.

© /Nicolas McComber/iStockphoto

Neues Buch
10/19/2015

Wie uns das Smartphone krank macht

Ein deutscher Informatiker schlägt Alarm – und weist Wege aus dem digitalen Irrsinn.

von Gabriele Kuhn

"Deutschland befindet sich fest im Griff eines Smartphones: Selbst wichtige Staatsangelegenheiten regelt Angela Merkel per SMS." Mit Sätzen wie diesen lässt Buchautor und Informatiker Alexander Markowetz derzeit aufhorchen. In seinem neuen Buch "Digitaler Burn-out. Warum unsere permanente Smartphone-Nutzung gefährlich ist." warnt er vor Smartphones und deren exzessivem Gebrauch.

So oft schauen wir auf unsere Smartphones

Die Zahlen, die er dazu anführt, sind erschreckend: Das Gros der Smartphone-Besitzer schaltet den Handybildschirm durchschnittlich 88-mal pro Tag ein. 35-mal geschieht das, um einen Blick auf die Uhr zu werfen oder ob eine Nachricht eingegangen ist. Es kommt noch dicker: Die verbleibenden 53-mal wird der Bildschirm entsperrt, um mit dem Handy aktiv zu interagieren – also eMails zu schreiben, Apps zu nützen oder im Netz zu surfen. Die Rechnung lautet – ausgehend von acht Stunden Schlaf und 16 Stunden im Wachzustand: Alle 18 Minuten unterbrechen wir, was wir gerade tun, um das Smartphone in irgendeiner Weise in Anspruch zu nehmen. Jenes Viertel der Menschen, das zu den sogenannten "Heavy Usern" zählt, schaut sogar alle 14 Minuten darauf.

App offenbart digitale Sucht

Woher das der Wissenschaftler weiß? Ganz einfach: Er und sein Team hatten im Jahr 2014 die App "Menthal" entwickelt. Am Handy installiert, ermöglicht es Smartphone-Nutzern, ihren Umgang mit dem Telefon zu messen. Es wird sichtbar, wie viel Zeit man täglich mit dem Telefon verbringt. Und den Forschern der Uni Bonn war es möglich, wichtige – anonymisierte – Kerndaten an einen Server zu übermitteln, um sie laufend auszuwerten.

Zuvor gab es nämlich nur vage Vorstellungen und Vermutungen, wie Smartphones das Leben ihrer Besitzer verändern – und eine Frage, die Markowetz so formulierte: "Haben wir wirklich ein gesellschaftliches Problem mit unserem Handyumgang?" Die Auswertung der Daten gab darauf eine so glasklare wie erschreckende Antwort: Ja, haben wir. Und zwar ein großes. Längst hat die Nutzung der digitalen Telefonassistenten ein abnormes Ausmaß erreicht – und die Folgen dessen sind derzeit gar nicht abzuschätzen.Wer denkt, das Problem sei vor allem eines junger Menschen, irrt: Es sind alle betroffen. Die Managerin genauso wie der Vater. Doch natürlich – je jünger, desto heftiger: Im Durchschnitt schalten die 17- bis 25-jährigen Teilnehmer der Studie den Smartphone-Screen täglich 100-mal ein, um sich in den Weiten des www zu verlieren.

Abschied von der Freiheit

Um freie Entscheidungen handelt es sich dabei längst nicht mehr. Laut Markowetz seien Smartphones "Spielautomaten in der Hosentasche". Sie liefern einen Glücksrausch per Knopfdruck und dabei wird das Dopaminsystem im Gehirn angeworfen. Dopamin ist jener Stoff, der das Gehirn flutet, wenn sich zum Beispiel Süchtige "richtige" Drogen einwerfen, Gewöhnungseffekt inklusive. Die Diagnose "Handysucht" existiert zwar (noch) nicht, dennoch ist Markowetz überzeugt, dass Smartphones eine Art Abhängigkeit erzeugen und auf diese Weise Lebensglück stehlen. Er sagt: "Information ist das neue Fett."

Die Tücke dabei liegt in den unendlichen Möglichkeiten, die so ein Ding bietet. Von den Likes in den Sozialen Medien mit all den Hunderttausenden bunten Bildchen bis hin zu Spielen oder Kurz-Videos: Mit jedem Entsperren des Smartphones eröffnet sich eine unendliche Welt der Begehrlichkeit und Befriedigung. Speziell Apps wie Instagram oder WhatsApp seien sogenannte "Desire Engines" – also Maschinen, die darauf abzielen, das Verlangen nach dem Smartphone ins Unermessliche zu steigern. Dass Newsportale permanent ihr Angebot erneuern, ist ebenfalls kein Zufall – das Suchen nach und Finden von Neuigkeiten versorgt alle Ebenen des menschlichen Belohnungssystems mit dem gewissen Kick. Das Ergebnis sitzt tief in unserem Unterbewusstsein und lässt sich mit einem bekannten Slogan aus der Werbung subsumieren: "Wenn ich nur aufhören könnt’ ..."

Gehirn im Alarmzustand

Was das alles mit uns macht, ist noch gar nicht richtig erforscht. Offensichtlich ist: Die permanente Erreichbarkeit führt zu chronischem Stress, der den Menschen und sein Gehirn verändert. Das Hirn sei eben nicht dafür gemacht, zig Dinge gleichzeitig zu erledigen. Die Dauer-Affäre mit unseren Smartphones führe zu einer fragmentierten Aufmerksamkeit. Die Konzentration leidet enorm. Das Dilemma: Der Mensch braucht eine gewisse Zeit, um sich in einer Thematik zu "versenken" und "drin" zu sein. Wer permanent zwischen Handy und seiner Aufgabe switcht, muss sozusagen immer wieder von Neuem beginnen.

Das Handy als Störfaktor – dazu hat Markowetz eine weitere Studie parat: "Kiffer erreichen deutlich bessere Arbeitsleistungen als jene, die etwa ständig von eMails gestört wurden". Dass das nicht gesund sein kann, braucht kaum mehr erwähnt zu werden: Ein Hirn im Nonstop-Katastrophenmodus hat keine Zeit mehr, sich zu erholen. Und das wirkt auf den gesamten Organismus. Markowetz nennt das "digital ausgebrannt". Eine Art Betriebsschaden also.