Fall Boateng: Nachbarn, die nicht jeder will

Football Soccer - Germany v Slovakia - Internation
Foto: REUTERS/MICHAELA REHLE .

Der KURIER hat nachgefragt, wie es dunkelhäutigen Menschen bei der Wohnungssuche geht.

"Jérôme zieh neben uns ein." Bei Spielen der deutschen Nationalmannschaft halten Zuschauer Schilder hoch, um ihrem Fußballhelden Jérôme Boateng den Rücken zu stärken. Seit der Aussage des AfD-Politikers Alexander Gauland "Die Leute finden den Weltmeister als Fußballer gut. Sie wollen ihn aber nicht als Nachbarn haben" kochen die Emotionen in Deutschland hoch.

Boateng, gebürtiger Berliner, Sohn einer Deutschen und eines Ghanaers, findet es nur "traurig, dass man sich das noch anhören muss. Dass das noch möglich ist". Während sich die Deutschen reihenweise hinter ihren Fußballer stellen und ihn sich als Nachbar wünschen, wird eine Tatsache hinter Gaulands Aussage ignoriert – dunkelhäutige Menschen sind als Nachbarn tatsächlich nicht gern gesehen. Nicht nur in Deutschland.

Freundliche Absagen

Fatou (Name geändert) hat an einigen EU-Projekten zu dem Thema mitgearbeitet und kennt unzählige Beispiele – allen voran ihr eigenes. Sie stammt von der Elfenbeinküste, ist aber auch Französin – vor fünf Jahren verschlug es sie nach einem Erasmus-Aufenthalt nach Wien. Mit ihrem italienischen Mitbewohner besichtigte sie fast fünf Monate lang wöchentlich bis zu drei Wohnungen in Wien. "Wir wurden freundlich empfangen, aber dann gab es immer Absagen. Oder der Vermieter wollte plötzlich deutlich mehr Geld als im Inserat angegeben war", erzählt Fatou auf Deutsch mit französischem Akzent. "Ich kann nicht sagen, dass die Leute offen rassistisch waren, aber wir haben uns oft gewundert. Ich dachte, wir hätten wohl bessere Chancen, wenn mein (hellhäutiger, Anm.) Mitbewohner alleine zur Besichtigung geht."

Wohnungssuche, Afrikaner… Foto: KURIER/Gerhard Deutsch Geht es nach einer europäischen Wertestudie, die zwischen 2008 und 2010 durchgeführt wurde, wollen zwei von zehn Österreichern keinen Nachbarn mit anderer Hautfarbe. Im "Schattenbericht" des European Network Against Racism ist Österreich explizit als eines jener Länder genannt, in denen dunkelhäutige Menschen offen diskriminiert werden.

Als Fatou letztendlich eine Wohnung fand – über Bekannte –, kam das nächste Problem auf: "Eines Nachmittags hatte ich Besuch von einem Freund und kurz darauf hat mein Vermieter uns Besucher verboten. Seine Begründung: Die Nachbarn haben Angst."

Ein entspannter Umgang mit den Nachbarn ist für dunkelhäutige Menschen nicht immer einfach. Davon kann vor allem DJ Taff von "Radio Afrika" erzählen. Der Gambier kam vor zehn Jahren als Flüchtling nach Österreich. "In Afrika ist es Pflicht zu grüßen. Die Leute heißen dich willkommen und entscheiden am Ende des Tages, ob du gut oder schlecht bist. Hier musst du darum kämpfen, um als Nachbar zu gelten."

Wohnungssuche, Afrikaner… Foto: KURIER/Gerhard Deutsch In einer anderen Wohnung behielt sich der Vermieter beim Ausziehen die 2800 Euro Kaution ein – "es ging um Abnutzungsschäden. Etwa, dass die Jalousien klemmten oder dass der Badezimmerschrank von der Feuchtigkeit aufgequollen war", erzählt DJ Taff, der sich daraufhin Hilfe von der Mietervereinigung holte. "Die hat mir 500 Euro zurückerkämpft, doch die gingen für die Anwaltskosten drauf."

Keine Frage des Geldes

Die verhaltene Willkommenskultur in Bezug auf Wohnungen dürfte auch unabhängig von Geld und Ort gelten. Fatou erzählt von einem Fall: Ein UN-Mitarbeiter von der Elfenbeinküste wollte sich im grünen Wiener Bezirk Josefstadt eine Wohnung kaufen. Nach mehreren Absagen ohne Begründung bekam er letztendlich eine Erklärung: Jemand wie Sie kann nicht in dieser Nachbarschaft leben.

Alexis Neuberg, Gründer und Obmann von Radio Afrika hat es sich zur Aufgabe gemacht, dunkelhäutigen Mitmenschen auf Wohnungssuche unter die Arme zu greifen. "Die Menschen trauen sich oft gar nicht mehr, Wohnungen anzufragen. Wir arrangieren alles und finden andere, die für sie alles so weit vorbereiten, dass die Vermieter keinen Rückzieher mehr machen können."

Ein Bekannter von Fatou stammt aus der Dominikanischen Republik, lebt seit 20 Jahren in Österreich und hat auch die Staatsbürgerschaft. Bei seiner Wohnungssuche lautet die erste Frage immer: "Woher kommen Sie?" Ob Jérôme Boateng das bei der Suche nach einer Wohnung auch gefragt wird? Oder David Alaba in Österreich? "Nein, aber sein Cousin wird das bestimmt gefragt."

(kurier) Erstellt am
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