Quo vadis, Islam?

A Muslim boy smiles after he attends an Eid al-Adh
Foto: REUTERS/ATHIT PERAWONGMETHA Die Zukunft des Islam hängt vom Reformerfolg der Muslime in Europa ab.

Fortschreitende Radikalisierung oder liberale Prägung: Wohin entwickelt sich der Islam?

Seit 15 Jahren ist die Situation zwischen Christentum und Islam angespannt, vom 9/11-Terror über steigende Islamphobie bis zum aktuellen Pegida-Strom. Dieses Spannungsfeld wird auch am Dienstag, 3. November, bei einem KURIER-Gespräch (um 18.30 Uhr im Raiffeisen Forum Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Platz 1,1020 Wien) thematisiert.

Jede Diskussion um dieses Thema mündet in zwei Kernfragen: Woher kommt der Islam und wohin entwickelt er sich? Lange Zeit erschöpften sich solche Gespräche in nur zwei radikalen Haltungen: Moslems verachten Frauen, wollen Ungläubige töten, sind insgesamt böse. Oder: Multikulturell ist humanistisch, befruchtend und insgesamt supergut.

Differenzierung

Mittlerweile ist der Diskurs differenzierter und intelligenter. Jüngst steuerte Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad, von Islamisten mit dem Tod bedroht, eine Differenzierung zur Figur Mohammeds bei: Er sei ethischer Prediger in Mekka gewesen, aber auch intoleranter Kriegsfürst in Medina. Daher berufen sich heute liberale wie fundamentalistische Muslime auf ihn.

Darin sieht der islamische Religionspädagoge Ednan Aslan eine große geistige Herausforderung: "Die Menschen prägen die Religion, nicht umgekehrt. Der Islam gehört im Kontext Europa überdacht. Warum gelingt es etwa nicht, eine demokratische Gesellschaft in islamischen Ländern zu etablieren?" Aslan, der am Dienstag auf dem Podium diskutieren wird, ruft Muslime zur Selbstkritik auf. "Wir sind nicht nur Opfer, wir sind auch Täter. Wenn man aber weiterkommen will, muss man aus der Täterperspektive reflektieren."

Ende der Fundis

Andreas Salcher, Buchautor und ebenfalls Podiumsgast am Dienstag, glaubt hingegen an eine normative Kraft des Faktischen: "Die Aufklärung ist im Islam nicht aufzuhalten." In seinem Utopie-Sachbuch "Alles oder nichts" sieht er durch technologischen Fortschritt, Stadtflucht und sinkenden Einfluss archaischer Stammesgesellschaften, weniger Armut und höhere Bildung gar keinen anderen Weg als das Aussterben des Fundamentalismus. "Das alles nagt am System, das kann kein Regime für immer niederhalten. Deren Meinungsmonopol ist nicht aufrecht zu halten."

Dabei spielt auch Europa eine Rolle, sagt der Islamforscher Aslan: "Man muss hervorheben und mutig sagen: Die Zukunft des Islam hängt vom Reformerfolg der Muslime in Europa ab. Natürlich erreicht das auch islamische Länder." Europa bietet dem Islam eine entscheidende Zutat zur Entwicklung: Freiheit. Keine Freiheit, keine Ideen. Aslan: "In Europa können wir den Islam frei reflektieren, in islamischen Ländern nicht. Ohne diese Freiheit kann man aber keine Gedanken veröffentlichen und Reformen andenken." Etwa durch die freie Lehre an Universitäten. "Das haben wir in Österreich, in der Türkei gibt es eher eine Rückentwicklung, Lehrende berichten von eine Salafisierung oder Saudiisierung der Fakultäten."

Theologischer Einklang

Das stehe der Entwicklung im Weg, denn der Islam ist keine abgeschlossene Religion, betont Aslan. "Daher ist zum Beispiel wichtig, dass wir unsere Imame nun selbst ausbilden." Solche Entscheidungen zeigen, dass der Islam in Europa endlich als "innerpolitische Angelegenheit" betrachtet wird. Bis 9/11 wurde er immer als Angelegenheit der Türkei oder Saudi-Arabiens gesehen. Das bot immer eine Chance für ausländische Interessen."

Ein entwickelter Islam europäischer Prägung ist auch für die ankommenden Flüchtlinge wichtig: "Das Problem sind nicht die Menschen, die jetzt zu uns kommen, sondern die Menschen, die schon bei uns leben. Wenn wir die Ankömmlinge mit einem Islambild europäischer Prägung begeistern können, haben wir eine gute Zukunft", sagt Aslan und setzt nach: "Dieser Islam europäischer Prägung fehlt aber."

Ein großer Schritt für diesen Islam wird sein, die Widersprüche zu den Gesellschaften Europas zu klären. "Der Islam darf künftig keine be-, sondern eine entlastende Theologie bieten. Die den Menschen nicht Widersprüche zwischen ihrer Religion und der Gesellschaft eröffnet, sondern sie auflöst."

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Christentum und Islam

KURIER-Gespräch

"Christentum und Islam" ist am Dienstag, 3. November 2015, um 18.30 Uhr im Raiffeisen Forum Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Platz 1,1020 Wien, Thema eines KURIER-Gesprächs: Was das Christentum und den Islam eint, und was die Religionen voneinander trennt. Stehen wir derzeit vor einem Religionskrieg oder einem Kampf der Fundamentalisten gegen Aufklärer? Und in welche Richtung entwickelt sich der Islam in Zukunft?

Darüber diskutieren der Bestseller-Autor und Bildungsexperte Andreas Salcher sowie Ednan Aslan, österr.-türkischer Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Wien, und Gregor Henckel-Donnersmarck, Altabt Stift Heiligenkreuz. Moderiert wird das Gespräch von  der stv. KURIER-Chefredakteurin Martina Salomon.

Der Eintritt ist frei. Um Anmeldung unter events@kurier.at wird gebeten. Alle Infos: +43152 100-2361.

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(kurier) Erstellt am