn man sie in ein besonderes Frühförderprogramm steckt?

Diese Kinder sind so oder so stigmatisiert. Sie spüren, dass sie nicht zur bürgerlichen Mittelschicht gehören - Kinder sind Realisten.

Sie behaupten, dass Mittelschicht-Eltern sich oft gegen die "Bevorzugung" der Kinder aus den Problemvierteln sträuben. Warum ist das so?
Sie wollen für ihre Kinder nur das Beste und befürchten, dass das Geld dann in den Kindergärten ihrer Schützlinge fehlen. Und sie wollen auch nicht, dass ihre Söhne und Töchter in Kindergärten oder Schulen gehen, in denen mehrheitlich Kinder aus der Unterschicht sind. Um das zu vermeiden, übersiedeln manche Eltern sogar in andere Stadtbezirke. Ich kann diese Angst, dass dem eigenen Kind Chancen genommen werden könnten, auch nachvollziehen. Bloß sollte sich ein Staat überlegen, wie er politisch damit umgeht.

Wie könnte die Politik also argumentieren, wenn sie mehr Ressourcen in die Problemviertel stecken?
Die Rendite für den Staat und somit für die Gesellschaft ist sehr hoch. Wissenschaftlich fundierte Berechnungen kommen auf sieben Prozent pro Jahr - aber nur bei den Kindern aus stark benachteiligten Familien, nicht bei denen die in behüteten Familien aufwachsen. Eine höhere Rendite kann der Staat in keinem anderen Bereich erzielen. Dabei gilt: Je früher gefördert wird, desto höher ist der Gewinn. Die späteren Sozialausgaben verringern sich, die Steuereinnahmen steigen. Zugespitzt formuliert: Ein Jugendzentrum bringt weniger als ein Kindergarten.

Aber was hat der Einzelne davon?
Ich glaube, die Krawalle von London haben viele Menschen zum Nachdenken gebracht. Die Mittelschicht ahnt: Bildung ist ein Teil der Prävention. Außerdem sehe ich immer mehr politisch bewusste Eltern, die sagen: "Mir geht es gut. Ich unterstütze diejenigen, denen es weniger gut geht." Da ist Bürgersinn gefragt.

Wie profitiert das Kind von der Frühförderung?

Eine gute Bildung ist die beste Voraussetzung für ein gelingendes Leben. Wenn man jungen Menschen damit früh helfen kann, sollte man es auch tatsächlich tun.

Ihre persönliche Prognose. Werden die Politiker in Europa es schaffen, ein System zu etablieren, das diese Kinder aus dem Teufelskreis befreit?
Ich habe die Hoffnung nicht völlig verloren. Es ist mittlerweile wissenschaftlicher Konsens, dass wir in jene Kinder besonders investieren müssen, die ohne Hilfe eines Tages aus der Schule gehen, ohne rechnen und schreiben zu können. Das hat sich bis zu den Entscheidungsträgern herumgesprochen. Es wird sich bereits in wenigen Jahren zeigen, was da Politiker leisten können.

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