Erotic-Store in Hamburg im Jahr 2002

© APA//Ulrich Perrey

Beate Uhse
02/14/2016

Letzter Uhse-Katalog am Tag der Liebe

Die Spiele-Welt für Erwachsene hat sich verändert - mit neuen Zielgruppen und High-Tech-Toys.

von Gabriele Kuhn

Beate Uhse. Ein Name, ein Programm. Der hatte was. Der stand für alles, was Gott verboten hatte. Sündig und schlüpfrig. Für Männer, die mit aufgestelltem Kragen solo im Dunkel der Uhse-Shops herumschlichen und nach Masturbationsvorlagen suchten. Für fleischfarbene Penis-Imitate in Dildo-Form, die erst unter vorgehaltener Hand geordert und dann hurtig im neutralen Einkaufssack nach Hause getragen wurden.

Das ist ebenso Geschichte wie etwa der einst heiß begehrte Uhse-Katalog. Ausgerechnet heute, am Tag der Liebe, erscheint er zum allerletzten Mal.

Die Österreicher spielen gerne

Das Ende einer Institution markiert den Sinnes- und Sinnlichkeitswandel einer experimentierfreudigen Klientel. Das Business hat sich verändert, genauso wie die Konsumenten. Die suchen und ordern ihr Sexspielzeug heute – ähnlich wie Kleidung, Bücher oder Gartenaccessoires – am Sofa sitzend, entspannt, in Jogginghosen. Wohl auch deshalb werden 16 von 78 Uhse-Shops geschlossen. Dennoch boomt die Branche. Laut letzter Durex Global Sex Survey greifen 43 Prozent der Österreicher zu Sextoys – sie liegen mit ihrer Experimentierfreude gar vor den Deutschen und Schweizern. Tendenz steigend. Erwachsenenspiele sorgen weltweit für Milliardenumsätze. Das liegt vor allem daran, dass die Erotikbranche eine neue Zielgruppe erobert hat: die Frauen. Und Paare. "Früher hat sich die Erotikbranche fast ausschließlich an den Bedürfnissen von Männern orientiert. Love Toys für Frauen spielten eine untergeordnete Rolle. Indem sich die männliche Zielgruppe Content irgendwann nur noch gratis aus dem Netz geladen hat (Anm.: mit Content sind Pornos gemeint),hat sie sich quasi selbst abgeschafft", sagt Nicola Schumann, Country-Managerin bei Beate Uhse. Und so kam es, dass der moderne Dildo oder Vibrator heute so aussieht, als wäre er das Werk eines hippen Avantgarde-Designers. Motto: gleiten statt hetzen. Imitate männlicher Geschlechtsteile wurden durch stromlinienförmige Lustobjekte ersetzt, Damen greifen zu knallbunten Freudenspendern, die als Deko-Objekt für den Salon durchgehen würden.

Vorspiel-Turbo für Oscar-Nominierte

Es ist also nicht verwunderlich, dass im 200.000-Dollar-Goodie-Bag, den die Oscar-Nominierten am 28. Februar bei der Verleihung der Academy Awards erhalten werden, erneut ein Sextoy steckt. Diesmal legt man den Hollywoodstars den "Fiera Arouser" in den Schoß – ein Ding, erfunden, um Frauen durchblutungstechnisch auf Top-Niveau zu bringen. Handelt es sich doch dabei um eine Art saugenden Elektro-Vorspiel-Turbo, der Männern harte Arbeit ersparen und Frauen ins Lust-Nirvana beamen soll. Womit wir beim nächsten einschlägigen Stichwort gelandet werden: Sexual Wellness. Sexspielzeug funktioniert wie ein Fitnessgerät und unterstützt die Gesundheit seiner Käufer – zum Beispiel, um den weiblichen Beckenboden zu trainieren.

Der Sex wird technischer

Apps sind ein weiterer zentraler Trend des Markts: "Die meisten Produkte sind jetzt via App und Smartphone steuerbar", erläutert Schumann. Das schaffe Verbindlichkeiten in Fernbeziehungen, die "über eine große Distanz funktionieren. London und Berlin – man hat zwei Produkte, die via Wlan kommunizieren und was auch immer ich mit meinem Produkt mache, wie ich das stimuliere wird übertragen zu dem Gerät, das der Partner in London hat." Sextoy-Designern sind heute offensichtlich keine (Fantasie-)Grenzen mehr gesetzt. Die Freudenspender vibrieren nicht nur – längst gibt es Geräte, die das Innenleben und die Feuchtigkeit der Vagina messen oder mit Druckwellen stimulieren. "Und das mit Orgasmusgarantie innerhalb von zwei Minuten", schwärmt Fachfrau Schumann.

Alles begann mit Katalog für "Ehehygiene"

Als nach dem Zweiten Weltkriegin Beates Uhses Dorf immer mehr Frauen ungewollt schwanger wurden, fragten sie Beate um Rat. Die erinnerte sich an die Knaus-Ogino-Methode und beriet von nun an junge Bauersfrauen über Verhütung. Von ihrer einfachen, zweiseitigen Anleitungsbroschüre "Schrift X", die Beate Uhse im Jahr 1947 für zwei Reichsmark verkaufte, setzte sie insgesamt 32.000 Exemplare ab. Daraus entstand im Jahr 1949 der erste achtseitige Katalog für "Ehehygiene-Bedarf". Daraufhin zog Uhse nach Flensburg, um ihr Unternehmen im großen Stil hochzuziehen.

Erster Sex-Shop der Welt

In Flensburg eröffnete sie dann auch den ersten Sex-Shop der Welt. Mit ihrem jüngsten Sohn aus zweiter Ehe bildete sie im Jahr 1982 eine Aktiengesellschaft, im Mai 1999 ging das damals größte europäische Erotikunternehmen als weltweit erstes seiner Art an die Börse. Im Jahr 2008 beginnen die Umsätze sukzessive zu sinken. Alte Läden mit dem leichten SchmuddelTouch werden geschlossen. Das Internet hat auch diese Branche verändert, die einst erfolgreiche Firma musste sich wandeln. Aktuell konzentriert man sich auf die Zielgruppe Frauen und Paare.

Die Erotik-Legende

Der KURIER besuchte Beate Uhse im Oktober 1999 – als die Unternehmerin 80 Jahre alt wurde. Damals erschien die passionierte Golferin und Fliegerin in ihrer Lieblingsfarbe Blau, samt Ballerinas und weißen Söckchen. Und sie stellte klar: „Ich bin nicht die Aufklärerin der Nation, ich bin Kauffrau. Ich hätte alles verkaufen können.“ Sie aber hatte sich für Erotikprodukte entschieden. Hilfsmittel für Intimbereich Weswegen sie über Jahrzehnte mit der Justiz im Clinch lag. In den 1950er- und 1960er-Jahren handelte sie sich mehr als 2000 Anzeigen ein, die von den Sittenwächtern angestrengt wurden. Zitat aus einer polizeilichen Vorladung: „Broschüren mit schweinischem Inhalt“. Rechtlich betrachtet galt Uhses Ware als „Beihilfe zur Unzucht“, wenn sie womöglich in die Hände von Menschen gelangten, die nicht der Trauschein verband.

Doch im Laufe ihres Wirkens machte Uhse den Sex erst in Deutschland, dann auch in den Nachbarländern salonfähig. Sie selbst war ein Phänomen: Noch mit 73 steuerte die Pilotin ihr eigenes Flugzeug, mit weit über 70 lernte sie noch Tauchen und Golfspielen. Im Juli 2001 starb Beate Uhse an den Folgen einer Lungenentzündung.

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