Leben
15.10.2017

Wenn Männer ihre Macht missbrauchen

Machtstrukturen werden noch immer ausgenützt. Das liegt auch an einem veralteten Männerbild.

Am Ende reichte der Mut einer Einzelnen, um einen der mächtigsten Männer Hollywoods zu Fall zu bringen. Nach 20 Jahren des Schweigens berichtete die Schauspielerin Ashley Judd der New York Times vor einer Woche über ihr verstörendes Erlebnis mit Harvey Weinstein, 65: Der erfolgreiche Filmproduzent hatte ein geschäftliches Treffen kurzerhand in seine Hotelsuite verlegt, im Bademantel die Tür geöffnet, ihr angeboten, sie zu massieren und sie gefragt, ob sie ihm beim Duschen zusehen wolle. "Wie komme ich so schnell wie möglich aus diesem Zimmer, ohne Harvey Weinstein gegen mich aufzubringen?", sei ihr durch den Kopf gegangen, so Judd.

Die couragierte Enthüllung löste einen Dominoeffekt aus: Immer mehr Frauen gingen mit ähnlichen Episoden an die Öffentlichkeit, darunter die Hollywoodstars Rose McGowan, Heather Graham, Angelina Jolie und Gwyneth Paltrow. Die Eskapaden des fünffachen Familienvaters seien in der Branche seit Jahrzehnten ein offenes Geheimnis gewesen, ließen die Opfer anklingen. Aber welche aufstrebende Schauspielerin legt sich gerne mit dem Mann an, der ihre Karriere entscheidend vorantreiben könnte?

Der Fall Weinstein lässt Erinnerungen wach werden (siehe unten): 2011 stolperte der ehemalige französische Finanzminister Dominique Strauss-Kahn über einen Sex-Skandal; vor einem Jahr rühmte sich US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump damit, Frauen einfach zwischen die Beine zu greifen (eine Aussage, die er nachher lakonisch als "Umkleideraumgerede" abtat).

Das Muster? Klar: Mächtiger Mann jenseits der 50 vergeht sich an (viel) jüngerer Frau, die ihm hierarchisch unterstellt ist. Die schweigt – aus Scham, aus Angst, Job oder Glaubwürdigkeit zu verlieren. 80 Prozent der Frauen, die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebten, meldeten den Vorfall nicht, zeigte eine Untersuchung der britischen Feministin Laura Bates ("Everyday Sexism Project"). Von denen, die sich an ihren Arbeitgeber wandten, sagten 75 Prozent, es habe sich danach nichts getan.

Täter-Opfer-Umkehr

In Österreich werden drei von vier Frauen Opfer von sexueller Belästigung, geht aus einer Studie des Instituts für Familienforschung hervor. Viele schweigen aus Angst vor "Victim-Blaming", berichtet Ursula Kussyk. Die diplomierte Sozialarbeiterin berät seit 1991 Opfer von sexueller Gewalt (www.frauenberatung.at). "Frauen fürchten, dass der Vorfall auf sie zurückfallen könnte. Viele suchen die Schuld bei sich, glauben, dass sie zu nett waren oder zu freizügig angezogen."

Wo liegt die Grenze zum Sexismus? Frauen sollten auf ihr Bauchgefühl hören, sagt Kussyk. "Man kann sich fragen: Wertet mich das Kompliment auf? Oder verniedlicht und erniedrigt es mich?" Alarmierend sei etwa, "wenn mein Chef, der sich null für Mode interessiert, plötzlich meinen kurzen Rock lobt". Ein Problem gebe es immer noch, sagt Kussyk: "Frauen wird grundsätzlich nicht geglaubt. Die Erste, die etwas sagt, braucht daher besonders viel Mut." Danach könne es aber zu einem Dominoeffekt, siehe Ashley Judd, kommen: "Es ist toll, wenn sich viele Frauen solidarisch zeigen."

Schuld an den Vergehen mächtiger Machos ist ein antiquiertes Männerbild, ist der Männerforscher und Therapeut Erich Lehner überzeugt. "Männer werden in unserer Gesellschaft darauf hinsozialisiert, groß, stark und durchsetzungsvermögend sein zu müssen. Dieses Bild, das in den Sechzigern in der westlichen Welt so dominant war, ist heute leider immer noch präsent." Das betreffe vor allem Männer, die – wie Weinstein oder Trump – mit diesen Idealen groß wurden und später in Positionen kamen, wo andere von ihnen abhängig sind. "Gegenüber Frauen bekommt diese Form der Machtdemonstration eine sexuelle Note. Indem man viele Frauen hat, kann man an Männlichkeit gewinnen. Davon lebt dieses traditionelle Männerbild", so Lehner.

Lebensformen ändern

Dass sich Männer häufig als Opfer ihres Triebes sehen – Stichwort: "Ich kann halt nicht anders" –, sei "Blödsinn", sagt der Forscher. "Sexualität ist kein 100-prozentiger Trieb, sondern eine kulturell geformte Fähigkeit. Womit wir wieder beim Männerbild wären. Das ist über Jahrhunderte gewachsen und hat massiv mit der Trennung außen/innen zu tun – Männer machen Karriere, Frauen kümmern sich um die Kinder." Darin liege auch der Schlüssel zur Lösung. "Wir können das Bild nur verändern, indem wir die Lebensformen der Männer ändern – etwa, dass sie verstärkt in die Pflege gehen. Amerikanische Unternehmen haben das erkannt: Sie schicken ihre Manager nicht in Kommunikationsseminare, sondern einen Monat ins Altersheim."

Es werde dauern, bis sich ein neues Rollenbild durchsetzt, glaubt Lehner. Der Fall Strauss-Kahn etwa habe zwar Weinstein nicht von seinen Taten abgehalten – bei jungen Männern könnte er aber sehr wohl eine Sensibilisierung, ein Umdenken bewirken. Weinstein gab sich indes geläutert und kündigte an, in einer Therapie seine "Dämonen" besiegen zu wollen. Der tiefe Fall des einstigen Moguls lässt sich aber nicht mehr aufhalten.

Kurz vor der US-Wahl wandten sich zwei Frauen an die Öffentlichkeit: Donald Trump(71) habe sie gegen ihren Willen angefasst und auf den Mund geküsst, eine im Flugzeug, eine im Aufzug. Der Republikaner bestritt die Vorwürfe. In einem Video von 2005 ist zu hören, wie er mit sexuellen Übergriffen prahlt: „Wenn du berühmt bist, kannst du dir alles erlauben.“

Auch der Internetriese Amazon wurde kürzlich von einer Missbrauchsaffäre eingeholt: Wegen Belästigungsvorwürfen einer Mitarbeiterin wurde Studioleiter Roy Price (50) vergangene Woche beurlaubt. Er
habe der Filmproduzentin in einem Taxi gesagt, sie werde seinen Penis lieben, und ihr auf einer Party das Wort „Analsex“ ins Ohr geflüstert.

Mehr als 50 Frauen werfen Bill Cosby(80), dem gutmütigen Familienvater aus der „ Cosby Show“, sexuellen Missbrauch vor – u. a. soll er einer kanadischen Basketballspielerin Medikamente gegeben und sie vergewaltigt haben. Im ersten Prozess konnten sich die Geschworenen nicht einigen – im April steht er erneut vor Gericht.
Im April berichtete die New York Times, TV-Moderator Bill O’Reilly (68) habe Schweigegeld in Höhe von 13 Millionen Dollar an fünf Frauen gezahlt, die ihm sexuelle Belästigung vorgeworfen hatten. Kurz darauf trennte sich sein Sender Fox Newsvon ihm. In einem kürzlich ausgestrahlten Interview beschuldigte O’Reilly die Mainstream-Medien: „Sie wollen nicht nur Trump zerstören, sondern auch jeden, der ihn gewählt hat.“

Am 14. Mai 2011 fand die Karriere des damaligen Chefs des Internationalen Währungsfonds (IWF) ein jähes Ende: Polizisten verhafteten Dominique Strauss-Kahn (68), weil ihn ein Zimmermädchen beschuldigte, sie in seiner Suite zu Oralsex gezwungen zu haben. Immer mehr Vorwürfe wurden laut, u. a. soll DSK an illegalen Sexpartys teilgenommen haben.