Der Tarantelnebel, aufgenommen mit dem Hubble-Weltraumteleskop.

© Reuters/NASA

Mensch & Kosmos
03/06/2016

Spurensuche im All: Ist da jemand?

Wissenschaftler suchen nach erdähnlichen Planeten und hoffen, dort Leben zu finden – um etwa Fragen zu unserem Ursprung beantworten zu können.

"Wer den Mond beherrscht, beherrscht die Erde" – titelte Der Spiegel 1958 auf dem Cover. Die USA und die damalige Sowjetunion wetteiferten um die erste Mondlandung. Den Amerikanern gelang es zuerst. Zwölf Menschen sind seither auf dem Mond gelandet und insgesamt mehr als 500 Menschen ins All geflogen. Die Zahl der Missionen – ohne oder mit Mensch an Bord – steigt. Dabei geht es auch um folgende Fragen: Sind wir alleine im Universum ? Gibt und gab es noch andere Lebensformen- und räume? Seit Jahrzehnten suchen Astronomen mit verschiedenen Methoden nach bewohnbaren Planeten oder Signalen fremden Lebens. Zuletzt schlugen Forscher des Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung in Göttingen vor, die Suche auf einen bestimmten schmalen Himmelsstreifen zu konzentrieren, dort sei die Entdeckung von außerirdischem Leben am wahrscheinlichsten. Die österreichische Astrophysikerin Lisa Kaltenegger ist überzeugt, dass wir nicht alleine sind: "Es gibt laut den letzten Hochrechnungen Milliarden von Planeten allein in unserer Milchstraße. Es wäre sehr überraschend, wenn es keine anderen Lebensformen gäbe."

Die 39-Jährige war selbst an der Entdeckung der erdähnlichen Exoplaneten Kepler 62e und 62f beteiligt. Was treibt den Menschen an, nach weiterem Leben und Spuren zu suchen? "Neugierde ist ein großer Teil von dieser Faszination. Das macht für mich auch die Menschheit aus. Unsere eigene Welt haben wir schon ziemlich genau erforscht, der Weltraum ist der nächste Horizont für uns, ein kosmischer Ozean, den wir noch nicht erkundet haben, die technischen Möglichkeiten dafür, erforschen wir gerade."
Aktuelles Beispiel: die NASA-Jahresmission, bei der Astronaut Scott Kelly 340 Tage auf der Internationalen Raumstation ISS war. Er kehrte vergangenen Mittwoch auf die Erde zurück. Das Experiment galt als Vorbereitung für eine Mars-Mission – alleine der Flug dorthin dauert ca. 250 Tage. Wie Körper und Psyche auf so lange Zeit in einem beengten Raum reagieren, ist noch ungewiss.

Da gehen die "Analog-Astronauten" des Österreichischen Weltraum Forums (ÖWF) gleich einen Schritt weiter. Sie simulieren Mars-Missionen auf der Erde, zuletzt am Kaunertaler Gletscher. Carmen Köhler war als erste "Analog-Astronautin" mit dabei. Als solche testete die 35-Jährige, die sich schon immer für Luft- und Raumfahrt interessierte und nach ihrer Frisör-Lehre Mathematik studierte, einen 45 Kilogramm schweren Raumanzug. "Die größte Herausforderung war das Körperliche", sagt die gebürtige Berlinerin, obwohl sie ständig trainiert. "Aber, wenn man auf dem Mars ist, muss alles sitzen." Während der zweiwöchigen Boden-Missionen auf über 2.000 Seehöhe entnahmen sie Gesteinsproben und testeten eine spezielle, wasserarme Dampfdusche.

Dass sie die einzige Frau im Team der "Analog-Astronauten" ist, verwundert wenig. Raumfahrt ist eine Männerdomäne. Nur jeder sechste Astronaut ist weiblich. Damit sich das ändert, sucht nun die Zeitarbeitsfirma "HE Space" in Deutschland die erste deutsche Astronautin, die ins All fliegen soll. Für Köhler stehen die Chancen gut, sie will sich bewerben. Finanziert wird das Projekt durch Crowdfunding. Bemannte Missionen sind riskant und teuer, die Organisatoren des Astronautinnen-Castings rechnen mit Kosten von mehreren Hundert Millionen. Für Wolfgang Baumjohann, Leiter des Instituts für Weltraumforschung Graz, das international bei vielen Missionen beteiligt ist, gibt es aus wissenschaftlicher Sicht keinen Grund, Menschen ins All zu schicken: "Es gibt die Ansicht, der Geologe mit seinem Hämmerchen kann Dinge auf dem Mars besser erkennen als ein Roboter. Das ist aber viel teurer. Wenn ich 100 Roboter habe, würden sie vielleicht 30 Mal den Stein falsch aufheben, aber 70 Mal richtig." Dass es bei der Mondlandung 1969 nicht anders ging, lag an der Technik: "Man musste Menschen hinschicken, um Gestein zurückzubringen, da die Computer noch so schlecht waren."

Dennoch wird es nicht das letzte Mal gewesen sein, dass der Mensch auf fremden Planeten landet. Davon ist auch Astrophysikerin Lisa Kaltenegger überzeugt. "Die Neugierde auf das, was wir noch nicht begreifen, treibt uns voran. Vieles was wir heute wissen – denken Sie an Genetik, Quantenmechanik, Internet, Satelliten und Mobiltelefone – konnte sich vor 200 Jahren niemand vorstellen. Es wäre spannend, einen Blick in die Zukunft werfen zu können, denn dann ist bestimmt vieles erklärt, was wir heute nicht begreifen."

Info: Lesen Sie morgen das ganze Interview mit Astrophysikerin Lisa Kaltenegger

Mein Kopf war im Bett so schwer

Ein Jahr lang waren die Astronauten Scott Kelly und Michail Kornijenko im All. Nach ihrer Landung am Mittwoch müssen sie jetzt langsam wieder gehen lernen. Wie es den beiden Raumfahrern, die bereits bei ihren ersten Schritten von Medizinern genau beobachtet werden, dabei geht, kann in Österreich niemand besser nachfühlen als der bislang einzige "Austronaut" Franz Viehböck. Auch wenn er 1991 nicht ein Jahr, sondern nur sieben Tage und 22 Stunden in der Sojus TM-13 verbrachte, war die Rückkehr auf den Planeten Erde nicht ohne.

KURIER: Herr Viehböck, erinnern Sie sich noch an die Zeit nach ihrer Landung, immerhin liegt sie bald 25 Jahre zurück?

Franz Viehböck: Noch sehr gut, immerhin war das ein emotional prägender, ein bewegender Moment. Die ersten Minuten, die ersten Stunden ist man einfach nur froh, wieder heil auf der Erde gelandet zu sein. Gleichzeitig ist diese erste Zeit extrem anstrengend, weil plötzlich wieder die Schwerkraft wirkt.

Konnten Sie sofort gehen?

In den ersten zwei, drei Tagen hatte ich mit dem Gehen schon Probleme. Ich erinnere mich auch, dass ich Schwierigkeiten hatte, ums Eck zu gehen, dass ich dafür extra die Muskeln betätigen musste. Weil ich das Gefühl hatte, dass es mich sonst umwirft. Das war so wackelig wie auf einem schwankenden Schiff oder in einem Flugzeug, das soeben in Turbulenzen gerät.

Gab es auch andere Beeinträchtigungen?

Ich kann mich erinnern, dass ich mich in der Nacht im Bett geärgert habe, dass mein Kopf so schwer war. In der Schwerelosigkeit wiegt dein Kopf ja nichts. Ebenso war es mit den Händen. Die waren im All frei schwebend, und auf der Erde wurden sie wieder runtergedrückt. Das war aber nur in den ersten zwei, drei Tagen so.

Wie ging es Ihnen nach einer Woche?

Ich war in den ersten ein, zwei Wochen deutlich schneller erschöpft als zuvor. Irgendwie habe ich mich gefühlt wie nach einer gerade erst überstandenen Grippe. Bei einem Langzeitaufenthalt im All ist es daher enorm wichtig, dass man sich täglich mit Sport fit hält. Da gibt es aber mittlerweile sehr gute Gegenmaßnahmen.

Haben Sie im All gesportelt?

Leider zu wenig. Ich habe alles nur ausprobiert.

Nur jeder sechste Astronaut ist weiblich. Wären Sie auch mit einer Frau in die Raumkapsel gestiegen?

Ja, da gibt es für mich keinen Unterschied.

Eine positive Stimmung, die sagen will: ,Let’s go!‘

Den Astrophysiker Gernot Grömer fasziniert die Frage, was Menschen auf dem Mars erwartet. Als Obmann des Österreichischen Weltraumforums hat er unzählige Erfahrungen in der Analog-Raumfahrt sammeln können. Das ÖWF ist das einzige Institut in Europa, das Raumfahrten zum Mars simuliert.

KURIER: Deutschland sucht die Raumfahrerin. Was sagen Sie?

Gernot Grömer: Das ist absolut fantastisch. Nicht zuletzt deshalb, weil durch diese Initiative die naturwissenschaftlichen Fächer für junge Frauen attraktiver werden. Egal ob Kosmonautinnen oder Astronautinnen, diese Rollenvorbilder haben der Wissenschaft immer gut getan.

Sind Frauen im All ebenso belastbar wie Männer?

Absolut. Frauen sind gleich hart im Nehmen und auch in ihrer Verletzlichkeit wie Männer. Doch sie haben mehr Problemlösungskompetenz. Ich selbst hatte das Glück, in gemischten und reinen Männercrews arbeiten zu dürfen. Mir ist aufgefallen, dass die Frauen nicht nur technische Probleme schneller lösen als wir Männer, sie waren uns auch in der Kommunikation deutlich überlegen. Wie im Sportverein ist auch das geistige Niveau höher, wenn eine Frau dabei ist.

Die Russen haben die erste Kosmonautin 1963 ins All geschossen. Sind sie uns in der Genderdebatte um Lichtjahre voraus?

Man kann über den Kommunismus denken, was man will, aber dort hat man sich die Gleichberechtigung früh auf die eigenen Fahnen geheftet. Auch im All.

Beobachten auch Sie derzeit eine Faszination für das All?

Absolut. Ich bin seit 1993 im Geschäft. Fragten uns die Leute damals noch, ob wir je auf den Mars fliegen werden, fragen sie heute, wann wir auf den Mars fliegen. Ich vernehme zunehmend mehr ein positives Grundrauschen und eine positive Stimmung, die sagen will "Let’s go!" Ich gehe auch davon aus, dass der erste Mensch, der die rote Erde auf dem Mars betreten wird, bereits geboren ist.

Fürchten wir uns in Europa mehr vor Flüchtlingen als vor Aliens aus dem All?

Die technischen Herausforderungen sind in der Raumfahrt deutlich größer als beim Bau eines Flüchtlingslagers. Dafür ist eine Völkerwanderung emotional beladen. Diese Ängste haben wir in unserer Arbeit nicht.

Und wann fliegt die erste Österreicherin ins All?

Wir würden es absolut begrüßen, wenn es wieder einmal eine österreichische Beteiligung gäbe. Österreich spielt in der bemannten Raumfahrt weiterhin eine untergeordnete Rolle. Das müsste nicht sein. Dabei geht es nicht einmal nur um die Kosten, sondern auch um das Setzen von Prioritäten.

Bemannte Raumfahrt: Wäre nicht eine Austronautin besser?

Der beste Kandidat oder die beste Kandidatin sollte es dann sein. Da brauchen wir keine Quotenregelung.

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