Europas Raumfrachter: Zukunft ungewiss

ATV automatischer Weltraumtransporter der ESA.
Foto: ESA

Automatisches Raumfahrzeug ATV soll neuem Projekt weichen. ESA sieht zwei mögliche Zukunfts-Szenarien.

30 Jahre hatte das Space Shuttle auf dem Buckel, als die Amerikaner es einmotteten. Die russischen Veteranen, die Sojus-Raumfähre und das Progress-Frachtschiff, sind sogar noch länger im Dienst. Verglichen damit gehört der europäische Raumtransporter ATV zu den Neulingen im Geschäft: 2008 startete der Prototyp ins All. An diesem Freitag wird mit "Edoardo Amaldi" das dritte Modell folgen.

Seit dem Ende des Space Shuttles ist seine Bedeutung für die Internationale Raumstation ISS noch gewachsen. Fast sieben Tonnen Ausrüstung, Lebensmittel, Kleidung und Treibstoff kann ein Transporter vom Typ ATV fassen - mehr als das russische und das japanische Versorgungsschiff. Er kann ohne menschliche Hilfe fliegen und automatisch an die ISS andocken.

Bis 2014 sind noch zwei weitere Versorgungsflüge geplant. Dann will die europäische Weltraumagentur ESA ihr technisches Wunderwerk schon wieder einstellen. Angesichts der hohen Entwicklungskosten mag es wirtschaftlich wenig sinnvoll scheinen, ein erprobtes System nach so kurzer Zeit aufzugeben - zumal die beteiligten Nationen die Laufzeit der ISS gerade bis 2020 verlängert haben.

Entweder Zusammenarbeit mit NASA...

Doch die ESA denkt schon einen Schritt weiter: Ihr gehe es nicht um die Serienproduktion, sondern um die Weiterentwicklung des ATV, sagt der Vorsitzende des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, Johann-Dietrich Wörner. "2012 wird das Jahr der Weichenstellung." Zurzeit lässt die ESA in Studien erarbeiten, wie ein europäisches Raumfahrzeug der Zukunft aussehen könnte. Eine Entscheidung soll auf dem Ministerrat im November in Italien fallen.

Zwei Optionen stehen dabei im Fokus, wie der ESA-Direktor für bemannte Raumfahrt, Thomas Reiter, erläutert. Die erste Option sieht eine Zusammenarbeit mit der amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA vor, die derzeit eine Raumfähre für Flüge außerhalb des erdnahen Orbits entwickelt. "Die NASA baut die Kapsel, in der sich die Astronauten befinden. Diese sitzt auf einem Servicemodul, das auf der ATV-Technologie basiert", erläutert Reiter.

... oder Weiterentwicklung zum Multifunktions-Transporter

Ein anderes Konzept sieht vor, den europäischen Raumtransporter so weiterzuentwickeln, dass er flexibel eingesetzt werden kann - zum Beispiel als Versorgungsschiff, unbemannte Forschungsplattform oder Transporter für Satelliten. Die EADS-Raumfahrttochter Atrium hat ATV im Auftrag der ESA entwickelt und baut alle fünf Modelle am Standort in Bremen. "Es ist wichtig, weiterhin über die ISS nachzudenken, aber auch darüber hinaus", erklärt der für die Raumstation zuständige Astrium-Direktor, Michael Menking. Dabei hat er vor allem Missionen zum Mond und Mars im Blick.

Zahnpasta für die ISS

ATV3 Weltraumtransporter der ESA in Flugvorbereitung. Foto: ESA-CNES-ARIANESPACE

Doch zunächst gilt es, den nach dem italienischen Physiker Edoardo Amaldi benannten Raumfrachter ins All zu bringen. Eigentlich sollte er schon Anfang März vom Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana abheben. Doch die ESA verschob den Start um zwei Wochen, nachdem eine Kontrolle im Laderaum ergeben hatte, dass zwei Sicherungsgurte nicht richtig befestigt waren.

Die Astronauten auf der ISS warten bereits gespannt auf die Ankunft des Nachschubs. Neben einem neuen Ventilator für das Forschungslabor "Columbus" und einer Anlage für biologische Experimente werden auch Briefe für die sechs Besatzungsmitglieder und Zahnpasta in verschiedenen Geschmacksrichtungen an Bord sein.

Private Versorger in den Startlöchern

Versorgungsengpässe muss die Crew auch nach dem Start des letzten europäischen Transporters in zwei Jahren nicht fürchten: Im Laufe des Jahres sollen nach Angaben von Reiter zwei private Anbieter aus den USA ihre Kapseln auf Testflüge zur ISS schicken, zunächst mit nur wenig Fracht an Bord. Wenn alles klappt, sollen sie die Raumstation von 2013 an regelmäßig voll ausgelastet anfliegen.

(dpa) Erstellt am
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