Leben
20.02.2018

Warum immer mehr Menschen Schmerzvolles teilen

Eine aktuelle Studie zeigt, dass Facebook für viele Menschen mittlerweile Teil des Heilungsprozesses ist.

Mehr als fünf Millionen Frauen weltweit teilten auf Twitter im Lauf der #MeToo-Bewegung offen ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung, auch auf Facebook und in anderen Social-Media-Kanälen schrieben bis heute mehrere Millionen Frauen offen darüber. Die sozialen Netzwerke werden immer mehr zu einer Plattform für schmerzhafte, persönliche und oft stigmatisierte Erlebnisse – die schönen und leichten Dinge des Lebens werden zwar von vielen nach wie vor geteilt, viele Menschen entscheiden sich aber dafür, auf ihren Accounts Dinge anzusprechen, die so gar nicht lustig und fröhlich sind, meint Nazanin Andalibi, Autorin einer aktuellen Studie der Drexel University in Philadelphia zur Frage, warum und wie Menschen soziale Netzwerke nutzen, um traumatische Erlebnisse zu teilen.

Andalibi und ihre Kollegen führten Interviews mit Frauen, die eine Fehlgeburt erlitten hatten und die darüber auf Social Media berichteten. Nach wie vor ist der Verlust eines ungeborenen Kindes stigmatisiert, viele Frauen leiden stark darunter, es kommt gehäuft zu Depression und Posttraumatischer Belastungsreaktion. Auch ihre Beziehungen und die eigene Identität werden beeinflusst. Nicht immer sind die Reaktionen positiv oder unterstützend, wenn Frauen über eine Fehlgeburt sprechen. Warum also berichten einige darüber in sozialen Netzwerken?

Teil der Heilung

Einer der Gründe ist laut den Studienautoren, dass Social Media heute Teil des Heilungsprozesses sind. „Die meisten Menschen müssen stigmatisierte Lebensereignisse und Gefühle, die damit zusammenhängen, mit anderen teilen. Viele tun dies aber nicht und leiden in der Folge unter der psychischen Belastung, ein Geheimnis mit sich zu tragen“, sagt Andalibi. Indem ein schmerzvolles Ereignis, etwa eine Fehlgeburt, in sozialen Netzwerken geteilt wird, behalten Menschen die Kontrolle über diese Erfahrung. Über den Verlust zu schreiben kann dazu beitragen, schwierige und ungewollte Fragen zu vermeiden und gleichzeitig den Verlust selbst in den Griff zu bekommen. Postings über die eigene Fehlgeburt wurden von den befragten Frauen auch als eine Möglichkeit gesehen, das Baby zu ehren, sich selbst daran zu erinnern und soziale Unterstützung zu erhalten.

Nur einmal erzählen

Eine weitere Motivation sich auf Facebook und Co. zu öffnen, ist laut der Studie der Vorteil vielen Menschen gleichzeitig von einem Erlebnis zu berichten. Viele Frauen fanden Postings in sozialen Netzwerken einen effizienten Weg ihre schmerzvolle Geschichte einmal zu erzählen und sie nicht immer wieder in Einzelgesprächen wiederholen zu müssen. Dies wurde als deutlich schwieriger und schmerzhafter empfunden als sein Erlebnis einmal aufzuschreiben und so gleichzeitig mehrere wissen zu lassen.

Ich hatte Freunde, die weinten, als ich ihnen von der Fehlgeburt erzählte. Ich möchte nicht mit den Tränen von jemand anderem dazu umgehen müssen. Auf Facebook muss man das nicht.“

"Ich wollte nicht mit Menschen darüber reden, weil ich nicht mit ihren Gefühlen dazu umgehen wollte“, erzählte eine Studienteilnehmerin. „Ich wollte nicht das Gefühl haben, dass ich mit ihren Gefühlen umgehen musste… das ist einfacher bei Social Media, weil die anderen nicht direkt vor mir sind."

Unterstützung fällt leichter

Einträge auf Facebook erleichtern auch anderen, ihre Unterstützung auszudrücken oder eigene ähnliche Geschichten zu erzählen, in der Hoffnung, der betroffenen Person zu helfen sowie die Stigmatisierung eines Themas zu reduzieren. Postings von schmerzvollen Erfahrungen inspirieren meist andere, ebenfalls Erfahrungen zu teilen. Die Studienautoren nennen dieses Verhalten „gegenseitige Offenbarungen auf Netzwerkebene“ („Network-Level Reciprocal Disclosures“). Die Forscher gehen davon aus, dass wenn andere das Posting sehen, Betroffene wissen und fühlen, dass sie nicht die einzigen sind, die eine Fehlgeburt bzw. ein anderes einschneidendes Erlebnis erlitten haben.

Beobachten sie die positiven und unterstützenden Kommentare zu einem solchen Posting, empfinden Betroffene, dass das Teilen ihres schmerzvollen Erlebnisses angemessener ist als sie ursprünglich vielleicht dachten.

#MeToo inspirierte

Dies erklärt auch den Verlauf der #MeToo-Bewegung. „Wenn sie andere sehen, die #MeToo sagen, fühlen sich jene, die auch etwas dazu posten, inspiriert und sicher dies auch zu tun. Sie wollen eine Quelle der Unterstützung für weitere sein. Es ist wahrscheinlich, dass die Enthüllungen anderer ihnen das Gefühl geben, nicht alleine zu sein, und dass es andere in ihrem Leben gibt, die Missbrauch erfahren haben“, meint Andalibi.

Manche könnten den Hashtag #MeToo auch genutzt haben, um Kontrolle über ihre eigene Geschichte zu erlangen, als Teil des Heilungsprozesses, um Unterstützung von anderen zu erfahren und auch um eine gesellschaftliche Diskussion in Gang zu setzen. Das Veröffentlichen von persönlichen Postings zu bereits kursierenden Hashtags wie #MeToo hängt auch damit zusammen, dass Frauen und Männer, an etwas Größerem teilnehmen möchten. Sie fühlen sich berufen, ihre eigenen Erlebnisse zu einer größeren Bewegung beizusteuern, obwohl sie diese vielleicht sonst nicht veröffentlicht hätten.

Große Überwindung

Dennoch ist für viele die Überwindung groß. Von den in der Studie befragten Frauen sagten einige, dass sie zunächst ihre Geschichten anonym teilten, etwa in Foren, um zu sehen, wie die Reaktionen ausfallen. Erst in einem weiteren Schritt trauten sie sich ihre Erfahrung auch auf Facebook zu posten, wo Menschen mitlesen, die sie persönlich kennen. Sie konnten so die Angst vor dem Teilen ihrer Geschichte reduzieren. Die Möglichkeiten anonymer Enthüllungen haben den Weg für Enthüllungen auf Facebook vor vertrauten Menschen geebnet, schreiben die Studienautoren.

Unabhängig davon, warum Menschen posten, helfen persönliche Beiträge von schmerzvollen und traumatischen Ereignissen anderen, sich zu öffnen und entweder selbst in sozialen Netzwerken oder in persönlichen Gesprächen sich jemandem anzuvertrauen. Längerfristig kann so nicht nur auf der individuellen Ebene das Verarbeiten erleichtert werden, sondern auch gesellschaftlich etwas in Gang gesetzt werden.