Leben
26.03.2015

"Frankl hat mein Leben gerettet"

Vor 110 Jahren kam der große Sinnsucher zur Welt. Heute eröffnet das erste Frankl-Museum.

Eine Dekade ist es her, da war Petra Deli-Kolros in einer schweren Krise – unheilbar krank, ausgelaugt, verzweifelt, weil der Ehemann zeitgleich mit einem Herzinfarkt im Krankenhaus lag, wusste sie nicht mehr, wie es weitergehen sollte. "Der Hausarzt schickte mich zu einer Logotherapeutin." Logotherapie? Sinnlehre? Viktor Frankl? "Ich hatte keine Ahnung davon."

Heute schon: Sie hat gelernt, den Blick darauf zu richten, "was trotz all der Probleme in meinem Leben gelungen ist. Wo habe ich bei all dem Leid Gestaltungsmöglichkeiten? Ich habe begonnen, ein Tagebuch der guten Dinge zu führen, in dem ich täglich drei Erlebnisse notiere, die heute gut waren. Das ändert den Blick auf das Leben."

Nach und nach hat Deli-Kolros ihr Leben umgekrempelt – "das war ein Kraftakt". Heute sagt sie: "Ich bin gesundheitlich stabil. Frankl hat mein Leben gerettet."

Sinnlehre vs. Sinnleere

Der Psychologe Viktor Frankl hat das, was er predigte, selbst durchlitten. Vor dem Zweiten Weltkrieg entwarf er mit seinem Manuskript "Ärztliche Seelsorge" die Logotherapie, die dritte Schule der Wiener Psychotherapie. Ihr Ansatz: Den Menschen zu helfen, Sinn in ihrem Leben zu finden – wenn es sein muss, auch in ihrem Leiden, sofern es unveränderbar ist. Als er 1942 ins Konzentrationslager musste, war er sein erster Patient: "Indem ich mir vorstellte, ich stehe in einem warmen Vortragssaal und rede über die Situation eines KZ-Häftlings, habe ich versucht, all das Leid, das uns umgab, zu objektivieren und mich damit davon zu distanzieren."

Nach dem Krieg schrieb sich Frankl diese Erlebnisse in "Ein Psychologe erlebt das KZ" von der Seele. Unter dem Titel "... trotzdem Ja zum Leben sagen" verkaufte sich dieses Stück angewandte Logotherapie zehn Millionen Mal weltweit.

Schon vor dem Krieg hatte er versucht, Jugendlichen zu helfen, indem er Arztkollegen animierte, ihre Praxis ein, zwei Stunden für sie zu öffnen – kostenlos. Mit Erfolg: "1930 gab es erstmals seit langer Zeit keinen Schüler-Selbstmord", sagt die Logopädagogin Elisabeth Gruber, die auch Vorstand des Viktor Frankl Zentrums Wien ist. Diesen präventiven Ansatz habe man sich zum Vorbild genommen: "Wir wollen nicht so lange warten, bis die Menschen verzweifeln, weil sie in ihrem Leben keinen Sinn finden und krank werden."

Workshops

Vor zehn Jahren startete man mit einigen wenigen Schüler-Workshops. Heute nutzen an die 10.000 Besucher jährlich das Programmangebot – Ausstellungen, Vortragsreihen, Workshops, Impuls-Abende, Repetitorien und Lehrgänge. Dort wird ihnen die Logotherapie vermittelt, deren Erfolg auch darauf beruht, dass sie relativ schnell funktioniert. "Sie gibt den Menschen, auch psychisch Kranken, die Würde zurück: Du selbst hast alles, um dein Leben sinnvoll und schön zu gestalten. Das trifft den Nerv der Zeit", sagt Logopädagogin Gruber.

Kein Wunder, dass sich in Frankls Nachlass viele Tausende Briefe finden, die die enorme Wirkung belegen, die er auf Menschen hatte und hat – ganz einfache Leuten schreiben da, "ich habe dieses oder jenes gelesen und es hat mein Leben verändert". Daher wird viel vom Sinnfinder Frankl bleiben, etwa sein Menschenbild: "Jede Person ist neu, einmalig, unersetzbar, und meine Person und der Sinn korrespondieren miteinander."

Hin und wieder sei es schon ein bisschen mühsam, wenn Menschen in ihre Privatwohnung wollen, erzählte Frankls zweite Frau "Elly" einmal freundlich-verständnisvoll in einem Interview mit dem KURIER: "Er hat vielen Menschen über schreckliche Situationen hinweggeholfen und da hatten sie das Bedürfnis, ihn aufzusuchen, wenn sie in Wien sind. Viele wissen nicht, dass es die Privatwohnung ist. Sie glauben, es handelt sich um ein Museum."

Das ist ab heute Geschichte: Gleich neben der Franklschen Wohnung in der Wiener Mariannengasse hat das Frankl-Museum eröffnet.

Viktor Frankl, der Urururururur-Enkel des Rabbi Löw

Vier Buchstaben dominierten sein Leben – ein S, ein I und zwei N. Kein Wunder, interessierte sich doch schon der Mittelschüler Viktor Frankl für Psychologie. Seinen ersten einschlägigen Vortrag hielt er mit 16 Jahren zum Thema „Der Sinn des Lebens“.

Viktor Emil wurde am 26. März 1905 in Wien-Leopoldstadt als zweites Kind von Gabriel und Elsa Frankl geboren. Der Vater war Parlamentsstenograf. Die Mutter kam aus einer Patrizierfamilie, die auf den berühmten Rabbi Löw zurückgeht, der im 16. Jahrhundert in Prag gelebt hatte und durch den Mythos vom Golem berühmt geworden war.

Viktor studierte Medizin und Philosophie. Nach Kriegsausbruch ließ er ein US-Visum verfallen, um bei seinen Eltern bleiben zu können. 1942 wurde er mit ihnen ins KZ Theresienstadt verschleppt. Dort verlor er Mutter, Vater, Bruder und seine erste Frau Tilly. Dennoch sagte er später, dass er dort „eine der schönsten Stunden“ seines Lebens verbracht habe, weil er seinem Vater bis zur letzten Stunde beistehen konnte.

Drei Jahre verbrachte Frankl in vier Konzentrationslagern, ehe er am 27. April 1945 – seinem „zweiten Geburtstag“ – aus dem Lager Dachau-Türkheim befreit wurde. Er hatte als Einziger seiner Familie (außer seiner nach Australien emigrierten Schwester Stella) überlebt.

1946 lernte er die Zahnarzt-Assistentin Eleonore kennen – die Wende in seinem Leben. Die beiden heirateten, haben eine Tochter, Enkel und Urenkel.

Einer von Frankls legendären Aussprüchen – bezogen auf seine Höhenangst – war: „Ich muss mir von mir nicht alles gefallen lassen.“ Und so machte er den Flugschein und das Bergführer-Abzeichen. Drei schwierige Klettersteige wurden nach ihm benannt. Frankl hat 32 Bücher geschrieben, die in 31 Sprachen übersetzt wurden. Eines davon (Man’s Search for Meaning, Trotzdem Ja zum Leben sagen) wurde weltweit zehn Millionen Mal verkauft. Laut der Library of Congress in Washington ist es „one of the ten most influential books in America“.

„Wen soll ich hassen? Ich kenne ja nur die Opfer, aber nicht die Täter, zumindest kenne ich sie nicht persönlich – und ich lehne es ab, jemanden kollektiv schuldig zu sprechen“, sagte er 1988 am Heldenplatz anlässlich 50 Jahre Hitler-Einmarsch.

Frankl beschäftigte weniger die Furcht vor dem Tod, eher die Frage, „ob nicht die Vergänglichkeit des Lebens dessen Sinn zunichte macht“. Die Antwort, die schon der jugendliche Viktor fand: „In mancherlei Hinsicht macht der Tod das Leben überhaupt erst sinnvoll.“ Frankl starb am 2. September 1997.

"Wenn nichts mehr änderbar ist – mein Selbst ist noch änderbar. Man kann aus der Welt gehen als besserer Mensch."

"Viel wichtiger als die aktuelle ökonomische und ökologische Krise ist die Krise des Sinns. Nietzsche hat einmal gesagt: ,Wer ein Warum zu leben hat, verträgt fast jedes Wie.‘"