Die Lösung kommt nach dem Sex

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Warum Ehen immer länger halten und so mancher Streit sich im Bett besser austragen lässt als im Gespräch.

Über die Frage, was eine glückliche Beziehung ausmacht, hat sich jeder den Kopf zerbrochen, der irgendwann in einer unglücklichen Beziehung war. Häufig scheitert eine Partnerschaft nicht an zu vielen Streitereien, sondern an den falschen Erwartungen. Der deutsche Philosoph und Paarberater Christian Thiel macht die Medien dafür verantwortlich.

In seinem Buch "Wieso Frauen immer Sex wollen und Männer immer Kopfschmerzen haben" räumt er mit den häufigsten Irrtümern rund um Liebe und Beziehungen auf. " Das öffentliche Bild der Liebe ist ein anderes als das, was wir leben. Die Liebe im Film folgt bestimmten Klischees und Stereotypen. Dann wundern sich die Menschen, dass die reale Welt anders aussieht." Hier gehe es nämlich nicht um die Frage, ob er auf sie steht oder nicht, sondern ob die beiden zueinanderpassen.

Insgesamt haben Beziehungen laut Thiel bessere Chancen als je zuvor. "Paare haben heute viel mehr Spaß als früher. Damals war Partnerschaft vorwiegend pflichtgeleitet und von gesellschaftlichen Konventionen gekennzeichnet." Heute gebe es immer weniger unglückliche Paare, die trotzdem zusammen sind – weil es stets die Möglichkeit zur Trennung gibt.

10 beliebte Beziehungs-Irrtümer

Beim Sex kommt es auf die Qualität an - Irrtum! Häufiger Sex macht das sexuelle Erleben intensiver – und schüttet Hormone aus, die Lust auf mehr Sex machen. Paare, die viel gemeinsam unternehmen, stärken ihre Partnerschaft - Irrtum! Glückliche Paare unterscheiden sich nicht durch die Menge an gemeinsam verbrachter Freizeit. Eine stabile Partnerschaft ist keine Freizeitgestaltungsgemeinschaft, sondern eine seelische Verbindung – und die gilt es zu stärken. Am besten über Gespräche. Harmonie ist das Wichtigste für eine Beziehung - Irrtum! Die Paar-Psychologin Terri Orbuch fand in jahrelanger Forschungsarbeit heraus, dass Paare, die Auseinandersetzungen über unterschiedliche Ziele und Bedürfnisse haben, eher zusammenbleiben als jene, die versuchen um jeden Preis die Harmonie aufrecht zu erhalten. Die Lust auf Sex flacht in langjährigen Beziehungen ab - Irrtum! Die partnerschaftliche Sexualität kann ansteigen – sie kann sogar besser und intensiver werden. Thiel rät, sich an Gedanken und Verhaltensweisen in der Verliebtheitsphase zu erinnern, um zu neuen Höhepunkten zu finden. Schöne Frauen haben die besten Chancen bei der Partnersuche - Irrtum! Menschen wählen tendenziell Partner, die ähnlich gut aussehen wie sie selbst. Durchschnittlich aussehende Menschen haben damit eine deutlich größere Auswahl. Dazu kommt, dass Männer sich dann häufig mehr für das Aussehen interessieren als für das Wesen der Frau. Sex geht immer, auch bei Stress - Irrtum! Die Wissenschaft nennt Paare, die viel arbeiten und gut verdienen Dinos (double income – no sex). Stresshormone stimmen uns auf Kampf ein, aber nicht auf Sexualität. Den Partner kann man nicht ändern - Irrtum! Jeder soll und muss seine Wünsche an den Partner formulieren – sonst bekommt man nicht, was man braucht, um sich wohl zu fühlen. Wünsche (nicht Vorwürfe!) an den Partner zu haben, entlastet eine Beziehung. Der Mann ist der Jäger und die Frau das Wild - Irrtum! Meist machen Frauen sowohl bei der Partnerwahl als auch bei erotisch motivierten Abenteuern den ersten Schritt – indem sie ihrem Gegenüber signalisieren, er kann sie ansprechen. Der Mann agiert nicht, er reagiert. Man muss jedes Problem ausdiskutieren - Irrtum! Laut Thiel ist es mit Problemen so wie mit Goldfischen: Sie wachsen, wenn man sie füttert. Er plädiert für mehr „Vitamin V“: Verständnis. Es hilft zu verstehen, warum der Partner die Dinge anders sieht. Es gibt die Liebe auf den ersten Blick - Irrtum! Laut Wissenschaft handelt es sich dabei vielmehr um eine Mischung aus erotischer Anziehung und dem Gefühl, begehrt zu werden. Liebe braucht Zeit, um zu entstehen. Sie setzt Vertrautheit voraus und Wissen um das Wesen des anderen.

Kein Pessimismus

Und trotz anhaltend hoher Scheidungsraten betont der Paarberater die positive Seite der Medaille: Die durchschnittliche Ehedauer steigt statistisch gesehen wieder an. In Österreich ist der Anteil jener Paare, die mehr als 25 Jahre verheiratet sind, zwischen 2002 und 2012 um 2,6 Prozent gestiegen. "Es ist also kein Pessimismus angesagt. In unserer Gesellschaft lernen wir damit umzugehen, dass Liebe so gut wie immer eine Sache von Freiwilligkeit ist." Und darauf lassen sich immer mehr Paare ein.

Wegen falscher Klischee-Vorstellungen scheitern etliche jedoch an den Voraussetzungen für eine funktionierende Partnerschaft. Mit der Frage, ob man wirklich zusammenpasst, befassen sich viele heute im besten Fall erst, wenn sie auf die Familiengründung zugehen", sagt Thiel. Vorher gehe es den meisten darum, ob der potenzielle Partner süß und sexy ist und ob man seine Freizeit möglichst gemeinsam gestalten kann. "Das sind keine Kriterien für eine Familiengründung. Es geht darum, ob man kooperieren kann, ob beide ähnlich mit Stress umgehen – es muss charakterlich passen."

Vitamin V

Der Schlüssel zu einer stabilen Partnerschaft liegt für ihn in der Fähigkeit, aufeinander einzugehen. Statt jedes Problem auszuwälzen, um in stundenlangen Diskussionen zu erörtern, wer denn nun Recht hat, propagiert Thiel "Vitamin V" – Verständnis. "Die meisten Themen lassen sich in wenigen Minuten lösen. Wenn man einander signalisiert, dass man den Wunsch des anderen versteht, kommt man viel weiter."

Das unterstütze auch das Sexleben. Entgegen weitläufiger Annahmen, sind es heute nämlich die Männer, die den Fernsehabend einem knisternden Bettgeflüster vorziehen. "In zwei von drei Partnerschaften, in denen es keinen Sex mehr gibt, geht die Lustlosigkeit auf den Mann zurück."

Statt darüber zu streiten, propagiert Thiel daher, Auseinandersetzungen im Bett zu lösen. "Paare können sich nach Sex viel besser einigen als vorher. Die dabei ausgeschütteten Hormone führen zu einer hohen Kompromissbereitschaft. Oft finden Paare erst nach dem Sex zur eigentlichen Lösung eines Problems." Nicht umsonst spricht man hierbei gerne von Versöhnungssex.

… Foto: Verlag Buchtipp Christian Thiel: "Wieso Frauen immer Sex wollen und Männer immer Kopfschmerzen haben. Die populärsten Irrtümer über Beziehung und Liebe". Erschienen bei Südwest um 15,50 Euro.

(kurier) Erstellt am
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