Leben
26.07.2017

Donauinsel: Die Inselmenschen von Wien

Am Freitag beginnt die Beachvolleyball-WM. Die Donauinsel ist aber weit mehr als nur Event-Ort.

Die Donauinsel ist eine perfekte Projektionsfläche, um die Mentalität der Wiener zu beschreiben: In den ersten Jahren fuhren sie nicht auf die Insel, sondern "auf die Rinne" bzw. "auf das Entlastungsgerinne". Diese wenig liebevolle Bezeichnung wurde von den Technokraten im Rathaus ersonnen und fand schnell Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch.

In der Tat waren während des Aushubs des Entlastungsgerinnes und der Aufschüttung der Donauinsel (von 1972 bis 1988) mehr Bagger als Radfahrer unterwegs, und die frisch gepflanzten Bäumchen warfen noch keinen Schatten. Vor allem aber war die Neue Donau neu. Was in Wien traditionell für Reserviertheit sorgt.

Heute haben es natürlich alle gewusst, auch die größten Inselgegner: dass sich Wien einen effizienten Hochwasserschutz und en passant eine 21,4 Kilometer lange Freizeitoase geschaffen hat, mit drei U-Bahn-Stationen- und einem Straßenbahnhalt. Besonders beliebt ist die Insel bei Event-Managern, die hier bei Konzerten und Sportveranstaltungen wie der Beachvolleyball-WM die Massen bewegen und die Kassen klingeln lassen. Doch die Insel ist auch abseits des frenetischen Jubels einzigartig. Sie ist zu jeder Jahreszeit ein Lebensraum. Nicht nur für Tiere.

Der Donaufischer

Er fischt seit seinem fünften Lebensjahr in den Gewässern der Wiener Donau. Und er hat nie seine Freude an seinem Hobby verloren. Erzählt Norbert Novak, während er seine Angel mit dem Raubfisch-Köder gegenüber von Kaisermühlen in die „Rinne“ wirft. Für den Gewässerökologen bietet die Donauinsel nicht nur effizienten Hochwasserschutz, sondern auch ein Paradies für seinesgleichen: „In der Neuen Donau sind 25 Fischarten vertreten, im fließenden Gewässer der Donau sogar mehr als 50.“

Novak schätzt am Wiener Insel-Revier „die vielen ruhigen Plätze, die sich hier immer noch auftun“, und die „unglaublich gute Erreichbarkeit“. Er selbst fährt oft mit dem Rad oder auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Fischen. Das ist ein Luxus, um den ihn Fischer in anderen Städten beneiden.

Außerdem spricht der passionierte Fischer von einem absolut leistbaren Vergnügen: Die Lizenz für ein Fischerei-Revier an der Neuen Donau wird vom Arbeiterfischereiverband vergeben – sie kostet um die 150 Euro.

Die Daubelfischerin

Am Abend, nach einem ereignisreichen Bürotag strebt sie mit ihrem Auto oder der U-Bahn zu einem der vielleicht geheimnisvollsten Plätzen der Insel: Ruth Stroblhat vor eineinhalb Jahren ein Daubelboot auf der Donau übernommen.

Daubel? Mit den charakteristischen Netzen, die auf einem Daubelkran hängen, wurden schon in der Monarchie Fische gefangen. Während diese Tradition etwa in Budapest verloren ging, erinnern auf der Wiener Donau sowie am unteren Ende des Donaukanals noch etliche Daubeln an ein altes Handwerk. Es gibt auch Bestrebungen, die Daubelfischerei zum Weltkulturerbe zu erheben.

Ruth Strobl genießt jedenfalls die Abende auf der Donau. „Es gibt auf dem Boot keinen Strom und kein fließendes Wasser. Alles ist analog“, sagt sie, während sie mit dem mechanischen Rad das Netz ins Wasser lässt. Gerne sieht sie dem Untergang der Sonne hinterm Wienerwald zu. Oder der Enten-Familie und dem Biber-Liebespaar. Oder sie denkt sich eine nette Geschichte aus, wenn wieder ein Frachtkahn vorbeizieht.

Der Langstreckenläufer

Der Fredi, wie ihn seine Freunde nennen, ist immer noch flott unterwegs. Alfred Krennwird heuer 70 und will den runden Geburtstag entsprechend feiern: „Ich möchte meinen ersten Marathon laufen und ihn von Start bis Ziel genießen.“ Schaut gut aus. 2500 Kilometer ist er in diesem Jahr schon gelaufen. Speziell die längeren Ausdauerläufe absolviert der Floridsdorfer auf der für ihn nahe gelegenen Donauinsel. Oft denkt er beim Passieren des Parkplatzes bei der Floridsdorfer Brücke daran, wie er hier im Schulterschluss mit der Sportorganisation ASKÖ im Jahr 1985 einen Langsamlauftreff eingerichtet hat.

Bis zu 120 Menschen trafen sich hier jeden Dienstagabend, um gemeinsam loszulaufen. Ohne Handy, ohne Doodle-Liste, ohne App. Wer Lust hatte, lief mit. Wer keine Lust hatte, blieb daheim.

„Wir haben mit unserem Lauftreff einen Dienst an der Allgemeinheit geleistet“, sagt Alfred Krenn stolz. Ihm selbst ist die Insel ans Herz gewachsen: „Ich bin hier schon gelaufen, da war das alles noch Überschwemmungsgebiet.“

Der Wildwasser-Macher

Punkt 17 Uhr öffnet der Zeremonienmeister die drei Schleusen – und das aus der Neuen Donau hochgepumpte Wasser fließt in das große künstliche Becken ein wie Badewasser. Michael Straganzbedient den „ Vienna City Wildwasserkanal“ und kann nicht verheimlichen: „Gern würde ich mich jetzt selbst mit einem Kajak in die Fluten stürzen.“ Der Kanal auf der Insel, nahe der Steinspornbrücke, ist ein Meisterwerk der Technik, aufgrund seiner Pumpleistung aber auch ein Energiefresser. Immerhin kostet der Betrieb der Sportanlage die Steuerzahler keinen Cent, wie Straganz in seiner zweiten Funktion als Vizepräsident des Österreichischen Kanuverbands betont.

Die erfahrenen Kajakfahrer berührt das Hightech-Einlauf-Schauspiel nicht. Jene Rafting-Passagiere, die zum ersten Mal hier sind, zeigen hingegen sichtlich Respekt.

„Wir haben leider nicht die finanziellen Mittel, um unsere Anlage besser zu bewerben“, verrät Michael Straganz, während sich seine Kundschaft mutig durch die künstlichen Fluten arbeitet. „Unser Wildwasserkanal inmitten der Großstadt gilt immer noch als Geheimtipp.“

Der gebürtige Lienzer ist ein Inselfan: „Nicht alle in Wien wissen, welches Juwel sie da vor der Haustür haben. Wenn ich mit Gästen im Kajak die Neue Donau raufpaddle, schauen wir den Schildkröten beim Schwimmen zu.“

Nach einer Stunde verebben die Wellen im Kunst-Karussell. Kajakfahrer und Rafter steigen müde und doch entspannt aus ihren Booten. Das Wasser wird nach drei Wochen in die Donau abgelassen. Schmutzig ist es nicht.

Die Lebensretterin

Sie wollen den Sterlet, der lange in der Donau heimisch war, vor dem Aussterben retten. Und sie investieren dafür viel Know-how und Lebenszeit. „Life Sterlet“ heißt ein ehrgeiziges Projekt der Universität für Bodenkultur in Kooperation mit der Stadt Wien. 150.000 Fische sollen bis zum Jahr 2021 auf der Donauinsel gezüchtet und dann in der Donau und in der March ausgesetzt werden, berichtet Lina Florian, die Gewässerökologie studiert und bei dem Wiederbelebungsprojekt mitarbeitet.

Die heranwachsenden Fische schwimmen in einem mit Donauwasser gespülten Becken. Lina Florian achtet mit ihren Kollegen darauf, dass das Wasser im Becken nicht verschmutzt. „Im April haben wir die Fischeier eingebracht“, erzählt die Studentin, die über das Projekt ihre Masterarbeit schreibt. Von April bis September ist ihr Arbeitsplatz die Donauinsel, rund 300 Meter unterhalb der Reichsbrücke.

Es gibt hektischere Plätze zum Arbeiten. Mit Urlaub hat die Sterlet-Aufzucht aber wenig zu tun. Sie erfordert von den wissenschaftlichen Mitarbeitern ständige Aufmerksamkeit. Tag für Tag, auch an den Wochenenden. Doch die Studentin beklagt sich nicht: „Bis zum Projektstart im Vorjahr habe ich die Donauinsel nicht gekannt. Heute bin ich gerne hier, zwischendurch springe ich auch mal ins Wasser.“ Nachsatz der gebürtigen Villacherin: „Die Wiener Insel ist fast so schön wie ein Kärntner See.“

Die mobilen Einsatzkräfte

Eine Dame, die am Gestade Kaisermühlens ihren nackten Körper zeigt – sie entgeht den wachsamen Augen der beiden Radfahrer nicht. Behutsam nähert sich die Mitarbeiterin vom Mobilen Inselservice der freizügigen Sonnenanbeterin, während ihr Kollege Michael dezent im Hintergrund bleibt. Ein paar freundlich-aufklärende Worte, auch über die nahe gelegene FKK-Zone stromabwärts, und die beiden Saison-Bediensteten der Magistratsabteilung 45 können weiterradeln.

Im Team fahren Claudia und Michael seit sieben Jahren über die Insel. Ihr täglicher Job ist es, in der schönen Jahreszeit darauf zu achten, dass die Inselordnung eingehalten wird. Strafen dürfen sie nicht, doch meist reicht ein klärendes Gespräch.

Die Insel-Hüter legen an einem Arbeitstag bis zu 60 Kilometer mit ihren Diensträdern zurück. Bei einem Wegenetz von 280 Kilometer nicht weiter verwunderlich. Einig sind sich beide, dass sie „einen der schönsten Arbeitsplätze der Welt“ haben.